Juliane Löffler
Ausgabe 2417 | 17.06.2017 | 06:00 8

Blinder Fleck

Gesellschaft Eine neue Studie zeigt, wie sehr sexuelle Gewalt unter Gleichaltrigen den Schulalltag durchdringt. Betroffen sind meist Mädchen

Blinder Fleck

Was läuft auf dem Schulhof schief?

Foto: imago/Hans Biossey

Wird über die Probleme von Schülerinnen und Schülern gesprochen, debattieren die Erwachsenen gern ihre Lieblings-Aufreger. Marode Schulgebäude gehören dazu, schlechte Pisa-Ergebnisse und Integrationsprobleme. Aber es gibt Themen, die den Schulalltag massiv beeinflussen – und viel zu wenig zur Sprache kommen. Einer dieser blinden Flecke sind Sexismus und sexuelle Gewalt unter Gleichaltrigen. In einer Studie hat Sabine Maschke (Philipps-Universität Marburg zusammen mit der Justus-Liebig Universität Gießen) nun 14- bis 18-Jährige befragt – und dabei drastische Erlebnisse sexualisierter Gewalt zutage gefördert. Betroffen sind vor allem Mädchen: 30 Prozent berichten von nicht gewollten Berührungen an Po oder Brust. Jedem zehnten Mädchen wird gegen ihren Willen ans Geschlechtsteil gefasst. Ebenso viele erklären, dass Jungen sie zum Geschlechtsverkehr drängen oder zwingen wollen. Bei drei Prozent kam es dabei zur Penetration, im Klartext: Das sind Vergewaltigungsfälle. Auch Jungen sind betroffen, wenn die Zahlen dort auch weitaus niedriger sind. Allen ist gemeinsam: Das Thema ist den Jugendlichen sehr wichtig. 80 Prozent betonen das.

Was ist da schiefgelaufen? Wie kann es sein, dass wenige Jahrzehnte nach der sexuellen Revolution und der großen Aufklärungswelle noch immer ein so hohes Maß an sexueller Gewalt die Jugend beherrscht? Als Grund führt die Autorin vor allem die Pornografisierung der Alltagskultur an. Fast die Hälfte der Jungen gibt an, öfter pornografische Webseiten zu konsumieren. Auch wenn neun von zehn Teenagern meinen, dass „echte Sexualität“ ganz anders ist als Porno, sind sie doch massiv beeinflusst. Über ein Drittel gab an, sie hätten Dinge gesehen, die sie lieber nicht gesehen hätten.

Hier werden gefährliche Mechanismen deutlich. Auch in der Werbekultur wird ein Frauenbild vermittelt, das Frauen herabwürdigt und zu Sexobjekten stilisiert. Das ist Teil unserer Alltagskultur. Wir sind umgeben von Bildern von Sexualität, die ungesund, respektlos, und unrealistisch sind. Sie beeinflussen Verhalten mehr, als uns lieb sein kann.

Es gab darüber in Deutschland in den vergangenen Jahren eine große Debatte, begonnen mit der Dirndl-Affäre um Rainer Brüderle und geführt unter dem Stichwort „Aufschrei“. Das hat das Bewusstsein für Sexismus und sexuelle Gewalt verändert, und es gibt Erfolge wie die Verschärfung des Sexualstrafrechts im vergangenen Jahr. Aber wenn sogar der Rechtsstaat so lange brauchte, Frauen und Mädchen vor sexueller Gewalt zu schützen – wen wundert es, dass es in den Köpfen der Jugendlichen noch nicht angekommen ist? Es ist deshalb richtig, dass die Sozialforscherin Maschke den Begriff der sexuellen Gewalt bewusst weit fasst und auch verbale Gewalt untersucht hat.

Mit der Anerkennung von Sexismus als Problem tun sich viele noch schwer. Das verderbe den Spaß, heißt es dann oft. Falsch. Zum Spaßhaben gehören zwei. Sexuelle Freiheit – und sie reicht vom Flirt bis zum Porno – beinhaltet auch die Notwendigkeit zur Sensibilisierung. Jungen und Männer (vereinzelt auch Frauen und Mädchen) werden besser erkennen müssen, was das Gegenüber will – und was nicht. In der Schule bekämen die Mädchen beigebracht, nicht vergewaltigt zu werden, statt dass Jungen beigebracht wird, nicht zu vergewaltigen. So wird eine Schülerin aus der Studie zitiert. Es ist überfällig, dass Mädchen und vor allem auch Jungen lernen, wie sie mit ihrer sexuellen Freiheit umgehen können, ohne andere zu verletzen. Gut, dass es nun eine Datengrundlage dafür gibt.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 24/17.

Kommentare (8)

Flegel 17.06.2017 | 11:41

Welche Rolle spielen eigentlich Eltern

„Es ist überfällig, dass Mädchen und vor allem auch Jungen lernen, wie sie mit ihrer sexuellen Freiheit umgehen können, ohne andere zu verletzen. Gut, dass es nun eine Datengrundlage dafür gibt.“

Sind Sie wirklich der Meinung, hierfür seien Datenerhebungen notwendig? – Was ist eigentlich mit den Eltern dieser Kinder, wie nah sind sie denn eigentlich an ihren Kindern, wie einflussfähig. Nun werden Sie sagen, Kinder in der Pubertät sind sperrig, entziehen sich dem Einfluss der Erwachsenen gerne. Aber beginnt Erziehung und letztlich auch Sexualerziehung – falls es die überhaupt isoliert geben sollte – nicht bereits in utero?

Auch Sie tun wieder so, als sei „Gesellschaft“ der einzige Adressat Ihrer genannten Studie. Spielen Individuen, in diesem Falle Eltern, überhaupt keine Rolle mehr? Sexualkundliche Laborunterweisung in Schulen anstatt Eltervorbild?

Erklären Eltern ihren Kindern eigentlich wie sie es selbst angestellt haben, sie, die Kinder, zu bekommen? Dass das ganz viel mit sexueller Leidenschaft zu tun hatte/hat und dass sexuelle Beziehungsgestaltung etwas Begehrenswertes ist? – Aber immer und ausschließlich Einvernehmen der Beteiligten voraussetzt und ansonsten als Gewalt angeprangert werden muss?

„Als Grund führt die Autorin vor allem die Pornografisierung der Alltagskultur an. Fast die Hälfte der Jungen gibt an, öfter pornografische Webseiten zu konsumieren.“

Nein, mit solchen Einlassungen lenkt man auch wieder von der individuellen Verantwortung der Eltern ab. Die Betrachtung pornographischer Inhalte ist nicht per se und zwangsläufig entwicklungsgefährdend, aber sie kann es sein, wenn Eltern es zulassen, dass sie selbst von der Betrachtung pornographischer Inhalte Ihrer Kinder überrascht werden.

Anstößig ist der Gewaltakt. Und um den geht es hier.

Apropos Eltern- bzw. Erwachsenenvorbild:

Mussten wir nicht soeben erst noch die erschütternden Erkenntnisse der Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs zur Kenntnis nehmen? "Wir haben eine ungebrochen hohe Fallzahl. Jedes Jahr gibt es mehr als 12.000 Ermittlungsverfahren wegen sexuellen Kindesmissbrauchs. Das Dunkelfeld ist noch sehr viel größer", erklärte uns der Missbrauchsbeauftragte der Regierung.

Und vor allem: »Zu viele Mütter schauen weg

»Bei sexuellem Missbrauch in der Familie bekommen Kinder oft keine oder erst spät Hilfe. Vor allem, weil Mütter nicht eingreifen - aus verschiedenen Gründen.«

Wegschauen! Kann es sein, dass es sich hierbei um eine generalisierte Attitüde von Individuen unser gegenwärtigen Gesellschaft handelt?

Metambigo 18.06.2017 | 02:20

Werte Frau Löffler, inwiefern werten Sie die Verschärfung des Sexualstrafrechts als "Erfolg" ? Glauben Sie wirklich, Frauen und Mädchen sind (allein) dadurch (nun besser) vor Übergriffen geschützt ? Und Männer und Jungen (diese potenziellen Vergewaltiger!) davor, solche zu begehen ?

"...es ist überfällig, daß Mädchen und Jungen lernen, wie sie mit ihrer sexuellen Freiheit umgehen können, ohne andere zu verletzen"

Haben/hätten Sie denn für einen diesbezüglichen Lernprozeß konkrete Ideen/ Vorschläge ?

Verantwortungsbewußte und empathische Ausgestaltung "sexueller Freiheit" (von der ich bezweifel, daß es sie unter den jetzigen Bedingungen wirklich gibt) setzt m.E. (u.a.) Wissen und Erfahrung(en) voraus, besonders über letzteres verfügen 15- und 16-jährige naturwidrigjedoch kaum.

Wie, mit wem und wo sollen sie also von Null? auf Hundert ihre bis daher (und auch nachfolgend!) weitestgehend tabuisierte Sexualität ausleben können ?

Die eine Hälfte, der dies trotzdem mehr oder weniger gut gelingt, sorgt ja nicht für die - wie oben beschrieben - verwunderten und jedesmal wieder ungläubig bestaunten medialen "Aufschreie".

Es sind die 30-50%, die nicht wissen und fühlen und/oder gelernt haben (wie denn auch?), was hier "gut und richtig" ist und keine adäquaten Sexualpartner/Gelegenheiten und Räume finden.

"Wie kann es sein, daß ...Jahrzente nach der sexuellen Revolution und Aufklärungswelle immer noch ein so hohes Maß an sexueller Gewalt die Jugend beherscht..."

Immer nochbedeutet, es ist/wäre (eben) kein neues Phänomen.

Wie so oft, wird auch hier die an Kindern und Jugendlichen begangene (häusliche) Gewalt, die überwiegend nicht sexueller Natur ist (und deswegen? totgeschwiegen wird), übergangen/nicht als mögliche/wahrscheinliche Erklärung herangezogen.

Der wirkliche "blinde Fleck" liegt hier.

Und zur vermeintlichen "sexuellen Revolution" fällt mir noch Reimut Reiche und dessen " Theorie der repressiven Entsublimierung" ein.

Grenzpunkt 0 18.06.2017 | 20:38

"Es ist überfällig, dass Mädchen und vor allem auch Jungen lernen, wie sie mit ihrer sexuellen Freiheit umgehen können, ohne andere zu verletzen. Gut, dass es nun eine Datengrundlage dafür gibt."

Es ist erst einmal gut, dass im Artikel auf die Studie in Form des Kurzberichts verlinkt worden ist. Dort kann sich jeder selbst ein Bild davon machen, welche Ergebnisse aus der Statistik abgeleitet werden und ob die Statistik dies auch hergeben kann.

Die Autorinnen schreiben selbst: "Insgesamt ist darüber hinaus aber zu betonen, dass die Schule von der weit überwiegenden Mehrheit der Schülerinnen und Schüler als sicherer Ort empfunden wird."

Diese Aussage steht doch etwas im Widerspruch zur Einleitung des Artikels. "Eine neue Studie zeigt, wie sehr sexuelle Gewalt unter Gleichaltrigen den Schulalltag durchdringt. Betroffen sind meist Mädchen"

Kinder sind etwas Wunderbares und jeder, der sie beobachtet (und insbesondere wie sie in der Welt lernen), kann sehen, dass sie ständig ihre Grenzen austesten, indem sie sie auch überschreiten. Gerade in dem Alter (die Studie beschäftigt sich mit 14 – 16-jährigen) der Pubertät wird dies sehr intensiv auf sexuellem Gebiet getan. Die meisten Mädchen und Jungen erlernen durch diese Grenzüberschreitungen, wie das andere Geschlecht reagiert und was es wünscht und zulässt. Aus diesem natürlichen Prozess muss man kein Drama machen und schon gar nicht irgendwelche neuen Gesetze fordern oder die Schule mit neuen Forderungen belasten. Das geben die Daten nicht her. Dort, wo gegen bestehende Gesetze verstoßen wird, müssen entsprechende Sanktion erfolgen.

Viele Fragen und Ausprägungen in der Studie sehe ich als problematisch an. Dazu gehört z. B. die benutzte ‚Lebenszeit-Prävalenz‘, obwohl in der Studie als Ergebnis steht: "Knapp 20 Prozent der Jugendlichen, die nicht-körperliche sexualisierte Gewalt erlebt haben, geben an, dass das Erlebte Folgen für sie hatte." "Ein Viertel der Jugendlichen (26%), die körperliche sexualisierte Gewalt erlebt haben, geben an, dass das Erlebte Folgen für sie hatte." Diese Folgen spürte "die Hälfte der Betroffenen 3 Monate oder länger".

Die folgende Aussage des Artikels kann und wird auch nicht durch die Studie gedeckt.

"Wie kann es sein, dass wenige Jahrzehnte nach der sexuellen Revolution und der großen Aufklärungswelle noch immer ein so hohes Maß an sexueller Gewalt die Jugend beherrscht? Als Grund führt die Autorin vor allem die Pornografisierung der Alltagskultur an."

Für einen kleinen Teil der Jugendlichen wird zwar eine schwache Korrelation festgestellt, dies führt aber nicht automatisch zu einer Ursache-Wirkungs-Beziehung. Hier sollte sich die Artikel-Autorin noch einmal in die Studie schauen. Abbildung 9 spricht eine ganz andere Sprache. "Die Bilder der Pornoindustrie scheinen die realen Körperbilder zumindest bei den Dauernutzerinnen und Dauernutzern zu prägen.", ist die stärkste Aussage im entsprechenden Kapitel.

klaus priesucha 20.06.2017 | 02:32

„Wie kann es sein, dass wenige Jahrzehnte nach der sexuellen Revolution und der großen Aufklärungswelle noch immer ein so hohes Maß an sexueller Gewalt die Jugend beherrscht?“ Wie kann es sein, dass auch heute noch Kinder machen, was sie schon immer gemacht haben: Doktorspiele treiben, der/ dem anderen oder sich wechselseitig das Höschen runterziehen? Wissen die immer noch nicht, dass so etwas nur rechtmäßig ist nach korrespondierenden Willenserklärungen – „jein heißt jein“! Da Kinder jedoch nicht geschäftsfähig sind, ist Schweinkram unter ihnen unvermeidlich „sexuelle Gewalt“! Aufschrei, was tun Frau Löffler? Kinderknast einrichten, zumindest Verweisung aus dem Kindergarten, Einweisung in die Kinderpsychiatrie?

klaus priesucha 20.06.2017 | 02:44

„Wie kann es sein, dass wenige Jahrzehnte nach der sexuellen Revolution und der großen Aufklärungswelle noch immer ein so hohes Maß an sexueller Gewalt die Jugend beherrscht?“ -- Wie kann es sein, dass auch heute noch Kinder machen, was sie schon immer gemacht haben: Doktorspiele treiben, der/ dem anderen oder sich wechselseitig das Höschen runterziehen? Wissen die immer noch nicht, dass so etwas nur rechtmäßig ist nach korrespondierenden Willenserklärungen – „jein heißt jein“! -- Da Kinder jedoch nicht geschäftsfähig sind, ist Schweinkram unter ihnen unvermeidlich „sexuelle Gewalt“!-- Aufschrei, was tun Frau Löffler? Kinderknast einrichten, zumindest Verweisung aus dem Kindergarten, Einweisung in die Kinderpsychiatrie?