Die Linke könnte doch jetzt zum Benefizabend laden

Kolumne Stefan Bollinger und Sahra Wagenknecht lesen, die Musik steuert Tino Eisbrenner bei: Gegen die Kriegstreiber der Nato
„Rockpoet“ Tino Eisbrenner
„Rockpoet“ Tino Eisbrenner

Foto: Pop-Eye/IMAGO

„Meinst du, die Russen wollen Krieg?“ Wer kennt es nicht, das Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko. „Nicht nur fürs eigne Vaterland / fiel der Soldat im Weltenbrand. / Nein, dass auf Erden jedermann / in Ruhe schlafen gehen kann.“ Als der Dichter jene Verse schrieb, war die Welt noch eine andere (außer vielleicht in Ungarn 1957, 1968 in Prag oder 1979 in Afghanistan). Aber lassen wir das. Nicht jeder Irrtum bedeutet Schuld. Das gilt auch für den Historiker Stefan Bollinger, der unter gleichem Titel ein Buch herausgebracht hat; laut der Eulenspiegel-Verlagsgruppe eine bedeutende historisch-politische Untersuchung. Seit Jahren seien wir „Zeugen einer Russophobie“, die an die Hochzeiten des Kalten Krieges erinnere. Damals sei „der Russe“ an allem schuld gewesen, heute seien es Wladimir Putin und sein Reich. „Warum trommeln Medien, Politik und Wirtschaft in trauter Gemeinsamkeit gegen den ‚allbösen Feind‘ im Osten?“ Als 2019 der Schmöker erschien, war die Bombardierung von Grosny bekannt; die Bilder von Aleppo waren um die Welt gegangen, die Krim war russisch besetzt – aber Schwamm drüber. Stefan Bollinger würde heute seinem Buch – nach Butscha – sicher einen anderen Umschlag geben. Oder auch nicht.

Noch zu DDR-Zeiten habilitiert, gehört er der Historischen Kommission der Linkspartei an und fungiert als stellvertretender Vorsitzender des Vereins „Helle Panke e. V.“, dem Berliner Ableger der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Das trifft sich gut. In ihren Räumen könnte Bollinger doch eine Benefizlesung abhalten. „Meinst du, die Russen wollen Krieg?“ Andere Genossen könnten ihn dabei unterstützen. Sahra Wagenknecht zum Beispiel, die bei Anne Will noch meinte, ein russischer Einmarsch in die Ukraine werde „herbeigeredet“. Und weiter: „Wir können heilfroh sein, dass Putin nicht so ist, wie er dargestellt wird: ein durchgeknallter Nationalist, der sich berauscht, Grenzen zu verschieben.“ Gemeinsam mit ihren Fraktionskollegen Sevim Dağdelen, Klaus Ernst und Andrej Hunko sollte Wagenknecht aus den unzähligen Wortmeldungen vorlesen. Gegen die Kriegstreiber der NATO! Denn jeder Krieg hat seine Vorgeschichte, und die deutsche Linke braucht immer einen Paradiesstaat, an den sie glauben darf. Wenn nicht Russland, dann eben Kuba oder Venezuela.

„Ganz normal nach Russland gereist“

An dem Abend durchs Programm führen könnte der eloquente Torsten Koplin, Mitglied des Landtags und bis vor Kurzem Landesvorsitzender der Linken in Mecklenburg-Vorpommern. Laut Wikipedia hat Koplin nicht nur für die Stasi gespitzelt, gegen Geld, er war auch Beobachter beim Krim-Referendum 2014. Da hat er sicher einiges zu erzählen.

Für die musikalische Begleitung empfiehlt sich Tino Eisbrenner; im vergangenen Jahr erfolgloser Direktkandidat der Linkspartei bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Seine Band Jessica war, wie er gern erzählt, in den Jahren 1985 und 1986 nach Zeitungsumfragen die beliebteste Nachwuchsband der DDR. Seit vielen Jahren solo unterwegs, ist Tino Eisbrenner heute ein international renommierter Künstler, der u. a. 2019 in Sewastopol ein Konzert gab. Auf die Frage der Moskauer Deutschen Zeitung, wie sich denn die Krim anfühlt, gab der Sänger damals zur Antwort: „Kann ich Ihnen sagen: so, als sei man ganz normal nach Russland gereist.“ Er habe nur Ukrainer getroffen, für die eine Konfrontation zwischen der Ukraine und Russland ein Unding sei, so etwas wie ein militärischer Konflikt zwischen den Bayern und den Preußen. „Ich würde auch zwischen Ukrainern und Russen vermitteln.“

Ein unterhaltsamer Abend wird das. Die Einnahmen könnten den Opfern ukrainischer Drohnenangriffe zugutekommen bzw. deren Hinterbliebenen. An die denkt bislang keiner.

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