Geburtstag: Ein Denkmal wird achtzig

Narbenliteratur. Wang Meng, ein chinesischer Literat und Parteikader, wurde am 15. Oktober achtzig Jahre alt.

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Vielleicht hatte Wang beim deutschen Publikum oder der deutschen Publizistik verschissen, nachdem er auf der Frankfurter Buchmesse 2009 behauptet hatte, die chinesische Literatur erlebe ihre besten Zeiten, und man dürfe sagen, China sei eine große literarische Nation. Im eigenen Land jedenfalls trafen seine Bemerkungen beim kritischeren Teil der Literatur-Interessierten auf Erstaunen, Befremden, oder auch Gelächter. Und in Deutschland passten Wangs Ausführungen nur allzu gut in das Bild, das die offizielle chinesische Delegation in der deutschen Presse ohnehin abgab: nichtssagend, opportunistisch, und immer auf der Suche nach der besten Kulisse für ihr (amtliches) China.

Sicherlich aber hatte Wang seine Rolle in Frankfurt so gespielt, wie die Partei - deren Mitglied er seit den 1940er Jahren ist - es von ihm erwartet hatte. Das verstand sich nicht von selbst. 1989 war Wang als Kulturminister zurückgetreten (oder vielleicht auch gefeuert worden), weil er es einer Darstellung der chinesisch-amerikanischen Autorin Jianying Zha zufolge nach dem Tiananmen-Massaker als einziger Minister abgelehnt hatte, verletzte Angehörige der am 3. und 4. Juni eingesetzten militärischen Einheiten zu besuchen. Und schon sein erstes bekannteres Werk, "Der junge Neuzugang in der Organisationsabteilung", veröffentlicht 1956, brachte ihm zuerst Ärger und kurz darauf das Label eines Rechtsabweichlers ein.

Was von Wangs früher Parteilaufbahn bekannt ist spricht dafür, dass er aus Begeisterung und Idealismus beitrat. Die 1957 beginnende "Anti-Rechts"-Kampagne, die ihn zu einem Objekt negativer Propaganda machte, muss den damals Dreiundzwanzigjährigen tief getroffen haben. Viele Autoren wurden zwischen dem Ende der Kampagne und dem Beginn der "Kulturrevolution" wieder veröffentlicht, aber das galt nicht für ihn. Bald nach seiner "Entlarvung" fand er sich in einem Arbeitslager nahe Beijing wieder, und nach einer etwa einjährigen ansatzweisen Rehabilitation wurde er 1963 zu Arbeitseinsätzen in einer Volkskommune nach Ostturkestan (chinesisch: Xinjiang) landverschickt. Dort blieb er offenbar bis etwa 1970. Wirklich rehabilitiert wurde er erst Ende der 1970er Jahre, und erst zu jener Zeit - nach zwanzig Jahren - begann für ihn wieder ein Leben als Literat. Seine zweite Phase außerhalb der Öffentlichkeit, nach dem Ende seiner Regierungslaufbahn im Juni 1989, dauerte allenfalls zwei oder drei Jahre.

Manches spricht dafür, dass seine Doppelfunktion als Literat und Parteidiener seiner schriftstellerischen Arbeit mehr schadete als nützte. Zwar gilt Wang sprachlich und stilistisch als bis ins hohe Alter hinein flexibel und experimentierfreudig, bewahrt sich aber, In den Worten des Literaturwissenschaftlers Wang Lin in einem Papier an der Durham University, "eine konservative Einstellung, die seine Fähigkeit beschränkt, kreative oder revolutionäre Gedanken auszudrücken" (Wang Lin, S. 139).1) Dem Anschein nach jedenfalls ist Wangs Einstellung in den letzten Jahren zunehmend orthodox geworden (oder offener zutage getreten), und in dem Licht würde auch sein Auftritt in Frankfurt vor fünf Jahren Sinn ergeben: "Du bist doch nicht unpatriotisch und verwünschst dein Heimatland? Das ist doch kaum wahrscheinlich", mutmaßte er in einem Vortrag über sozialistische Kernwerte, den er am 3. September in der National Library of China hielt und in dem er seinem Publikum zu vermitteln suchte, dass man weder alle chinesische Tradition zugunsten des Neuen China verdammen, noch das Neue zugunsten des Alten verdammen müsse.

Aber vielleicht drängt sich eine andere Beschränkung der literarischen Möglichkeiten Wangs noch deutlicher auf: seinem schriftstellerischen Leben fehlen zwanzig Jahre - die Jahre zwischen den späten 1950er und 1970er Jahren, in denen er aus der chinesischen Öffentlichkeit - wenn man von einer solchen überhaupt noch sprechen mochte - verbannt gewesen war.

Wang wird häufig seine diplomatische Ader, sein Hang dazu, in Differenzen das Gemeinsame zu suchen, oder auch schlichtweg seine "Biegsamkeit" vorgeworfen. Etwas anderes, als aus allen Lebenslagen das Beste zu machen, blieb ihm allerdings über weite Teile seines Lebens wohl auch kaum übrig. In Ostturkestan lernte er die uighurische Sprache - die werden nicht allzu viele han-chinesische Literaten beherrschen - und entwickelte eine Faszination für den uighurischen und generell den islamischen Kulturkreis. Wang ist Ehrenvorsitzender der China-Iran Friendship Association, und 2006 war er im Iran auf Vorlesungstournee.

"Wir sind das gewöhnlichste Paar der Welt", schrieb Wangs im März 2012 verstorbene Ehefrau über sich und ihren Mann. "Wenn der Himmel auch einstürzte und die Erde sich unter uns auftat - wir verbrachten unsere ganz gewöhnlichen Tage. Die Welt mochte verrückt werden, wir lebten immer noch unser gewöhnliches Leben. Ich wünsche allen guten Menschen ein ähnliches Glück."

Um 1980 schrieben die meisten chinesischen Autoren, die der amerikanische Sinologe Perry Link2) damals befragte, ihre schriftstellerischen Inspirationen mindestens zur Hälfte ausländischen Traditionen zu, und darunter insbesondere russischen Traditionen (Link, S. 30). Sie hatten größtes Interesse daran, ausländische Einschätzungen ihrer jeweiligen Werke zu hören, so Link - wobei sie dem Irrtum aufsitzen mochten, es gebe im Westen ein vergleichbares Interesse der "Massen" an allem Geschriebenen, wie es in China zu finden war.

Link unterschied bei den um 1980 lebenden und mehr oder weniger aktiven Literaten nach denen, die die Revolution der chinesischen Kommunisten in ihren Anfangsstadien erlebt hatten, denen, die wie Wang Meng die Revolution erst auf der Zielgeraden begleiteten (weil sie erst in den 1930ern geboren waren), und den in den späten 1940ern und danach Geborenen, die von Anfang an in der "Volksrepublik" aufwuchsen.

Von diesen drei Gruppen habe die Kampagne gegen die "Rechtsabweichler" diejenige Wang Mengs am härtesten getroffen und am meisten desillusioniert, so Link. Als die "Kulturrevolution" begann, war Wang bereits ein gebranntes Kind. Und gleichzeitig waren Literaten wie Wang ab Ende der 1970er Jahre wohl weitaus eher als die reinen Parteikader in der Lage, die Teile des Publikums anzusprechen und gefühlsmäßig zu erreichen, das jünger als 35 Jahre war, und das nach den Erfahrungen der Kulturrevolution auf allzu politische Appelle vor allem mit Zynismus reagierte. Dazu ließ man ihnen - relativ - viel Raum.

Damit sollte laut Link eine Brückenfunktion wahrgenommen werden, zwischen Parteimacht und "Öffentlichkeit" oder "Gesellschaft". Wang Meng fühlt sich dieser Rolle offenbar bis heute verpflichtet.

Im "Schmetterling", einer Erzählung von 1980, steht der Parteifunktionär Zhang Siyuan im Mittelpunkt. Seine erste Ehe (mit einer "Rechtsabweichlerin") wird geschieden. Jahre später begegnet er seinem Sohn aus jener Ehe wieder - im inneren Exil. Er als gestürzter, landverschickter Ex-Funktionär; sein Sohn Dongdong als landverschickter Ex-"Kulturrevolutionär".

Dongdong hat erleben müssen, wie seine Mutter sich selbst tötet: schon vorab, Ende der 1950er, als Rechtsabweichlerin gebrandmarkt, gehört sie in den 1960er Jahren zu den leichtesten Zielen der "Kulturrevolution". Dongdong gehört zu den Zynikern - er traut seinem Land nicht mehr viel Gutes zu. Sein Vater Zhang hingegen gehört zu den unverbesserlichen Optimisten. Wo er spricht, scheint auch Wang Meng als Autor zu sprechen: in seinen Überlegungen versteigt sich der Vater gar zu dem Gedanken, Dongdong "verstehe China nicht". Das ist "Narbenliteratur" - aber sie erfüllt im Zweifel auch immer eine Parteimission. Dongdongs Misstrauen darf als begreiflich gelten, aber nicht als legitim.

Wang sei ein Liberaler, urteilte Jianying Zha 2009 in einem Artikel für den "New Yorker". Aber anders als viele liberale Intellektuelle in China distanziere Wang sich nicht vom chinesischen Staat. Zha erhoffte sich 2009 eine Art Koalition zwischen staatstreuen, mild regierungskritischen Liberalen wie Wang Meng, der sich im Laufe seines Lebens von der revolutionären Seite zur gesellschaftlichen Mitte bewegt habe, und Oppositionellen wie Liu Xiaobo, der sich von einem jugendlichen Antikommunismus hin zu einem gemäßigteren reformerischen Ansatz bewegt habe.

Aber selbst wenn sie beide politischen Figuren - und ihre Fähigkeit, ihre erheblichen politischen Differenzen überbrücken zu können - richtig einschätzen sollte: die Zeit spricht gegen ihr Szenario. Wang Meng ist ein alter Mann, der sich - wenn überhaupt - mit den Jahren immer orthodoxer verhält, und Liu Xiaobo bleibt voraussichtlich bis 2020 in Haft.

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Notes

1) Wang Meng and contemporary Chinese literature: the vicissitudes of a committed writer, Wang Lin, Durham, 1998

2) Perry Link (ed.): Roses and Thorns, The Second Blooming of the Hundred Flowers in Chinese Fiction, 1979 - 80, Berkeley and Los Angeles, London, 1984

"Handwerk ohne Tiefe" warf der Sinologe Wolfgang Kubin anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2009 den chinesischen Autoren vor, die im Westen populär sind. Mit der modernen chinesischen Literatur vor 1949 dürfe sich die von heute nicht vergleichen.

So alt allerdings kann ein lebender chinesischer Literat inzwischen kaum noch sein, dass er an der vor-revolutionären Literatur beteiligt gewesen wäre. Auch Wang Meng, der am 15. Oktober immerhin achtzig Jahre alt wurde, veröffentlichte seine ersten Erzählungen im Jahr 1955.

Seine Laufbahn war zweigeteilt: eine Spur diente der Karriere als Parteifunktionär; die andere war die eines Literaten. In beiden Funktionen erlebte er Rückschläge, und viel von dem, was ihn gelegentlich begünstigte und häufig behinderte, dürfte typisch sein für festlandchinesische Intellektuelle seiner Generation.

Wang wird die Fähigkeit zugeschrieben, Verbindungen zwischen sehr unterschiedlichen Menschen herzustellen. Sowohl die KP Chinas, der er seit den 1940er Jahren angehört, als auch parteiferne Chinesen, scheinen darauf zu setzen, oder zumindest einmal darauf gehofft zu haben.

Versuche, sein Gegenüber zu verstehen - und das regelmäßige, möglichst versöhnliche Scheitern daran - sind ein Motiv der Erzählung "Schmetterling" (1980). Es ist die einzige Erzählung, die ich von Wang überhaupt kenne, und ohne die deutsche Hörspielfassung davon (1984) hätte ich auch dazu gar keinen Zugang finden können.

Vor dreißig Jahren wurde chinesische Literatur fürs deutsche Radio bearbeitet. Heute reicht es offenbar nicht einmal mehr für die Würdigung eines chinesischen Schriftstellers, dessen Lebenslauf sich liest wie ein (nahezu) exemplarisches Logbuch mindestens dreier Generationen.

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