Wie demokratisch ist der Sport? Kommt drauf an ...

Kolumne Sport ist unweigerlich politisch, im Guten wie im Schlechten. Wahlen gibt es auch in Verbänden, aber wie repräsentativ sind sie ohne Gegenkandidaturen? Oft kommen nur Hardcore-Fans – und Schnäppchenjäger
Ausgabe 11/2023
So viel ist sicher: Die Tricks des amtierenden FIFA-Präsidenten Gianni Infantino entbehren jeglicher demokratischer Grundlage
So viel ist sicher: Die Tricks des amtierenden FIFA-Präsidenten Gianni Infantino entbehren jeglicher demokratischer Grundlage

Foto: Odd Andersen/AFP via Getty Images

Sport ist politisch. Immer schon gewesen. Der Medaillenspiegel bei Olympischen Spielen – eine Leistungsschau der Gesellschafts- und Staatsmodelle. Die Vergabe von Großereignissen – stets erfolgt sie auch im Interesse von Regierungen. Seit der Fußball-WM 2022 in Katar ist der Begriff des Sportswashing hinreichend erklärt. Ein Land lenkt mit den positiven Emotionen, die das Sporterlebnis schafft, von allem ab, das diskussionswürdig wäre. Es löst Eintrittskarten in Kreise, die ihm sonst verschlossen blieben. Sport wird oft missbraucht, er kann jedoch auch politisch segensreich sein, wenn er auf dem Spielfeld vorführt, dass es von Mensch zu Mensch eine Brücke gibt – auch wenn die Kulturen im Clinch liegen.

Okay, wenn der Sport unweigerlich politisch ist – ist er denn auch demokratisch? Vereine und Verbände sind keine Diktaturen, das ist klar. Doch bilden die Wahlen, die sie abhalten, den Willen der Mehrheit ab? Das muss man fragen, weil es die Woche der FIFA ist, der neben dem IOC wichtigsten Regierung im Weltsport. Und das Ergebnis steht jetzt schon fest: Gianni Infantino wird Präsident bleiben, ein Gegenkandidat wurde erst gar nicht aufgestellt. Es geht nur noch darum, wie überwältigend Infantinos Ergebnis sein wird.

Die FIFA orientiert sich bei ihrem Wahlsystem an der UNO-Vollversammlung. Es gilt das Prinzip „one country, one vote“, jedes Land hat eine Stimme, und der Fußball zählt sogar mehr Mitglieder als die Weltgemeinschaft, weil er nach Verbänden rechnet und es zum Beispiel kein Großbritannien gibt, sondern England, Schottland, Wales und Nordirland. FIFA-Wahlen laufen reibungslos ab, jede der 211 Delegationen ist an das elektronische System angeschlossen, es müssen nur der Ja- oder Nein-Knopf gedrückt werden, man hat sofort ein Ergebnis. Und ist es nicht schön, dass vor der FIFA alle gleich sind? Sport ist gerecht.

Oder ist das eine Scheindemokratie? Die Gegenargumentation nämlich lautet: Ein Verband, der viele Mitglieder repräsentiert, müsste mehr zu sagen haben als einer mit schwachen Strukturen – zumal die kleine Organisation empfänglicher ist für gezielt eingesetzte Gefälligkeiten von oben. Der, dem die aktuelle FIFA-Führung die Mittel für eine repräsentative Zentrale und den Bau von Rasenplätzen zuweist, wird nicht zu deren Umsturz neigen. FIFA-Präsidenten, die nicht weichen wollten, haben das Füllhorn über Afrika und Asien ausgeschüttet und sich so Stimmen blockweise gesichert.

Gianni Infantino spielt sogar noch einen weiteren Trick aus: Statt 32 dürfen 48 Mannschaften an der Weltmeisterschaft teilnehmen – das finden vor allem die gut, die noch nie dabei waren oder nur selten. Für Deutschland dagegen ist ein aufgeblasenes Turnier ein Ärgernis. Aber die deutsche Stimme zählt nicht mehr als die von Burundi oder Guam. Und irgendwie fühlt sich das nicht wahrhaft demokratisch an.

Andererseits: Zum FIFA-Kongress kommen alle, die ein Stimmrecht haben, die Wahlbeteiligung ist hoch. Von den Mitgliederversammlungen deutscher Fußballvereine lässt sich das nicht sagen. Dem FC Bayern München haben sich inzwischen über 300.000 Menschen angeschlossen, doch selbst wenn in jedem dritten Jahr auf der Mitgliederversammlung das Präsidium neu- oder wiedergewählt wird, bemühen sich nur ein paar tausend Hardcore-Fans in die Veranstaltungshalle. Für die meisten ist der Weg zu weit – oder es ist ihnen egal. Beim VfB Stuttgart erreichten sie viel bessere Zahlen, man musste wegen des Andrangs sogar mal ins Stadion ausweichen; doch bei den meisten bestand die Motivation fürs Mitmachen darin, dass es ein Trikot geschenkt gab. Übertragen wir das auf die Politik?

Lieber nicht.

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