Lindner-Hochzeit: Abnehmendes Gespür fürs Volksempfinden

Meinung Christian Lindner und Franca Lehfeldt geben einander das Ja-Wort. Aber statt Glückwünschen hagelt es Kritik. Eine so glamouröse Feier auf Sylt sei mitten in der Krise nicht angebracht. Die Vorwürfe gehen jedoch ins Leere

Was für eine Übertreibung, instinkt- und geschmacklos! So rauscht es empört im Blätterwald anlässlich einer prominenten Hochzeit. Finanzminister Christian Lindner und Journalistin Franca Lehfeldt gaben einander das Ja-Wort, mit glamouröser Feier auf Sylt, Großeinsatz der Polizei und Gottesdienst in der Keitumer Kirche. Statt Glückwünschen hagelte es Kritik. Wie konnten sie es wagen! Zumindest dem medial transportierten Volksempfinden scheint es zuwider, so opulent zu heiraten, jetzt, mitten in der Krise. Das, eifert man, gehört sich nicht in einer Zeit, in der die Politik zum Verzicht aufruft.

Doch die Vorwürfe gehen ins Leere: Der Bräutigam hat vor der Hochzeit – die „Bild“ weiß es, woher auch immer – „satte 12 Kilo abgenommen“, kann also durchaus seinen Gürtel enger schnallen. Auch die Braut lächelt ziemlich mager in die Kamera und freut sich über die Ankunft der ebenfalls verzichtgestählten Charlotte Merz. Deren Mann, CDU-Chef Friedrich, durfte mitkommen, er brachte sie mit dem Privatjet hin. Immerhin war Merz so einfühlsam, sein zweites Flugzeug daheim zu lassen. Es ist also keineswegs so, dass der Polit-Jet-Set Wasser predigt und selbst teuren Wein trinkt! Das wäre auch wenig hilfreich, denn Wasser ist knapp, auch das gilt es zu sparen, nicht nur beim Duschen. Außerdem ist Lindner zwar alles Mögliche, aber kein Prediger – er ist ja nicht mal in der Kirche! Doch auch das stieß auf. Der FDP-Mann und seine konfessionslose Braut missbrauchten die malerisch am Wasser gelegene Kirche als Kulisse, schimpfte etwa die ehemalige Bischöfin Margot Käßmann.

Aber ist es nicht kleinlich, sich derart zu echauffieren? Am Ort des Gotteshauses, dem höchsten Punkt des Sylter Geestkernes, wurden schließlich früher germanische Gottheiten verehrt. Die Heiden waren sozusagen zuerst da. Außerdem kann die Kirche mit ihrem Segen gar nicht großzügig genug sein – gerade in schwierigen Zeiten. Und woran ein Politiker glaubt, ist Privatsache. Am Ende geht es bei jeder Hochzeit um Glaube, Liebe, Hoffnung, und der Heilige Geist weht, wo er will, notfalls auch bei Christian Lindner.

Peter Sloterdijk hält Rede bei Traugottesdienst

Andererseits ist der Unmut nachvollziehbar: Während die Hochzeitsgäste in Fünf-Sterne-Hotels nächtigen, gibt es bei den Tafeln nicht genug Lebensmittel für die Armen. Das prominente Paar wünscht sich teure Geschenke, etwa eine 1000-Euro-Suppenterrine, während anderswo auf dieser Erde Menschen verhungern oder im Bombenhagel sterben. Da kann man schon empfindlich werden. Allerdings muss jede und jeder selbst wissen, wofür er oder sie das gute Geld ausgibt, solange es noch etwas wert ist – oder welcher Beitrag gegen Armut, Energiekrise und Klimawandel zu leisten ist. Muss ja nicht aus christlichen Gründen sein, humanitäre bzw. der reinen Vernunft entspringende Motive tun es auch.

À propos Vernunft: Beim Traugottesdienst hat der Philosoph Peter Sloterdijk die Rede gehalten – derselbe also, der das Christentum kürzlich als „gescheitertes Projekt“ bezeichnete. Das ließe sich auch von nicht wenigen Ehen sagen: Heiraten ist riskant! Dem mutigen Paar sei mithin ein My mehr Gespür gewünscht – und, mit oder ohne Gottes Segen, viel Erfolg!

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Geschrieben von

Katharina Körting

Freie Autorin und Journalistin

2024 Arbeitsstipendiatin für deutschsprachige Literatur der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt

Katharina Körting

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