Der Mann dahinter

Italien Ein Porträt Gianroberto Casaleggios, Mitbegründer der 5-Sterne-Bewegung

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Der Mann dahinter

Bild: GIUSEPPE ARESU/AFP/Getty Images

Er redet nicht gern, und wenn er das macht, macht er es lieber leise. Er vermeidet die Journalisten, und dass er das macht, erzählt er gern. Auch die Popularität mag er nicht: bis vor kurzem war sein Name nicht bekannt, heute spricht er sogar auf der Bühne. Aber eines ist ihm wichtig: nie war er "hinter" Beppe Grillo, sondern eher "daneben".

Gianroberto Casaleggio (59) ist kein einfacher Unternehmer. Er ist Gründer der Casaleggio Associati, mit Sitz in Mailand, einer Gesellschaft, die sich mit Netzstrategien beschäftigt. Jahrelang hat er bei Technologieunternehmen gearbeitet, auch in Führungsrollen, bis er sich 2004 selbständig machte und seine eigene Gesellschaft lancierte. Seit 2005 betreibt er den Blog des ehemaligen Komikers und Politikers Beppe Grillo: Ein Blog, der zum virtuellen "Sitz" der 5-Sterne-Bewegung geworden ist und dazu ein außergewöhnliches Mittel, Unterstützer und Sympathisanten einzubinden.

Als 2009 die 5-Sterne-Bewegung gegründet wurde, war auch Casaleggio dabei. Einige Jahre zuvor hatte er Beppe Grillo kennengelernt: die Beiden verstanden sich gut und teilten viele Ansichten, einige Veranstaltungen wie die V-Days organisierten sie zusammen (Vaffanculo-Days, wörtlich Leck-mich-am-Arsch-Tage, eine von Beppe Grillo initiierte Veranstaltung, um Unterschriften für Volksinitiativen zu sammeln). Selbst die Bewegung gründeten sie zusammen, wie Casaleggio oftmals wiederholt: doch während Grillo das Gesicht der Bewegung personifiziert, arbeitet Casaleggio eher im Schatten. Und im Schatten entwickelte er die Internet-Strategie, die die Bewegung an die Spitze der italienischen Politik bringen sollte. Was übrigens ihm gelungen ist, denn wie er selber sagt: "Ohne Internet hätte die 5-Sterne-Bewegung nie existiert".

In einem Land wie Italien, wo die Innovation nur schleppend vorankommt, erwies sich der Blog als Initiator einer neuen Art, Politik zu machen, was auch bis jetzt einzigartig bleibt. Durch das Netz kann die 5-Sterne-Bewegung die sogenannte "Basis" direkt ansprechen und dadurch die traditionellen Wege der Kommunikation und Information überspringen. Kein Wunder, dass der Journalist als Feind behandelt wird. Die Rolle des Journalismus besteht nämlich darin, die Politik zu filtern und zu kritisieren. Kein Politiker mag es, doch jeder Politiker muss damit zu Recht kommen. Aber nicht Grillo, der durch seinen Blog einen direkten Kanal zu den Wählern geschaffen hat.

Das Netz ist also das Glück der Bewegung. Grillos Aussagen nach hat der Blog täglich etwa eine halbe Millionen Besucher (wie viel dadurch verdient wird, sagen die Betreiber lieber nicht). Alle Posts werden von Casaleggio oder einem Mitarbeiter geschrieben, dann von Grillo gelesen und veröffentlicht. "Der Blog soll der Ort der Bewegung sein", erklärt Casaleggio. Hier schreiben seine Leader, hier wird das politische Tagesgeschehen kommentiert, hier finden Wahlgänge statt (der Begriff der direkten Demokratie ist den Grillini sehr wichtig). Ein Beispiel: kurz nach der Europawahl entstand die Frage, mit wem die Grillini eine Allianz bilden sollten und welcher Koalition sie beitreten sollten. Das Dilemma wurde vom Netz gelöst. Am Ende wählten 29.000 Wahlberechtigte und 78% stimmten für den Engländer Nigel Farage und seine UKIP-Partei (Aber: Wenn man die Posts der Tage davor liest, hätte man kein anderes Ergebnis erwarten dürfen).

Hinter allem steckt Casaleggio, der Mann, der jeden Tag 5 bis 7 Mal mit Grillo telefoniert und seine Ideen ins Netz bringt. Er selber bezeichnet sich als "net strategist" und ist erst mit über 50 in die Politik eingetreten, zufällig (wie er selber erzählt) und ohne an den öffentlichen Ämtern interessiert zu sein. Das wirkt natürlich untypisch. So wie auch seine Art und Weise und seine Zurückhaltung untypisch wirken, die im italienischen Politikspektrum kaum zu finden sind.

Von den Journalisten wird er oft als "Guru der Bewegung" bezeichnet. Er hat lange Haare und trägt eine runde Brille, er spricht ungern über sich und lässt sich kaum entschlüsseln. Ihm wurden Verbindungen zu den Freimauern und zur Bilderberg-Gruppe nachgesagt, beschrieben wurde er als "visionär" und "autoritär", als "obskur" und sogar "autistisch". Auch seine Beziehung zu Beppe Grillo wird oft in den Fokus gestellt. Zwei Brüder? Nikolaus II. und Rasputin? Arm und Kopf der Bewegung? Casaleggio löst es lakonisch: "Wir haben die Bewegung zusammen gegründet. Aber wir haben unterschiedliche Charaktere". Und natürlich unterschiedliche Lebenserfahrungen: der eine als Unternehmer und Manager, der andere als Showman; der eine hinter den Kulissen, der andere vor der Kamera. Ohne den einen, würde der andere nicht sein, wo er jetzt ist - und umgekehrt. Und ohne die Beiden, wäre die 5-Sterne-Bewegung nicht als zweitstärkste Partei Italiens bei der Europawahl gewählt worden. Ob die Bewegung wirklich etwas Neues und Wertvolles für die italienische Politik bedeutet, ist aber eine andere Geschichte.

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