Wie wird es sein, im Restaurant zu sitzen?

Corona-Lockerungen Unser Kochkolumnist fragt sich, ob er sich an die neue neue Normalität gewöhnen kann
Wie wird es sein, im Restaurant zu sitzen?
Die sogenannte Außengastronomie, ein Stück sterile Normalität

Foto: Maja Hitij/Getty Images

Ich versuche mich seit ein paar Tagen an meinen ersten Restaurantbesuch zu erinnern. Wie war das damals? Wird das nun wieder genauso sein? Angeregt hat mich auch der Freitag von voriger Woche. Einige Autor*innen beschrieben da, mit welchen Gefühlen sie in die Normalität zurückkehren. Normalität: Ich habe in den vergangenen Monaten vor allem einen Begriff davon bekommen, wie wenig dieser Zustand mit Dauerhaftigkeit verbunden ist. Hat es nicht schon einmal einen Punkt gegeben, an dem diese Normalität begann, der erste Filmbesuch, der erste Arbeitstag, der erste Restaurantbesuch? Pandemie zwingt einen, das wieder zu erleben. Könnte doch schön sein. Oder?

An meinen allerersten Restaurantbesuch kann ich mich jedoch – wie vielleicht die meisten – nicht erinnern. Ich habe ihn wahrscheinlich schlafend in einem Kinderwagen verbracht. Es ist wie bei so vielen Alltagsdingen. Man rutscht so rein – wie in den Sandkasten oder auf die Rückbank der Familienkutsche. Dann sitzt man für einen großen Teil seines jungen Lebens im VW Passat rechts hinten, rutscht immer mal wieder vor auf den Beifahrersitz. Und dann kommt der Moment, da wechselt man ans Steuer.

Der erste Restaurantbesuch, das ist vielleicht doch der, bei dem sich das Bewusstsein einstellt, dass es Örtlichkeiten gibt, wo man sich nicht nur abspeisen lassen kann (wie in der Mensa oder am Hotel-Buffet), sondern wo man speisen will. Wenn man begreift, dass zum Genuss auch der „educated guest“ gehört. Weil man seinen Geschmack zu anderen in Beziehung setzen will. Der Moment, in dem man sich entscheidet, dass man die Speisekarte verstehen und sich beim Lesen nicht mehr blamieren will. Der Moment, in dem man sich ernsthaft fragt: Was machen die Menschen an den anderen Tischen wirklich, wenn sie ihre Nase unter genauer Beobachtung des Kellners in ein Glas mit einer Pfütze Wein hängen? Wenn man noch einen anderen Menschen einlädt und merkt: Nun ist man im Lokal ja nicht nur Gast, sondern auch Gastgeber ... Kurzum, wenn aus Konsum Kultur wird.

Ich komme mal zum Punkt. Bis vor einem Dreivierteljahr habe ich mich im Restaurant bewegt wie ein Fisch im Wasser. Und jetzt, da ich wieder ins Aquarium zurückdarf, ja zurückmuss, da die Gastronomie jeden, aber auch jeden Gast braucht, kommt mir das vor wie ein Sprung ins eisige Wasser.

Könnte es sein, dass ich den Geschmack verlernt habe? Was hat das halbe Jahr Isolation mit meinen Fähigkeiten als Gast gemacht? Wie soll man genießen, wenn einem der Nebentisch, weil keine Plexiglaswand da ist, gefühlt auf den Teller spuckt? Ertrage ich es, die Gespräche von dort mitzubekommen? Und dann: Monatelang habe ich ziemlich allein vor mich hin gekocht, mit Ausnahme von ein paar Lieferpizzen. Ist mein Geschmack überhaupt noch sozialkompatibel? Oder der des Kochs? Und wer entscheidet das?

Es gibt Situationen, da muss man aus vielen Erinnerungen eine auswählen, um einen Anfang zu haben. New York, frühe 1990er. Nach drei Tagen hatte ich Burgers, Bagels und Tacos satt und reservierte – schon das eine Premiere – in einem französischen Restaurant in der Fifth Avenue. Es begann perfekt: Wir bekamen einen guten Tisch, das Essen war gut, es war nur auf den Tellern gefährlich hoch aufgetürmt. Eine Flasche Sancerre stand da, der einzige Wein auf der Karte, bei dem ich darauf gewettet hätte, dass er kein Reinfall sein würde.

Das Gespräch war gut, und wir bestellten noch eine Flasche. Doch es hatte nur diese eine Flasche gegeben. Das war peinlich, dem Kellner, mir aber auch. Wir überließen ihm die Entscheidung über die nächste Flasche. Er brachte einen Pouilly-Fumé. Das war die beste Wahl des Abends.

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06:00 05.06.2021
Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch

Ausgabe 23/2021

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