„Pah-Lak“ über Annexion von Tibet bei Ruhrfestspielen: Theater als Flaschenpost

Theatertagebuch Intensive Premiere: Die diesjährigen Ruhrfestspiele haben ein tibetisches Ensemble eingeladen, auf einer europäischen Bühne zu spielen. „Pah-Lak“ basiert auf geheimen Recherchen und erzählt eindrucksvoll von einem kaum beachteten Konflikt
Ausgabe 27/2023
Intensive Einblicke: Tibetische Schauspieler*innen performen „Pah-Lak“ bei den Ruhrfestspielen
Intensive Einblicke: Tibetische Schauspieler*innen performen „Pah-Lak“ bei den Ruhrfestspielen

Foto: Tibet Theatre

Normalerweise würde man einen Theaterabend nicht unbedingt als „Schmuggelware“ bezeichnen, und doch ist das genau das Wort, das mir bei dem Stück Pah-Lak in den Sinn kam. Zum ersten Mal überhaupt traten bei den diesjährigen Ruhrfestspielen tibetische Schauspieler*innen auf einer europäischen Bühne auf. Pah-Lak, was auf Tibetisch „Vater“ bedeutet, erzählt Geschichten von den anhaltenden grausamen Folgen der gewaltvollen Annexion von Tibet durch China im Jahr 1950. Es ist einer der kaum noch beachteten Konflikte unserer Welt. „Tibet ist ein Hochsicherheitsgefängnis. Es kommen keine Nachrichten hinein und keine hinaus“, beschreibt beim anschließenden Publikumsgespräch der tibetische Mönch und Menschenrechtsaktivist Golog Jigme die Situation seines Landes.

Auch deshalb ist die Aufführung so besonders: Das Stück basiert auf intensiven und teils geheim durchgeführten Recherchen des indischen Dramatikers Abhishek Majumdar, der dafür von 2013 bis 2019 viele Tibeter*innen interviewte. Acht Darsteller*innen und zwei Musiker an traditionellen Instrumenten erspielen an dem fast dreistündigen Abend einen szenischen Reigen, der von verschiedenen Menschen in Tibet und ihren Schicksalen erzählt.

Das Stück kam wie ein geschmuggelter Brief, wie eine Flaschenpost hier an und erzählt von den Ereignissen, die sich in Tibet abspielen: Seit 2009 haben sich dort mehr als 140 Menschen aus Protest verbrannt, und das sind nur die Fälle, die bekannt sind. Selbstverbrennung gilt im Buddhismus als die höchste Form des gewaltfreien Widerstands. Man gibt sich auf, um auf Unmenschlichkeiten und Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen, die in ihrer Bedeutung größer sind als man selbst. Das Problem sei nur, meint Golog Jigme, dass die westliche Wahrnehmung vor allem an Gewaltereignissen interessiert sei. Über Selbstmordattentäter etwa, die viele andere Menschen mit in den Tod reißen, würde ausführlich berichtet, wohingegen gewaltfreier Widerstand keine Beachtung fände.

Die Frage nach der angemessenen Form von Widerstand wird in Tibet offenbar sehr kontrovers verhandelt und ist auch im Stück Thema. Das Problem der Wirksamkeit von Rebellion wird auch deshalb immer existenzieller, erzählt Jigme, weil die chinesische Führung ihr Ziel, Kultur, Sprache und Glaube der Tibeter*innen vollständig auszumerzen, immer gewalttätiger verfolgt. Seit der Annexion 1950 war es bisher nicht gelungen, den Tibeter*innen ihre Traditionen und Glaubensrituale zu nehmen, weil diese im jeweiligen Kontext der Familie weitergegeben werden konnten.

2021 erreichten erstmals Berichte die Öffentlichkeit, wonach Kinder nun im Alter von vier Jahren von ihren Eltern getrennt und in staatliche Zwangsinternate gebracht werden, die sie nur einmal im Jahr verlassen dürfen. Eine Million tibetische Kinder soll davon betroffen sein. In den Internaten wird ausschließlich Mandarin gesprochen, in der Inszenierung ist an einer Stelle ein Video zu sehen, in dem die Kinder im Stehen chinesische Volkslieder singen. Es ist sehr bedrückend. Anfang dieses Jahres legte der geflüchtete tibetische Soziologe Gyal Lo den Vereinten Nationen einen Bericht über die Zwangsinternate vor, er spricht von einem „kulturellen Genozid“. Ein Echo blieb aus.

Im Publikum sitzen an diesem Abend auch viele Exil-Tibeter*innen, die während der Inszenierung weinen müssen. Sie besuchen, wie sie mir später erzählen, zum ersten Mal einen Theaterabend. Für sie sind das Erzählen ihrer Geschichte und die Möglichkeit, ihre Sprache auf der Bühne zu hören, ein wichtiges, ein notwendiges Geschenk. Und ich hatte den Gedanken, dass Theater viel öfter geheimer Überbringer von Nachrichten sein müsste, die uns sonst nicht erreichen.

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