„Wie im Gefängnis“

Interview Edouard Abdou* erzählt von seinem Alltag in einer Flüchtlingsunterkunft während der Corona-Pandemie
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„Wie im Gefängnis“
In Sammelunterkünften sind Geflüchtete nicht gut vor dem Coronavirus geschützt (Symbolbild)

Foto: Lukas Schulze/Getty Images

Nikolai Huke: Wo liegt die Unterkunft, in der Sie wohnen?

Edouard Abdou*: Das ist eine alte Kaserne mitten im Wald. Es gibt keine Nachbarn, du bist ganz allein. Es gibt niemanden um dich herum. Es gab mal einen Bus, der die Menschen in die Stadt befördert hat, wo man einkaufen gehen kann, bis zum Bahnhof. Aber jetzt haben die Busfahrer aufgehört, weil sie keine Ausländer mehr befördern wollen. Man muss also laufen vom Bahnhof in die Stadt. Alle, die den Zug nehmen wollen oder einkaufen gehen wollen, müssen laufen. Man kann auch Fahrräder mieten, dann muss man eine Kaution hinterlegen. Sobald etwas defekt ist, ziehen sie dir etwas von der Kaution ab.

*Name geändert

Das Interview führte Nikolai Huke

Das Interview ist Teil einer Interviewreihe zu Alltag und Protest in Flüchtlingsunterkünften während der Corona-Pandemie. Wer über neue Beiträge der Reihe per Kurznachricht informiert werden will, kann sich hier in einen Telegramchannel eintragen.

Wie waren Ihre Erfahrungen mit den Menschen in der Stadt?

Es gibt dort viele Rassisten. Viele wollen keine Ausländer. Seit Corona sehen viele in dir einen Krankheitsüberträger, wenn du im Supermarkt einkaufst.

Können Sie mir beschreiben, wie sie untergebracht sind?

Das ist überhaupt nicht gut. Es gibt kleine Zimmer, wo vier Personen untergebracht sind. Wenn du Glück hast, bist du in so einem Zimmer. Wenn du Pech hast, bist du in einem Zimmer mit sechs, sieben oder acht anderen. Du hast ein Bett und eine kleine Matratze. Im Gebäude gibt es jeweils für über hundert Menschen eine Toilette. Das ist inakzeptabel, hundert Menschen und eine Toilette, eine Dusche. Das ist nicht gut. Soziale Distanzierung heißt einen Meter fünfzig Abstand. Zu viert oder fünft im Zimmer hast du keine Möglichkeit, eineinhalb Meter auseinander zu sein. Außerdem teilst du dir die Toilette mit über hundert Personen. So kann man keine Hygieneregeln in der Corona-Situation einhalten, das geht einfach nicht.

Wie war Ihr Verhältnis zu Menschen, die bei Ihnen im Zimmer wohnten?

Das war ein ziemlich feindseliges Verhältnis. Ich war als einziger französischsprechend, der Rest sprach Englisch, aber wir waren aus dem gleichen Land. Es gab Momente, in denen wir die politischen Konflikte aus dem Herkunftsland im Zimmer ausgetragen haben. Sie haben mich öfter bedroht, nur weil ich Französisch sprach. Ich hatte kein Vertrauen zu ihnen. Einmal wurde ich sogar bedroht, einer sagte: ‚Ich werde dir den Kopf abschneiden.‘ Ich bin dann zu den Sozialarbeitern gegangen und habe sie gebeten, sich darum zu kümmern. Sie haben gesagt: ‚Wenn das weiterhin passiert, werden wir dich in ein anderes Zimmer verlegen.‘ Es ist dann nichts mehr passiert. Ich habe darauf gewartet, dass sie mich eines Tages in ein anderes Zimmer verlegen, aber sie haben nie wieder davon gesprochen.

Wie ist die Essensversorgung in der Unterkunft organisiert?

In der Mensa gibt es Essenszeiten und du musst dich anstellen, um etwas zu bekommen. Mit der Corona-Situation im Moment ist das sehr gefährlich. Alle essen in der gleichen Mensa, 400 Leute gleichzeitig, von zwölf Uhr bis halb zwei.

Gab es Corona-Fälle in der Unterkunft?

Ja, die gab es. Es gab letzte Woche welche und gegenwärtig auch. Wenn es Corona-Fälle gibt, machen sie einfach das Tor zu. Niemand darf das Gelände verlassen. Du hast kein Recht mehr, rauszugehen. Normalerweise darfst du ein, zwei Tage außerhalb verbringen, jetzt nicht mehr. Alle, die zurückkehren, müssen in Quarantäne. Diejenigen, die infiziert waren, wurden isoliert. Es gibt dafür ein Gebäude, in dem eine Etage abgeschlossen wurde, um dort die Leute unterzubringen.

Wie hat sich Ihr Alltag durch Corona verändert?

Die Situation war extrem schwierig und sehr, sehr stressig. Alle hatten Angst vor allen. Du bist mit hundert Personen zusammen. Alle misstrauen sich gegenseitig. Die Möglichkeiten, Zugang zu den Sozialarbeitern in der Unterkunft zu haben, sind sehr rar geworden, ihr Büro wurde zeitweise geschlossen. Zu Beginn wurde Desinfektionsmittel gekauft, aber das hat nicht einmal eine Woche gereicht. Seitdem haben sie nie wieder welches gekauft. Vor Corona hatte ich einen Einführungssprachkurs, aber mit Corona hat alles aufgehört. Das war ohnehin nur ein Einstiegskurs, der Zugang zu richtigen zertifizierten Sprachkursen ist extrem kompliziert, weil du einen entsprechenden Aufenthaltstitel brauchst. Alle anderen haben keinen Zugang zu Kursen oder Arbeit.

Womit haben Sie in der Corona-Situation Ihre Zeit in der Unterkunft verbracht?

Ich habe geschlafen, dann war ich in der Mensa essen. Es gab sonst nichts, was man hätte tun können, weil alle Aktivitäten wie Sportangebote eingestellt wurden. Es war wie in einem Gefängnis. Du hattest keine Möglichkeit, die Unterkunft zu verlassen und sie haben das kontrolliert. Du hattest nicht einmal das Recht, ein bisschen spazieren zu gehen. Es gab dadurch viele Spannungen zwischen den Bewohnern. Es war eine sehr stressige Situation in der Unterkunft.

16:46 25.11.2020
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Gefährdetes Leben

Alltag und Protest in Flüchtlingsunterkünften während der Corona-Pandemie (Redaktion: Doreen Bormann & Nikolai Huke)
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