Die Reise ins Glück

Migranten in Mexiko Hunderttausende von Menschen versuchen jedes Jahr, durch Mexiko in die USA zu fliehen. Diese Flucht ist ein Martyrium, von einem Elend in ein anderes Elend
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Die Reise ins Glück
Flüchtlinge in Mexiko sind der Willkür der Polizei und der mörderischen Kriminalität der Kartelle ausgesetzt

Bild: GUILLERMO ARIAS/AFP/Getty Images

„Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird." (Bertolt Brecht „Flüchtlingsgespräche“)

Auf 75 Kilometern Länge ist der Rio Suchiate Grenzfluss zwischen Mexiko und Guatemala. Seine Quelle liegt am Vulkan Tacaná, dem zweithöchsten Berg Zentralamerikas. Kurz bevor der Suchiate in den Pazifik mündet trennt er die mexikanische Stadt Ciudad Hidalgo von der guatemaltekischen Ciudad Tecún Umán. Auf einer Brücke liegt einer der neun offiziellen Grenzübergänge zwischen den beiden Staaten, der freilich nur von PKWs und Lastwagen benutzt wird. Die meisten Menschen bedienen sich der Flöße, die beidseitig am Ufer liegen. Zwei große Gummireifen, fünf Holzbretter auf Latten genagelt, fertig ist das Boot.

Etwas mehr als zwei Euro kostet die Überfahrt, dafür werden die Flöße vollgepackt mit Menschen und Waren. Eier, Softdrinks, Bier, Chips, Windeln, Klopapier, Zahnpasta, es gibt vermutlich kein Produkt das hier nicht seinen Weg von Mexiko nach Guatemala findet. Zollfrei versteht sich. Die Behörden tolerieren den Warenverkehr, schafft er doch schlecht bezahlte Arbeitsplätze.

Bis zu fünfzehn Menschen klettern auf die kleinen Flöße. Viele Guatemalteken arbeiten als Tagelöhner in Chiapas Landwirtschaft. Auf den Farmen wird Mais, Zuckerrohr, Kaffee, Bananen, Mangos und anderes Obst und Gemüse angepflanzt. Dort verdienen sie Hungerlöhne von weniger als 64 Pesos, umgerechnet 3,14 Euro – das ist der Mindestlohn der in Chiapas für Mexikaner pro Tag bezahlt werden muss. Dafür bekommt man in Europa keinen doppelten Espresso. Dazu kommen längere Arbeitszeiten. In Guatemala liegt der Mindestlohn zwar höher, er wird aber von niemandem durchgesetzt, geschweige denn eingeklagt.

Der Rio Suchiate ist auch der einfachste Weg für Flüchtlinge. Sie kommen meist aus El Salvador, Honduras, Nicaragua oder Guatemala. Sie fliehen vor der Armut und der Gewalt ihrer Heimatländer. Es ist eine Flucht aus einem Elend in ein anderes Elend. In Mexiko werden sie diskriminiert und bedroht. Die Maras, ursprünglich in El Savador gegründete kriminelle Kartelle, kontrollieren die Fluchtrouten in Chiapas. Weiter nördlich übernehmen die „Zetas“, Mexikos gewalttätigstes Drogenkartell. Überfälle, Raubmorde oder Entführungen stehen auf der Tagesordnung. Das Ziel der meisten Flüchtlinge sind die USA. Die Migranten werden aber nicht nur von kriminellen Organisationen bedroht.

„Die Sorge für den Menschen hat in den letzten Jahren sehr zugenommen, ... Es ist nicht wie früher, sondern der Staat kümmert sich. Die großen Männer ... zeigen ein großes Interesse an Menschen und können nicht genug davon kriegen: Sie brauchen viele." (Bertolt Brecht „Flüchtlingsgespräche“)

2014 startete Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto das Programm „Frontera Sur“. Er wolle Mexikos Südgrenze sicherer für Mexikaner und Migranten machen. Peña Nieto wurde vor allem von den Vereinigten Staaten unter Druck gesetzt. Zehntausende von unbegleiteten Kindern und Jugendlichen suchen Jahr für Jahr den Weg in das gelobte Land im Norden. Ein Beamter des US-Amerikanischen Heimatschutzministeriums meinte, man habe die Südgrenze der USA an die Südgrenze Mexikos verlagert. Dafür haben die Vereinigten Staaten 100 Millionen US-Dollar versprochen. Bislang sind davon 20 Millionen investiert worden. So wurden an der Grenze Zoll- und Grenzschutzbeamte aus den Vereinigten Staaten gesichtet. Wenn mexikanische Behörden illegale Migranten festsetzen, werden diesen von den US-Agenten bei Befragungen die Fingerabdrücke abgenommen.

Die Zahl der Flüchtlinge aus dem Süden ist seit dem Programm zwar leicht gesunken, dafür ist die Zahl der Beschwerden gegen die mexikanischen Behörden um 40 Prozent gestiegen. Auch sie missbrauchen die Migranten und machen damit den kriminellen Kartellen Konkurrenz. Alberto Donis, der Direktor der „Hermanos en el Camino“, einer Flüchtlingsunterkunft in der Nähe von Ixtepec, meinte in einem Interview: „Der Plan Frontera Sur hat die Grenzregion in ein Kriegsgebiet verwandelt.“ Bei ihm komme kein Flüchtling an, der nicht von der mexikanischen Migrationsbehörde missbraucht worden sei. Schläge, Erpressung, Raub und vorsätzliche Vernachlässigung, so lauten die meisten Beschuldigungen. Auf ihrem Weg durch Mexiko klettern viele Flüchtlinge zum schlafen auf Bäume. Dort binden sie sich dann mit ihrem Gürtel fest um nicht herunter zu fallen.

Die meist kirchlich geführten Migrantenherbergen sind eine der wenigen Ruhepole auf der Reise ins vermeintliche Glück. Dort können sich die Flüchtlinge ausruhen, bevor sie weiterziehen. Dort gibt es Waschräume, Mahlzeiten und manchmal kommt auch ein Arzt. Die Herberge in Tapachula bietet auch zweimal in der Woche Aufklärungsveranstaltungen an. Ungewollte Schwangerschaften oder Krankheiten wie Aids zählen zu den großen Problemen der Migrantinnen und Migranten.

„Andrerseits ist Menschlichkeit in unseren Zeitläuften kaum zu erhalten ohne Bestechlichkeit ... Sie werden Menschlichkeit finden, wenn Sie einen Beamten finden, der nimmt. Mit etwas Bestechung können Sie sogar gelegentlich Gerechtigkeit erlangen." (Bertolt Brecht „Flüchtlingsgespräche“)

Kaum einer der Migranten wagt es eine Anzeige zu erstatten, wenn er von der Polizei oder einer kriminellen Bande überfallen wird. Auch dann nicht wenn sie geschlagen oder vergewaltigt werden. Viele Polizisten arbeiten mit den Kartellen zusammen. Zeigen die Flüchtlinge ein Verbrechen an, verlieren sie nicht selten ihre letzten Pesos an die Polizei, zudem droht ihnen auch die sofortige Abschiebung.

Schon 1995 richtete Mexiko eine eigene Behörde für die Rechte der Migranten ein. Deren Mitarbeiter nehmen auch Beschwerden der Migranten in den Herbergen auf, bislang allein 500 gegen Beamte der Einwanderungsbehörde. Aber verurteilen oder entschädigen kann die Kommission niemanden. Sie kann nur Empfehlungen aussprechen. So bleiben diese Menschenrechte nicht mehr als ein Stück wertloses Papier. „Sie wissen, dass wir auf der Durchreise sind. Du bleibst nicht, um auf eine Antwort zu warten, denn sie werden nicht losgehen, um den zu suchen, der dich ausgeraubt hat", so ein Migrant gegenüber Amnesty International. „Die Mexikaner wandern doch auch in die USA aus. Warum behandeln uns so viele schlecht? Wir sind auch Menschen und haben dieselbe Würde wie sie."

"Sie haben mir zu verstehen gegeben, daß Sie auf der Suche nach einem Land sind, wo ein solcher Zustand herrscht, daß solche anstrengenden Tugenden wie Vaterlandsliebe, Freiheitsdurst, Güte, Selbstlosigkeit so wenig nötig sind wie ein Scheißen auf die Heimat, Knechtseligkeit, Roheit und Egoismus.“ (Bertolt Brecht „Flüchtlingsgespräche“)

Das Ziel vieler Flüchtlinge ist Arriaga, 300 Kilometer von Ciudad Hidalgo entfernt. Dort am Bahnhof startet „La Bestia“, wie die vielen Güterzüge die Mexiko von Süd nach Nord durchqueren, auch genannt werden. Bis zum Herbst 2005 war der Weg zur Bestie zehn Mal kürzer. Damals startete solch ein „Zug des Todes“ auch in Tapachula, dem Wirtschaftszentrum von Chiapas. Ein Hurrikan zerstörte aber so gut wie alle Brücken an der mexikanischen Pazifikküste. Der Bahnverkehr ist bis heute unterbrochen. Entlang der alten Schienen laufen die Migranten heute 250 Kilometer um nach Arriaga zu kommen. Oder sie nehmen einen teuren Kleinbus. Die vielen Straßenkontrollen versuchen sie zu Fuß zu umgehen. An der Straße, die von der guatemaltekischen Grenze nach Norden führt, wurden allein im Bundestaat Chiapas fünf feste Kontrollposten errichtet. Jedes Auto, das Richtung Norden fährt, muss die Kontrolle passieren.

Die mexikanischen Behörden wollen „La Bestia“ zähmen. So haben sie den Zugang zu den Güterzügen erschwert. Die Leitern, die auf das Dach der Waggons führen, wurden halbiert. Die Haltepunkte der Züge werden stärker überwacht. Die Züge sollen schneller fahren, damit das Aufsteigen während der Fahrt unmöglich sein soll. Dennoch ergattern sich immer noch viele einen Platz auf einem der Todeszüge. Die Fahrt ist riskant. Wer von einem Ast erfasst wird, kann vom Dach geschleudert werden. Beim Auf- oder Abspringen kann man sich böse verletzen. Stromleitungen hängen oft viel zu tief. Viele verlieren bei Unfällen Arme oder Beine. Dazu kommen die Hitze des Dschungels, die Kälte der Gebirge und die Trockenheit der Wüste. Oft halten Polizisten Züge auf offener Strecke an, um die blinden Passagiere abzufangen. Auch die Kartelle haben sich darauf spezialisiert Züge überfallen. Sie berauben die Flüchtlinge oder sie erpressen Lösegeld von deren Angehörigen. 20 % derer die ohne Visum oder Aufenthaltserlaubnis durch Mexiko in die USA gelangen wollen, sind Frauen oder Mädchen. Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass 60 Prozent von ihnen vergewaltigt werden. Die Reise durch Mexiko ist ein Martyrium.

Die Migranten, die das Risiko mit dem Zug zu fahren scheuen, sind auf die „Coyotes“ angewiesen, Menschen-Schmuggler, die ihnen für viel Geld eine sichere Passage versprechen. Diese Kojoten arbeiten oft Hand in Hand mit korrupten Polizisten oder Kartellen. Sie verdienen an der Not der Flüchtlinge. Zwischen 1.500 und 2.500 Euro pro Personen kassieren sie für die Reise an die US-Grenze.

„Wir in den ärmeren Vierteln sind viel tugendhafter erzogen worden als Sie. Wie ich sieben Jahr alt gewesen bin, hab ich in der Früh vor der Schul Zeitungen austragen müssen, das ist Fleiß, und das Geld haben wir uns von den Eltern wegnehmen lassen, das ist Gehorsam. Wenn der Vater besoffen nach Haus gekommen ist, wars ihm nicht recht, daß er den halben Wochenlohn versoffen hat, und er hat uns durchgeprügelt, so haben wir lernen können, Schmerz zu ertragen, und wenn wir nur Kartoffel gekriegt haben und zu wenig, haben wir 'danke' sagen müssen, der Dankbarkeit wegen glaub ich." (Bertolt Brecht „Flüchtlingsgespräche“)

Ganz selten lassen sich auch Beispiele der Menschlichkeit finden. So berichtet „Amnesty International“ von einer Begebenheit aus der Kleinstadt Rafael Lara Grajales im Bundesstaat Puebla. Dort konnten 60 Menschen aus El Salvador, Honduras und Nicaragua, den Kidnappern der „Zetas“ entfliehen. Einer dieser Entflohenen sagte später, er und eine Gruppe Mitreisender seien von bewaffneten Männern vom Zug geholt und zu einem Polizeiauto gebracht worden. Die Polizisten übergaben die Festgenommenen den „Zetas". Die Bande nahm ihnen die Kleider ab und verlangte Telefonnummern von Verwandten, um Lösegeld zu erpressen. Die Kidnapper schlugen ihre Gefangenen und misshandelten sie mit Feuerzeugen. Einigen gelang es schließlich, sich zu befreien. Sie rannten nackt und blutend auf die Straßen von Rafael Lara Grajales. Bewohner der Stadt leisteten Erste Hilfe und versorgten die Geflohenen mit Kleidung, Nahrung und Unterkunft. Die lokale Polizei weigerte sich, die „Zetas“ zu verfolgen. Stattdessen wollte die Staatsanwaltschaft die Migrantinnen und Migranten festnehmen lassen. Die Bewohner von Rafael Lara Grajales verhinderten die Festnahme, weil sie befürchteten, die gerade befreiten Gefangenen würden wieder an die Kidnapper übergeben. Solch ein Beispiel aber bleibt ein Einzelfall.

Die Lage der Flüchtlinge in Mexiko bleibt auch in Zukunft hoffnungslos. Sie sind weiter der Willkür der Polizei und der mörderischen Kriminalität der Kartelle ausgesetzt. Die Zahlen sind erschreckend. Christopher Gascon, mexikanischer Repräsentant der Internationale Organisation für Migration (IOM) schätzt, dass eine Million Mexikaner und rund 150.000 Zentralamerikaner jedes Jahr versuchen legal oder illegal in die Vereinigten Staaten zu gelangen. Schutzorganisationen wie die Mittelamerikanische Migrationsbewegung - M3 gehen von sehr viel mehr zentralamerikanischen Flüchtlinge aus und nennen eine Zahl von 300.000. Laut M 3 sind seit 2006 70.000 Migranten auf dem Weg durch Mexiko verschwunden oder als Krüppel gestandet, weil sie vom Zug gefallen sind. Offizielle Zahlen, wie viele Flüchtlinge auf der Reise sterben, gibt es kaum. Allein die US-Behörden zählen jedes Jahr rund 400 Menschen, die in der Wüste tot aufgefunden werden. Zahlen über die Opfer von Gangsterbanden gibt es nicht.

00:28 15.08.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Goggo Gensch

Festivalleiter ("SWR Doku Festival"), Autor und Regisseur. Lebt in Stuttgart.
Goggo Gensch

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