Jagd auf Duchamps

Krimi Eine Surrealismus-Geheimloge verfolgt zwei Teenager durch den „Philadelphia Underground“
Jagd auf Duchamps
Dieses Bild entstammt der Serie „Fluss“ von Dorothee Waldenmaier, mehr Informationen im Kasten unten

Eine der bedeutendsten Arbeiten von Marcel Duchamp, Das Große Glas, befindet sich im Philadelphia Museum of Art. Es ist eines jener wichtigen Werke der Kunstgeschichte, über das im Lauf der Jahrzehnte unglaublich viel geforscht, geschrieben und publiziert wurde. Der untere Teil dieser Installation aus Glas, Metall und anderen Stoffen mit dem Titel Die Junggesellenmaschine fand sogar Eingang in die Philosophie und in die Literaturgeschichte der Fantastik. Der in Kalifornien geborene und in Chicago lebende Augustus Rose baut in seinem beachtlichen Debüt Philadelphia Underground Motive dieses Kunstwerks jetzt in die Handlung seines Romans ein. Sein Debüt ist Krimi, Thriller, Coming-of-Age-Geschichte und spannender Großstadtroman in einem.

Im Zentrum der Erzählung steht die 17-jährige Lee, die so einiges auf dem Kerbholz hat, aber unverschuldet wegen angeblichen Drogenbesitzes im Jugendgefängnis landet. Sie flieht, taucht unter, lebt eine ganze Zeit auf einem Schrottplatz, schließt sich einer Diebesbande an, kommt irgendwann in einer Wohngemeinschaft unter, wo sie Tomi kennenlernt. Der nimmt sie mit zu wilden Techno-Partys, die in Großstadtbrachen und in Abrissgebäuden gefeiert werden. Schließlich zeigt er ihr sogar, wie man ins Museum einsteigt, und begeistert sie für die Kunst von Marcel Duchamp und die Surrealisten.

Philadelphia Underground ist ein überaus ambitionierter Roman. Augustus Rose wagt erfolgreich den Spagat, eine Strömung der bildenden Kunst des beginnenden 20. Jahrhunderts mit einem Pop-Roman zu verknüpfen. Das könnte konstruiert wirken und ordentlich schiefgehen, aber es funktioniert. Und das, obwohl Rose sogar noch eine von Marcel Duchamp inspirierte Geheimgesellschaft namens Société Anonyme durch diesen Roman geistern lässt, was dem Roman einen fast surrealistischen Touch verleiht. Eine Société Anonyme gab es als Kunstgruppe in den 1920er-Jahren tatsächlich, ins Leben gerufen worden war sie von Marcel Duchamp und Man Ray, unter anderem, um Künstler wie Wassily Kandinsky, Paul Klee und Kurt Schwitters einem amerikanischen Publikum bekannt zu machen. In Philadelphia Underground steckt dahinter aber eine schwer durchschaubare kriminelle Vereinigung, die neben Drogenhandel auch für das Verschwinden zahlreicher herumstreunender Jugendlicher verantwortlich zu sein scheint, die irgendwann Wochen später mit leerem Blick wieder auftauchen.

Alles ein Kunstprojekt?

Geht es hier wirklich nur um Drogenhandel? Oder sogar um Missbrauch? Was hat es mit diesem eigenartigen Netzwerk auf sich? Oder verfolgt die Société Anonyme doch nur künstlerische Ziele und versucht das Werk der Surrealisten auf ganz bizarre Weise umzusetzen? Und wie weit gehen kunstbegeisterte Menschen, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen und auszuleben?

Was das alles mit den geheimnisvollen Techno-Partys in ehemaligen Bunkeranlagen oder in einem leer stehenden, heruntergekommenen riesigen Aquarium auf einer kleinen Insel im Delaware River zu tun hat, zu denen man per Flyer eingeladen wird, erschließt sich Lee erst im Lauf der Zeit. Auf der Flucht vor der Société Anonyme quartiert sich der Teenager in leer stehenden Häusern von Menschen ein, die im Urlaub sind. Lee und ihr Freund Tomi werden schließlich durch ganz Philadelphia gejagt, denn bei einem ihrer nächtlichen Ausflüge ins Kunstmuseum lassen sie ein kleines Stück aus einem von Duchamps Werken mitgehen. Bei diesem Readymade, einem Alltagsgegenstand, wie ihn Duchamp und die Surrealisten zum Kunstwerk erklärten, handelt es sich um etwas, das für die Geheimgesellschaft ganz besonderen Wert besitzt. Die Jagd durch die Stadt wird dadurch selbst zum Kunstwerk, das in einigen Details Duchamps Das Große Glas ähnelt.

Ein wenig erinnert das an die ebenfalls in Philadelphia angesiedelte und von der Kritik gehypte Amazon-Serie Dispatches from elsewhere aus diesem Frühling. Darin wird der ganze Stadtraum der Ostküstenstadt und eine darin angesiedelte Schnitzeljagd zum subversiven Kunstprojekt. In Philadelphia Underground geht es neben Surrealismus, Drogen, urbaner Subkultur, der Quantentheorie und wilden Partys auch um das Darknet und informelle Netzwerke, die Lee und Tomi auf ihrer Flucht nutzen.

Am Ende dieser wilden Schnitzeljagd durch Philadelphia und Umgebung steht eine überraschende Auflösung.

Alles fließt

Dorothee Waldenmaier studierte als Meisterschülerin Bildende Kunst an der HGB Leipzig. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Für ihr Fotobuch Fluss erhielt sie den Förderpreis für junge Buchgestaltung der Stiftung Buchkunst und den Deutschen Fotobuchpreis. Waldenmaiers Arbeiten wurden unter anderem im Dortmunder U, Goethe-Institut Paris und im Printing Museum in Tokio ausgestellt.Alles fließt: Fluss ist eine bildnerische Abhandlung eines Flusses am Beispiel der Spree. Ein Manifest der Form. Die Bilder laden zur Reflexion über Wahrnehmung und den Mikro- und Makrokosmos der Naturformen ein. Sie zeigen die Schönheit des Formlosen und Beiläufigen.

Info

Philadelphia Underground Augustus Rose Werner Löcher-Lawrence (Übers.), Piper Verlag 2020, 464 S., 22 €

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06:00 15.11.2020
Geschrieben von

Ausgabe 48/2020

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