Durchwürseln reicht nicht!

SPD Ein Mann, ein Thema, ein Produkt: Der deformierte und rundgeschliffene Kandidat Schulz vergibt seine letzte Chance in der ARD-Wahlarena
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Durchwürseln reicht nicht!
Martin Schulz im Wahlkampf ist ein Produkt eines Kaltwalzwerks von Kommunikationsstrategen

Foto: Maja Hitij/Getty Images

Über Martin Walser sagt man, dass er sich die Welt aus seinem Bodenseekosmos erschlossen habe. Martin Schulz hat sich die Welt erwürselt. Zumindest lässt sich dieser Eindruck nach dem leidvollen Betrachten der gestrigen "Wahlarena", die immer ein bisschen zu steif und ein bisschen zu aufgesagt durchkonzipiert ist, nicht mehr leugnen. Nebenan, auf dem Zweitbildschirm, demonstrierten verzweifelte Genossen Zweckoptimismus, AfD-Trollbots krächzten ihre Roboterbeschimpfungen dazwischen.

Nur damit kein falscher Eindruck aufkommt: Hier schreibt ein Genosse, der gar nicht anders will oder anders kann als die SPD zu wählen. Der sie immernoch bewundert. Der an Otto Wels, an Herbert Wehner, an Willy Brandt und Helmut Schmidt denkt, wenn er zweifelt - und an das alte Versprechen der sozialen Gerechtigkeit, an Bildung und Aufstieg für die Arbeiter, wie er auch meiner Familie möglich war.

Würselen als Ende der Geschichte

Martin Schulz hätte das Rüstzeug gehabt, um das große Rad seiner Vorväter zu drehen. Er hat rhetorisches Talent, er kann mitreißen, austeilen, streiten, kämpfen - all das grenzt ihn mehr als vorteilhaft von der vollständig asymmetrisch mobilisierenden Amtsinhaberin ab, deren Diskussionsbeiträge zwischen erzwungener Emotionalität und Valiumgabe schwanken. Schulz ist, erwiesenermaßen, ein Kämpfer, der bewußt anecken kann, der sich selbst nicht zu ernst nimmt und der, eine völlig unmerkelige Eigenschaft, sich auch in der Öffentlichkeit traut, anarchischen Humor zu beweisen.

All das erlaubt ihm seine Partei jedoch nicht. Der Schulz des gestrigen Abends ist Produkt eines Kaltwalzwerks von Kommunikationsstrategen: Martin, Du hast mit Würselen das beste Narrativ. Nutz es! Wann immer du kannst! Geh den Leuten damit richtig auf den Sack! Die müssen es kapieren! Und Martin - zeig Emotionen, mit viel Schnief, gerne auch mal aufgesetzt - das Helene-Fischer-Volk wird es Dir danken. Vorsicht Martin, leg dich bloß nicht fest. Keine kurzen Sätze. Münte ist weg vom Fenster! Obacht, Martin, bloß keine klare Kante - am Ende zeigst Du noch den Stinkefinger und redest von der Fahrradkette... wie dieser Typ vom letzten Mal...

Die größte Bedrohung: Authentizität

So bekamen wir gestern Abend nicht den Selfmademan Martin Schulz zu sehen, der sich selbst die notwendige Bildung und das rhetorische Rüstzeug zum Führen des Europaparlaments gegeben hat und diese Rolle glänzend und in viersprachig ausfüllte. Wir bekamen ein verzwergtes, deformiertes Schulzprodukt, bei dem sein "sch"-Fehler als das deutlichste Distinktionsmerkmal zur Amtsinhaberin auffiel und das auch nur deshalb, weil die Antworten so fade und langatmig waren. Niemand störte sich bei Herbert Wehner an seiner holpernden Sprechweise. Wehner hatte stets etwas zu sagen und wenn es auch noch so verschwurbelt hervorkam - die Union zog aus dem Bundestag, Welt & FAZ kriegten Schnappatmung und der Ordnungsruf war programmiert.

Keine Reibungsflächen mehr, nirgends. Im Fußball sagt man auch: Keine Typen. Dabei sind gerade jene es, die den Sport beim "Volk" so populär machen, dem Volk, das die Politiker ansprechen müssen. Sie haben kein anderes! Andi Brehmer kommentiere"haste Scheiße am Schuh, haste Scheiße am Schuh" - da blieben keine Fragen offen. Wenn man heute Spieleräußerungen zuhört, kann man den PR-/Kommunikations-/Rhetoriktrainer mit der mahnend erhobenen Bratpfanne hinter der Sponsorenwand in den Obertönen mitschwingen hören.

Gestern Abend führte vermutlich Hubertus Heil die Bratpfanne. Schön wäre gewesen, wenn Schulz die faulen Nazieier, die demnächst und nach dem gestrigen Abend bestimmt noch zahlreicher ins Parlament einziehen werden, da reingeschlagen hätte. Aber so? Otto Wels und Willy Brandt – schlaft ruhig weiter.

08:29 19.09.2017
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