Der Untergang der Lu Yan Yuan Yu 010

Argentinien Der Fall wirkt kurios, und betrifft ein Fachgebiet, für das sich ganze Lebenswerke aufwenden lassen: das internationale Seerecht.
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Der Untergang der Lu Yan Yuan Yu 010
Foto: ISSOUF SANOGO/AFP/Getty Images

Eine unvorstellbar harte Arbeit - und mehr: existenzielle Kunst, dem Meer seine Schätze abzuluchsen, Reise, Raub, nächtliche Lauer, Geheimwissenschaft -

so beschrieb Barbara Sichtermann die "alten Zeiten" der Hochseefischerei, die erst in den siebziger Jahren arbeitsteilig, technisiert, industrialisiert und nebenbei zum Sport wurde.

Und

Die Hochseefischerei war zeitweilig ein wüster Streit um Fanggebiete, ein Wettrennen um die avancierteste Technik, eine Endlosreiberei um Grenzen und Grundsätze.

Na sowas. Plus ca change, plus c'est la meme chose.

Internationaler Fischfang ist ein hartes Geschäft. Chinesische, philippinische, vietnamesische Fischer und Fischunternehmer aller Länder können ein Lied davon singen. In den meisten Strophen geht es um Prinzipien.

So, dem Vernehmen nach, auch in argentinischen Gewässern vor Puerto Madryn.

Ein Bericht des BBC-Mandarindienstes beschreibt den Verlauf eines Seezwischenfalls am 14. März argentinischer Zeit wie folgt:

Der aus China stammender Treibnetztrawler "Lu Yan Yuan Yu 010" wurde am Montag (14.03.) bei illegaler Tätigkeit in Gewässern der ausschließlichen Wirtschaftszone [Argentiniens] entdeckt. Bei Versuchen, [den chinesischen Trawler] zu stoppen [oder zu behindern], wurde die Küstenwache mit einem Gegenangriff überrascht und versenkte in der Folge diesen Trawler.

来自中国的拖网渔船“鲁烟远渔010”周一(14日)被发现在其专属经济水域(EEZ)非法作业,警备队在阻挡时遭反击,随后击沉这艘渔船。

Der Sprecher des chinesischen Außenministeriums Lu Kang sagte am 16. März, der in Rede stehende Trawler sei "während seiner Tätigkeit in argentinischen Fischgründen mehrere Stunden von der argentinischen Küstenwache verfolgt" worden. Die Erklärung erwähnte nichts von "illegaler Fischerei" und auch nichts von einem durch den chinesischen Trawler geleisteten Widerstand.

中国外交部发言人陆慷周三(16日)表示,有关渔船“在阿根廷渔场作业时,被阿海警船追赶数小时”。声明并未提及任何关于“非法捕鱼”的字句,也没有提及中方渔船有否反抗。

Lu Kang hob hervor, dass alle 32 Crewmitglieder gerettet wurden, dass die chinesische Seite der argentinischen Seite bereits dringliche Vorstellungen gemacht habe, von Argentinien eine Untersuchung und einen Bericht gefordert habe, sowie die gewissenhafte Gewährleistung der Sicherheit der chinesischen Crew und ihrer gesetzlichen Rechte, und die Vermeidung weiterer ähnlicher Zwischenfälle.

陆慷指出,32名船员全部获救,中方已和阿方展开紧急交涉,要求阿根廷彻查详情并向中国报告,保障中国船员的安全及合法权益,避免类似事件再发生。

Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua erklärte, während die Debatte darüber, ob eine Seite bei der Fischerei Grenzen überschritten oder ob bei der Vollstreckung von Gesetzen unverhältnismäßig gehandelt worden sei, habe die chinesische Botschaft in Argentinien die im Südatlantik tätigen chinesischen Fischereibetriebe daran erinnert, auf Sicherheit zu achten.

官方新华社称,各方对渔船是否越界作业、是否存在过度执法等问题仍存有争议。中国驻阿使馆提醒在南大西洋作业的中国渔业企业注意安全。

Der BBC-Bericht gibt die argentinische Küstenwache mit der Darstellung wieder, der Trawler habe nach seiner Entdeckung in internationale Gewässer fliehen wollen. Dabei habe er das argentinische Küstenpatrouillenboot mehrfach gerammt. Damit habe die Crew nicht nur ihre eigene Sicherheit gefährdet, sondern auch die der Küstenwachenmitarbeiter.

Über den Zeitpunkt, zu dem die "Lu Yan Yuan Yu 010" unterging, bestehen dem BBC-Bericht zufolge Differenzen. Der Sprecher des chinesischen Außenministeriums gab die Zeit mit "etwa 9 Uhr vormittags Beijinger Zeit" an, was einer Weltzeit von ein Uhr UTC morgens am Montag entspräche. Laut argentinischen Angaben war der Trawler jedoch um etwa 16 Uhr argentinischer Zeit, entsprechend 19 Uhr Weltzeit bzw. zwei Uhr [morgens] Beijinger Zeit, am Dienstag*), noch auf See unterwegs.

Auszug des chinesischen Außenministeriums aus einer Pressekonferenz im eigenen Hause am 16. März:

Frage: Berichten zufolge wurde ein chinesischer Trawler während seiner Arbeit in argentinischen Gewässern von der argentinischen Küstenwache angegriffen und versenkt. Bitte bestätigen und erklären Sie Situation und die Umstände.

问:据报道,3月14日,一艘中国渔船在阿根廷海域作业时,被阿海岸警卫队击沉。请证实并介绍有关情况。

Antwort: Berichten zufolge wurde der chinesische Trawler "Lu Yan Yuan Yu 010" am 14. März, vormittags um etwa neun Uhr Beijinger Zeit, während seiner Tätigkeit in argentinischen Fischgründen mehrere Stunden von der argentinischen Küstenwache verfolgt. Danach eröffnete die argentinische Küstenwache das Feuer, was zu Wassereintritt in den Schiffsrumpf und zum langsamen Sinken [des Trawlers] führte. Vier Mitglieder der Crew wurden von der argentinischen Küstenwache gerettet, die anderen 28 von einem in der Nähe befindlichen chinesischen Trawler. Es gab keine Verluste an Menschenleben.

答:据悉,北京时间3月14日上午9时许,中国渔船“鲁烟远渔010号”在阿根廷渔场作业时,被阿海警船追赶数小时,后阿方开枪射击,导致船体进水并逐渐沉没。船上4名中国船员被阿海警船救起,其他28名船员被附近中国渔船救起,未发生人员伤亡。

Die Führung des Staatsrats misst der Sache hohes Gewicht bei und hat wichtige Instruktionen herausgegeben, das Außenministerium und die chinesische Botschaft in Argentinien haben der argentinischen Seite dringliche Vorstellungen gemacht, hinsichtlich des Zwischenfalls ernstliche Sorge bekundet, von der argentinischen Seite eine sofortige Untersuchung und detaillierte Berichterstattung an die chinesische Seite gefordert, sowie die gewissenhafte Gewährleistung der Sicherheit der chinesischen Crew und ihrer gesetzlichen Rechte, und die Ergreifung wirkungsvoller Maßnahmen, um die Wiederholung ähnlicher Zwischenfälle zu vermeiden.

国务院领导对此高度重视并做出重要批示,外交部和中国驻阿根廷大使馆已紧急向阿方提出交涉,对事件发生表示严重关切,要求阿方立即彻查并向中方通报详情,切实保障中国船员安全和合法权益,采取有效措施杜绝类似事件再次发生。

Für den Vorwurf von Rammversuchen eines chinesischen Trawlers gäbe es mindestens einen Präzedenzfall; allerdings aus einer politisch weit aufgeladeneren Seezone. Als im September 2011 die japanische Küstenwache bei den von Japan kontrollierten - und von China beanspruchten - Senkaku-Inseln eine 15köpfige Trawlercrew festnahm, stand ebenfalls der Vorwurf im Raum, die Chinesen hätten die japanische Küstenwache zuvor mit einem Rammversuch angegriffen. Sowohl der damalige Staatsratsvorsitzende Wen Jiabao als auch das Außenministerium machten eine Ehrensache daraus, die japanische Regierung in der Angelegenheit zu demütigen.

Die Affäre wuchs sich bis hin zu einer offiziell nicht bestätigten Exportsperre so genannter "seltener Erden" aus China aus, die von der japanischen Elektronikindustrie stark nachgefragt waren. Sie fand ihr vorläufiges Ende in der zügigen Freilassung der chinesischen Crew durch die japanischen Behörden.

Der Kapitän verließ den Flieger nach seiner glücklichen Rückkehr ins Mutterland mit einem doppelten Victory-Zeichen und dankte "der Partei, der Regierung und dem Volk seines Landes" für ihre Fürsorge. China feierte seinen "Sieg", und erhebliche Teile der japanischen Öffentlichkeit - nicht nur Hardcore-Nationalisten - kochten vor Wut. Die damals amtierende, China gegenüber vergleichsweise moderate japanische Regierung erlitt einen erheblichen Gesichtsverlust im eigenen Land.

Und für besonders hochtourige japanische Nationalisten öffnete sich, gleichsam wie an einem Schnellkochtopf, ein Sicherheitsventil: ein Mitglied der japanischen Küstenwache lud im November 2011 bei Youtube ein Video hoch, das - unbestritten von China oder Japan - zwei Kollisionen zwischen dem chinesischen Trawler und Patrouillenboote der japanischen Küstenwache zeigte. Allerdings behaupteten laut "Japan Times" chinesische Medien, die japanischen Boote hätten den chinesischen Trawler gerammt.

Das ersten zwei Zeichen im Namen der "Lu Yan Yuan Yu 010" dürfte für die Provinz Shandong und die dortige Stadt Yantai stehen. Der Fachwebsite "SeafoodSource.com" zufolge gehörte der Trawler zur Shandong Yantai Marine Fisheries Co, einer Tochtergesellschaft der China National Fisheries Corporation (CNFC). Bei dieser Corporation wiederum handelt es sich laut "SeafoodSource.com" um einen chinesischen Staatsbetrieb.

Weder Argentinien noch China dürfte an einer Eskalation der Auseinandersetzung gelegen sein. Die "Ji Lu Abendzeitung" aus Jinan in Shandong, hier wiedergegeben durch "Sina.com", zitierte vermutlich gestern "argentinische Medien", die argentinische Küstenwache habe den Trawler mit "Schüssen vor den Bug" belegt, nachdem mehrere Warnungen keine Wirkung gezeigt hätten. Der Trawler sei im Lauf der Verfolgungsjagd gesunken.

Ebenfalls laut "Ji Lu Abendzeitung" habe die chinesische Botschaft in Argentinien ein konsularisches Schutzprogramm für die Crew gestartet.

Gleich im ersten Absatz zitierte die Shandonger Zeitung Xinhua, wiederum mit einem Zitat aus einem Fernsehinterview der argentinischen Außenministerin Susana Malcorra am 18. März, dem zufolge Argentinien hoffe, die Versenkung des Trawlers werde keine großen Auswirkungen auf die bilateralen Beziehungen haben.

Neben engen wirtschaftlichen Verbindungen sind Argentinien und China auch außenpolitisch durch eine gegenseitige Anerkennungen von "Souveränitätsforderungen" verbunden: China hält die von Großbritannien kontrollierten Falklandinseln für argentinisch, und Buenos Aires erkennt wie die meisten Staaten eine "Ein-China-Politik" an.

In den chinesischsprachigen Sendungen des argentinischen Auslandsrundfunks geht das so weit, dass die zuständige Radiomoderatorin Taiwan - was sonst international nur bei Sportveranstaltungen üblich ist - als "Zhongguo Taiwan" (englisches Äquivalent: "Chinese Taipei") bezeichnet.

Der russische Auslandsmediendienst "Sputnik News" allerdings bewertet das "Schiffe versenken" (waren es mehrere?) vor der patagonischen Küste als Indiz dafür,

dass der neue argentinische Präsident Mauricio Macri seine Bereitschaft demonstrieren will, die nationalen Interessen seines Landes selbst gegen China als großen Handelspartner und wichtigen Investor zu verteidigen.

Das ist nicht ausgeschlossen, wird aber als Versuch den gesichtsbewussten Chinesen gegenüber allenfalls geräuschlos funktionieren - oder eben auch überhaupt nicht.

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Note

*) Nach meiner Kenntnis entsprechen 19 Uhr Weltzeit drei Uhr morgens Beijinger Zeit.

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