Ein bisschen Frieden

Korea Alle Formen der Interaktion sind auf dem Tisch - aber das ist nicht so gefährlich, wie sich das zunächst vielleicht anhört
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Ein bisschen Frieden
Neujahrsansprache und Entspannungsangebot

Foto: -/AFP/Getty Images

Koreanische Studentendemonstrationen, schrieb der Ostasienbeobachter Oskar Weggel Ende der 1980er Jahre, folgten festen Ritualen:

Sie spielen sich fast immmer in einem ganz bestimmten Straßenabschnitt vor der jeweiligen Universität ab, finden zu einer bestimmten Uhrzeit statt und verlaufen mit fast eintöniger Präzision nach demselben Gewalt- und Gegengewaltmuster. Kameraleute, die diesen Vorgang einmal gefilmt haben, bräcuhten ihn eigentlich kein zweites Mal aufzunehmen, sondernn könnten mit Archivmaterial arbeiten, ohne as äußere Geschehen zu verfälschen. Was sich ändert, ist nur der jahrezeitliche Belaubungszustand der Straßenbäume. Dicht neben dem Kampfplatz bereits geht das Leben ganz normal weiter. Der zufällig vorbeigehende Passant trägt eine Aktentasche oder einen Tennisschläger unterm Arm, duckt sich vor Steinwürfen oder nimmt sich vor dem Tränengas der Polizei in acht. ("Die Asiaten", S. 148)

Dieser "kreisförmige" Verlauf koreanischer Konflikte, in dem alles seine Zeit hat, schließt Eskalationsspiralen nicht aus, aber in der internationalen Berichterstattung herrscht eine Perspektive vor, unter der die Aggressivität Pyongyangs (oder Washingtons) ständig zunähmen, die "Einigkeit" unter den ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates ständig weiter wachse, und der zufolge die Sanktionen das nordkoreanische Regime langsam, aber sicher seinem gerechten Untergang entgegendrängten.

Neujahrsansprache und Entspannungsangebot

Dass das passieren könnte, ist eine höfliche Fiktion, die in den chinesisch-amerikanischen Auseinandersetzungen über den Umgang mit Pyongyang aufrechterhalten wird, weil das allen Seiten dabei hilft, das Gesicht zu wahren - wo der Geduldsfaden Beijings mit seinem nordöstlichen Bruderstaat wirklich reißen würde, machte die parteinahe chinesische Zeitung "Huanqiu Shibao" im September 2017 deutlich: man müsse Pyongyang

über alle Kanäle sagen, dass die Atomtests nicht Chinas Nordosten kontaminieren dürfen. Chinas strategische und ökologische Sicherheit sind die rote Linie für China, bis zu der hin es bereit ist, sich zurückzuhalten. [...] Wenn Nordkorea diese Linie nicht einhält, und sein eigenes Gebiet und der chinesische Nordosten eine Kontamination erleiden, hören die gegenwärtigen Rahmenbedingungen chinesisch-nordkoreanischer Beziehungen auf zu existieren.

Dass die internationale Berichterstattung einmal merken könnte, dass auch die Sitzungen des UN-Sicherheitsrates einer südkoreanischen Studentendemonstration gleichen (wenngleich mit zunehmend bitteren Folgen für nordkoreanische Durchschnittsbürger), wäre schon darum kein Thema, weil es die unterhaltungsorientierte Leserschaft langweilen und die prinzipienfeste Leserschaft frustrieren würde.

Während die Gelegenheit für zwischen Nord und Süd geteilten Familien, jeweils für kurze Zeit zusammenzukommen, ein Faustpfand des Nordens sind, das nur für Gegenleistungen leihweise aus der Hand gegeben wird, gehen andere "zivilgesellschaftliche" oder auf unterestem Level vertrauensbildende Maßnahmen weiter. So trafen laut dem Deutschen Dienst des südkoreanischen Auslandsradios KBS World in der 51. Kalenderwoche 2017 jeweils zwei südkoreanische und nordkoreanische Jugendfußballmannschaften bei einem Turnier im südchinesischen Kunming aufeinander. Organisiert wurde das Turnier laut KBS vom südkoreanischen Verband für den Sportaustausch zwischen Süd- und Nordkorea veranstaltet.

Und in seiner Botschaft zum Jahreswechsel sprach sich Nordkoreas Partei- und Armeechef Kim Jong-un für direkte Gespräche zwischen Nord und Süd aus, nachdem Pyongyang den südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in noch im sommer als Marionette Washingtons geschmäht hatte. Diese Gespräche - unter Führung des südkoreanischen Vereinigungsministers Cho Myoung-gyon und des nordkoreanischen Chefs des Komitees für friedliche Wiedervereinigung des Valterlandes Ri Son-kwon - fanden am Dienstag statt, und dauerten offenbar etwa elf Stunden.

Natürlich kann sich der scheinbar ewige Kreislauf der innerkoreanischen Beziehungen auch in eine de-eskalierende Richtung bewegen - zur Zeit ist das offenbar der Fall, und Pyongyang und Seoul scheinen die Möglichkeiten, die sich daraus in Richtung Entspannung ergeben, nutzen zu wollen - allerdings jeweils zu ihren Bedingungen.

Für das nordkoreanische Regime ist die Vorstellung, die sich entwickelnde atomare Bewaffnung wieder aus der Hand zu geben, unvorstellbar. Warum das so sei (und diese Vorstellung nicht nur Pyongyang, sondern auch Beijing Sorgen mache), versuchte das amerikanische Weltorakel Henry Kissinger im Sommer 2017 so zu erklären:

[...] [I]f North Korea gives up its nuclear weapons, it gives up the only significant achievement to which they can point, and it might therefore lead to either a collapse of the regime or great unrest, and it will lead to a period in all of Korea of major adjustments. (wenn Nordkorea sein Nuklearprogramm aufgibt, dann gibt es die einzige bedeutende Errungenschaft aus der Hand, die es vorweisen kann, und das könnte entweder zu einem Zusammenbruch des Regimes oder zu großen Unruhen führen, und es wird zu einer Periode großer Anpassungen in ganz Korea führen.)

Dass eine amerikanische Garantie zum Nichtangriff oder zum Verzicht auf "regime change" nach den Ereignissen der letzten Jahrzehnte nicht sonderlich glaubwürdig wirken kann, ließ Kissinger - vielleicht dem Publikum zuliebe - außer Acht.

Und bei aller relativen Harmonie bei den Verhandlungen Seouls und Pyongyangs am Dienstag gab es offenbar durchaus auch Machtworte. Laut KBS World

wies die südkoreanische Delegation auf die Notwendigkeit hin, auf der Grundlage des gegenseitigen Vertrauens zu kooperieren, provokative Handlungen zu stoppen und einen Dialog für die Friedenssicherung einschließlich der Denuklearisierung wieder aufzunehmen.

Und:

Nordkoreas Chefunterhändler und Chef des Komitees für friedliche Wiedervereinigung des Valterlandes Ri Son-kwon soll über die Bemerkung "Denuklearisierung" seinen starken Unmut zum Ausdruck gebracht haben.

Bei der Verfolgung dieses Anliegens kann Beijing Südkorea offenbar nicht helfen. Während Südkorea auf einem chinesischen Bein (in Grenzen) vertrauensbildende Maßnahmen durchführen kann, steht es zur Wahrnehmung einer sicherheitspolitischen Rolle als Mittelmacht auf einem amerikanischen Bein. Eine "Hedging-Strategie" nennt das ein Autor für die Fachwebsite "Sino-NK".

Zumindest einstweilen aber gibt es ein bisschen Frieden. Und am 9. Februar beginnen die Olympischen Spiele in PyeongChang - voraussichtlich unter Beteilgung nordkoreansicher Delegationen.

12:38 11.01.2018
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JR's China Blog

Marxisten können die Zukunft vorhersagen. Das mit der Vergangenheit ist komplizierter.
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