Die Ukraine - eine künstliche Nation?

Geschichte Ist die Ukraine keine Nation? Teile der deutschen Öffentlichkeit vertreten diese These und bedienen sich dabei einer imperialen Rhetorik
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Die Ukraine - eine künstliche Nation?
Foto: ALEXEY KRAVTSOV/ AFP/ Getty Images

In der jüngsten Ausgabe der Zeit (Nr. 14) konnte man lesen, wie Helmut Schmidt die aktuelle Krise um die Halbinsel Krim wahrnimmt. In einem Interview äußerte der Altbundeskanzler, dass die Ukraine „kein Nationalstaat“ sei. Mehr noch, unter Historikern sei es umstritten, ob „es überhaupt eine ukrainische Nation gibt.“ In derselben Ausgabe kommt Jens Jessen zu dem Schluss, dass die Ursprünge der Ukraine eben „künstlich“ seien und ihre Existenz als unabhängiger Staat ein „Missverständnis der ehemaligen sowjetischen Nationalitätenpolitik“ und verweist auf einen ebenfalls in der Zeit publizierten Text des Berliner Osteuropa-Historikers Jörg Baberowski. Jessen verbindet seinen Text mit dem überzeugenden Appell, dass man sich die Geschichte der Ukraine genauer ansehen müsse, um den gegenwärtigen Konflikt zu verstehen.

Allerdings beginnt die Geschichte ukrainischer Selbstvergewisserungen nicht erst in den 1920er Jahren mit der sowjetischen Nationalitätenpolitik. Die Ursprünge einer ukrainischen Nationalbewegung liegen – wie etliche andere in Europa auch – im 19. Jahrhundert. Zu dieser Zeit begannen Historiker, Intellektuelle und Künstler, sich für ukrainische Kultur und Geschichte zu interessieren und sie von der russischen zu unterscheiden. Dies war auch keineswegs auf die Teile der Ukraine beschränkt, die zum österreichischen Galizien gehörten, sondern vollzog sich auch in der östlichen Ukraine, die Teil des russischen Zarenreiches war.

Die russische Universität in Charkiw war etwa im frühen 19. Jahrhundert ein wichtiges Zentrum einer entstehenden ukrainischen nationalen Bewegung. Der ukrainische Historiker Mychajlo Hruschewskyj verfasste seine Geschichte der Ukraine-Rus‘ in Lemberg und Kiew. Wenn Jens Jessen nun erklärt „Kiew und der Osten waren immer russisch“ macht er sich eben jener Geschichtsvergessenheit schuldig, die er der deutschen Öffentlichkeit vorwirft. Sicher war Kiew eine multiethnische und multireligiöse Stadt mit einer starken russischen Prägung, aber sie war auch der Ort, an dem im Juni 1917 die Autonomie der Ukraine gegenüber der provisorischen Regierung in Petrograd deklariert wurde. Die ersten Versuche der Gründung eines ukrainischen Nationalstaates lagen also deutlich vor der Entstehung der Sowjetunion.

Dass jede Nation in vieler Hinsicht ein Konstrukt ist, wird kaum ein Historiker mehr bestreiten wollen. Es lässt sich aber ebenso wenig bestreiten, dass die Idee der nationalen Gemeinschafteine enorme geschichtliche Wirkungsmächtigkeit entwickelt hat. Sind Nationen oder die Vorstellungen von ihnen einmal da, werden sie zu Kategorien des sozialen und politischen Handelns. Sie werden zur Wirklichkeit. Es hilft dann nicht unbedingt weiter, sie schlicht als „künstliche“ Entitäten abzuqualifizieren. Irritierend ist außerdem, dass die Dekonstruktion nationaler Mythen sich auf die Ukraine beschränkt. Sind die russischen Ansprüche auf die Krim denn Ergebnis von „natürlichen“ Prozessen der Nationswerdung oder einer notwendigen Expansion des Russischen Reiches? Es ist unbestritten, dass die Krim heute von Vielen in und außerhalb Russlands als integraler Bestandteil der russischen Nation wahrgenommen wird, dass auf der Krim Menschen leben, die sich mit Russland identifizieren und deren Stimmen ernst genommen werden müssen.

Dass dies so ist, ist aber Ergebnis eines nicht minder „künstlichen“ Prozesses der kulturellen, politischen und symbolischen Aneignung eines bis 1783 nicht russisch, sondern muslimisch geprägten Territoriums.Nur vollzog sich dieser Prozess vor allem im Laufe des 19. Jahrhunderts. Für uns liegt er heute also in so ferner Vergangenheit, dass wir eher geneigt sind, sein Ergebnis als gegeben hinzunehmen. Die Krimtataren, die ihre Heimat 1944 durch Stalin verloren, haben hierauf verständlicherweise eine andere Perspektive.

Die Infragestellung der Existenz einer ukrainischen Nation geht also einher mit einer unreflektierten Übernahme russischer Nationskonzepte oder sowjetischer und post-sowjetischer Identitätsentwürfe. Diese Interpretation ist nicht zuletzt deswegen bemerkenswert, weil jahrzehntelang gerade die Geschichte der russischen Nationswerdung von Generationen von Osteuropa-Historikern als Beispiel für eine defizitäre oder verspätete nationale Entwicklung angeführt wurde.

Als Beleg für die „Künstlichkeit“ der ukrainischen Nation wird außerdem darauf verwiesen, dass das Land sich nicht auf eine gemeinsame Erzählung über den Zweiten Weltkrieg einigen könne. Diese Beobachtung ist zunächst einmal richtig. Allerdings sind umkämpfte Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg nun wahrlich keine Besonderheit der Ukraine. Solch divergierende Erzählungen gibt es auch in anderen Staaten des östlichen Europas, die sowohl die deutsche als auch die sowjetische Besatzung erlebt haben. Aber sind diese divergierenden Erinnerungen im Falle der Ukrainer auf ihre „künstliche“ oder „geschaffene“ nationale Identität zurückzuführen oder auf die traurige Tatsache, dass sich auf dem Territorium der heutigen Ukraine zwischen 1914 und 1945 unvorstellbare Gewaltexzesse vollzogen? Überspitzt gefragt: Welches nationale Projekt hätte eine solche Erfahrung unbeschadet überstanden?

In der Ukraine zeigt sich in extremer Form was auch für andere Nationen gelten kann: Es gibt konkurrierende Erinnerungen und Deutungen von Schlüsselereignissen des 20. Jahrhunderts. Beispiele dafür lassen sich übrigens auch in Ländern finden, die Historikern lange Zeit als Erfolgsgeschichten der Nationswerdung galten (man sehe sich z.B. die gegenwärtige Debatte in Großbritannien über die nationale Bedeutung des Ersten Weltkrieges an).

Nationen sind keine gottgegebenen Entitäten, Vorstellungen des Nationalen sind einem ständigen Wandel unterworfen, nationale Grenzziehungen sind oft willkürlich und Ergebnisse von Kriegen. Nationale Ideen werden nicht selten durch zunächst kleine Eliten in der Bevölkerung popularisiert. Eine solche „Schaffung“ von Identitäten beschränkt sich auch nicht auf die Nation. Die Identifikation mit der multinationalen Sowjetunion war zunächst auch ein staatliches Projekt, das die Bolschewiki „von oben“ durchsetzten wollten. Dass für viele Menschen in der Ukraine die Sowjetunion ein bedeutender Teil der eigenen Biographie war und ist, steht dazu nicht in Widerspruch.

Nationale sind genau wie imperiale Projekte umstritten, unterschiedliche Deutungen konkurrieren miteinander. Dies gilt ohne Zweifel auch für die Ukraine. Damit ist sie aber eher Regel- als Sonderfall der europäischen Geschichte. Der amerikanische Historiker und Ukraine-Spezialist Mark von Hagen veröffentliche 1995 in der Slavic Review einen sehr lesenswerten Aufsatz mit dem Titel „Does Ukraine Have a History?“. Er schloss ihn mit der pointierten Frage „Should Ukraine have a history?“.

Seine Antwort kann nach wie vor gelten: ja, die Ukraine sollte eine Geschichte haben, aber keine die als vorgezeichneter Weg zur Nationswerdung erzählt wird. Vielmehr müsse die Unbeständigkeit nationaler Identitätsentwürfe ebenso berücksichtigt werden, wie die imperiale Dimension ukrainischer Geschichte, in der auch russische, jüdische, deutsche und polnische Einflüsse eine große Rolle spielen. Gerade die Ukraine ist ein Beispiel für die Grenzen nationaler Erweckungsgeschichten und die Historiographie zur Ukraine könnte damit ein Vorbild für die Dekonstruktion anderer nationaler Meistererzählungen sein. Denn ja, die Dekonstruktion nationaler Mythen ist wichtig. Im besten Fall entzieht sie jenen gefährlichen Nationalisten die Grundlagen, welche die ethnisch homogene nationale Gemeinschaft als die einzig mögliche Form der politischen Organisation propagieren. Dies aber kann kein Vorwand sein, um andere imperiale oder nationale Mythen unhinterfragt zu übernehmen. Was wir – zumindest in Teilen der deutschen Öffentlichkeit – im Moment beobachten können, geht aber in genau diese Richtung: Die Geschichte der Ukraine wird als ein vorherbestimmter Prozess der gescheiterten Nationswerdung erzählt und dabei implizit oder explizit mit angeblich linearen nationalen oder imperialen Erfolgsgeschichten kontrastiert. Wenn solche historischen Erzählungen dann als politisches Argument missbraucht werden, dann machen wir uns eine imperiale Rhetorik zu Eigen, die wir im 21. Jahrhundert eigentlich überwunden haben sollten.

11:26 01.04.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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