Wie ein Schwabe die Universal Studios baute

Sachlich richtig Literaturprofessor Erhard Schütz über den jüdischen Mogul Carl Laemmle und Hollywood als Chance für Exilanten
Ausgabe 23/2013

Thomas Pynchon hätte daraus locker einen Tausendseitermachen können, Christine Wunnicke begnügt sich mit 110 Seiten eines sorgfältig gestalteten Bändchens, in denen aber alles Wesentliche vorkommt, wie nämlich z. B. Mr. Boggs in Chicago das Attentat auf seinen Großvater verfilmt und wie er später von einem japanischen Mitarbeiter in Hollywood selbst erschossen wird. Boggs war es leid, beim Drehen vom schlechten Wetter gepeinigt zu werden, überredete seinen Chef Selig, der da eigentlich überhaupt nicht wieder hin wollte, nach Kalifornien zu gehen. „Hier ist es mir zu blöd“, sagt auch Boggs zunächst über Hollywood. Das war im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Das Lichtspiel als „Volksaufklärer der Zukunft“, wie Selig es sah, war damals Produkt von Scharlatanen, Magiern und Abenteurern, aber dann gingen Griffith und Laemmle auch in den Süden, und Laemmle befreite sich aus Edisons Patentklammer. Die Geschichte der Erfindung Hollywoods jedenfalls ist so plastisch und pointiert erzählt, dass man ganz vergisst, ein schmales Büchlein und keinen epischen Schinken vor sich zu haben.

Carl Laemmle (1867–1939), der Gründer der Universal Pictures, war als Produzent für über 9.000 Filme verantwortlich, darunter Dracula, Frankenstein, Das Phantom der Oper, aber auch Im Westen nichts Neues. Letztgenanntes allein hätte gereicht, ihn bei den Nazis zur Persona non grata zu machen. Laemmle war zwar amerikanischer Staatsbürger, aber auch ein im netten württembergischen Laupheim geborener Jude. Da ist es etwas lau formuliert, dass er „mit den Nationalsozialisten in Konflikt“ geriet und darum seinen Geburtsort, dem er viel Gutes getan hatte, nicht mehr besuchen konnte. Durch derlei Dusseligkeit muss man hindurch, wenn man mehr über diesen „Mogul“ erfahren will. Es lohnt das ja auch, nicht nur weil man eine der typischen Selfmade-Karrieren, sondern vor allem weil man Hollywood von seiner armen Entstehung bis zu seinem höchsten Glamour am Leben dieses quirligen Mannes entlang verfolgen kann, der lebenslang an seiner deutschen Heimat hing, aber bereits im Ersten Weltkrieg Propagandafilme gegen Deutschland produzierte. (Auch hier muss man wieder über eine alberne Eierei der Biografin hinwegsehen.)

Er protegierte unter anderem William Wyler, Conrad Veidt und Erich von Stroheim – und Paul Kohner, auch wenn er mit diesem ziemlich über Kreuz kam. Bis zu seinem Tod hat er, der 1934 noch Der verlorene Sohn von und mit Luis Trenker produzierte, zusammen mit Kohner mehreren hundert Juden das Leben gerettet, indem er für sie bürgte. Eine höchst beachtliche Person, die freilich eine weniger hilflos formulierende Biografie verdient hätte als diese – immerhin faktenreiche – hier.

Paul Kohner wurde nach Laemmles Tod Talentagent, ein sehr erfolgreicher. Weiterhin aber rettete er Verfolgten das Leben und versuchte, Exilierte als Drehbuchautoren unterzubringen. In seinem Nachlass fanden sich Skizzen und Treatments unter anderem von Vicki Baum, Fritz Kortner, Jospeh Roth, Heinrich und Klaus Mann und von vielen heute nicht mehr so bekannten Menschen, die nicht selten die filmtauglicheren Stoffe lieferten. Einiges von dem, was hier versammelt ist, ist amüsant und frappierend, vieles zeugt jedoch auch von eher einfältigen Vorstellungen der Autoren vom Film und von Hollywood. Das ist historisch lehrreich, macht nicht nur einmal mehr die Situation des Exils plastisch, sondern auch die Friktionen zwischen Literatur und Film. Wolfgang Jacobsen und Heike Klapdor haben mit ihren Erläuterungen und Ergänzungen aus alledem ein rundes Ganzes gemacht, ein „Sachbuch“ ganz eigener Qualität!

Hans Siemsen ist nicht bis Hollywood gekommen, sondern in New York hängengeblieben, wo er sich mit Propagandaarbeiten für Voice of America durchschlug. Gestorben ist der 1891 im dörflichen Westfalen geborene engagierte Sozialist, Pazifist und bekennende Homosexuelle 1969 – längst wieder in Deutschland, aber außer von wenigen Freunden auch längst vergessen.

Nun kann man in einer sorgfältigen Edition mit einem umfassenden biografischen Vorwort alle die filmpraktischen, theoretischen und kritischen Texte eines wahrhaften Pioniers wieder lesen, noch immer haltbar, noch immer anregend, noch immer vorbildhaft. Nun müssten auch irgendwann noch seine so geistesgegenwärtigen, sensiblen und zugleich stets außerordentlich klaren Feuilletons folgen. Nicht zu vergessen schließlich seine ebenso offenherzigen wie klugen Texte gegen den repressiven Umgang mit Homosexualität.

Selig & Boggs. Die Erfindung von Hollywood Christine Wunnicke Berenberg 2013, 112 S., 20 €

Carl Laemmle. Der Mann, der Hollywood erfand Cristina Stanca-Mustea Osburg 2013, 246 S., 24,90 €

In der Ferne das Glück. Geschichten für Hollywood Wolfgang Jacobsen Heike Klapdor (Hrsg.), Gesine Schröder (Übers.), Aufbau 2013, 503 S., 26,99 €

Hans Siemsen: Kritiker und Essayist Brigitte Bruns Edition Text und Kritik 2012, 360 S., 34 €

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