Die Note Eins in Trösten

Zensuren Die Zeiten, in denen nur Schüler Zeugnisse bekommen, sind vorbei. Heute bringen Kinder auch welche für ihre Eltern heim. Ein Erfahrungsbericht
Jana Hensel | Ausgabe 29/2014 9

Ich habe in der vergangenen Woche nach vielen, vielen Jahren mal wieder ein Zeugnis bekommen. In zweifacher Hinsicht eine Premiere: Es war das erste Zeugnis für mich als Mutter; und es war das erste Zeugnis als Mutter eines Schulkindes. Wenn das für Sie verwirrend klingt, dann tut mir das leid, aber ich muss sagen, für mich war das Ganze auch verwirrend.

Was ist also passiert? Mein Sohn hat die erste Klasse in einer normalen Berliner Grundschule – die Schule ist bei uns um die Ecke, wir haben sie nicht ausgewählt, sie wurde uns zugeteilt – absolviert und kam nach seinem letzten Schultag gleich mit einem ganzen Packen Zeugnisse nach Hause: Ein fünf A4-Seiten umfassendes für ihn von seiner Lehrerin; ein einseitiges von einem Mitschüler für ihn; eines von ihm für Papa und eines von ihm für Mama.

Ich habe in den Fächern Leckeres-Frühstück-machen, Du-hörst-mir-zu-wenn-ich-von-meinem-Tag-erzähle und in Trösten eine Eins; in Tiere-und-Pflanzen-erklären und Kreative-Spielideen habe ich eine Drei. Vor allem Letztere stört mich. Für Tiere habe ich mich noch nie interessiert, für Pflanzen ist irgendwie der Rest der Familie zuständig, aber die Sache mit den Spielideen, ja, die juckt mich. Die kratzt an meinem Selbstbild. Noch am Abend der Zeugnisverleihung habe ich mich also mit meinem Kind hingesetzt und ein Boot – mit Ausguck und Anhänger – aus einer alten Toasterverpackung gebaut. Im nächsten Schuljahr muss ich in diesem Fach unbedingt besser werden. Das gelobe ich.

So weit, so lustig. Aber die Sache hat einen ernsten Kern. Mutter sein heißt, ein schlechtes Gewissen zu haben. Immer und ständig, mal mehr, mal weniger, aber ganz weg geht das nie. Höre ich meinem Kind zu? Kenne ich seine Ängste, vertraut er mir seine Sorgen an? Diese Fragen stellt man sich auch dann, wenn man keine Helikopter-Mutter ist. Insofern, um ehrlich zu sein, fiel mir ein großer Mühlstein vom Herzen, als mein Kind mir auf dem Umweg des Zeugnisses bescheinigte, dass das mit uns schon irgendwie in Ordnung geht.

Aber was wäre gewesen, wenn nicht? Diese Frage treibt mich seither um. Was wäre gewesen, wenn er mich in den Fächern Trösten und Zuhören nicht versetzt hätte, wenn ich sitzengeblieben wäre. Bei dem Gedanken wird mir ganz schlecht. Früher war ich schwatzhaft, und meine Mutter musste deshalb öfter am Samstag nach der dritten Stunde zum Elterngespräch in die Schule. Sie hat es gehasst, ich habe es gehasst. Aber nun müsste ich ja meinen Sohn zu so einem Gespräch in die Schule schicken. Wenn das meine Mutter wüsste!

 

06:00 18.07.2014
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