Dornige Chancen für alle

Pop The Screenshots veralbern das neoliberale Subjekt und schaffen eine Seltenheit: kluge Gitarrenmusik aus Deutschland
Dornige Chancen für alle
Unverkennbar eine Rockband: The Screenshots

Foto: Frederike Wetzels

Als vor zwei Jahren drei Twitter-Kunstfiguren – Dax Werner, Kurt Prödel und Susi Bumms – ihre Formation als Band bekannt gaben und ein Album (Europa) veröffentlichten, frohlockte das Feuilleton. Die „schönste, schlauste, wärmste“ Platte und noch mehr sei das gewesen, befand etwa die Zeit. Bemerkenswert war das, vor allem gemessen daran, dass die drei Köpfe der Band nie physisch in Erscheinung traten, dass über ein weitgehend anonym verfasstes Produkt gejubelt wurde, das schon in seiner Erscheinungsform darauf angelegt war, Kritiker an der Nase herumzuführen.

Ein Jahr später tauchten The Screenshots wieder auf, noch immer ohne Klarnamen, dafür mit Gesichtern: Im Video zu Wir lieben uns und bauen uns ein Haus traten 2019 immerhin drei offenkundige Menschen in Erscheinung, die eine schluchzende Punkrock-Hymne an die spießbürgerliche romantische Zweierbeziehung intonierten. Das war der Auftakt zum diese Woche erscheinenden Album Zwei Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee.

Mystik der Kalenderwoche

Diese Melange mag dem Uneingeweihten schräg vorkommen, daher eine kurze Einordnung: Dax Werner und Kurt Prödel betraten die Twitterbühne vor einigen Jahren im Zuge einer Bewegung, die „Gründertwitter“ genannt wurde. Mit inhaltsbefreiten Floskeln rund um Erfolg, Überstunden und die Mystik der Kalenderwoche nahmen sie jene realen, menschlichen Karikaturen aufs Korn, die Sätze wie „Mit harter Arbeit werden Träume wahr“ nicht nur sagen, sondern glauben. Das neue Album setzt das Konzept fort. Besungen wird etwa der Machbarkeitswahn des Silicon-Valley-Mindsets (Träume), oder die „Schönheit“, sich die Miete nicht leisten zu können und daher unterzuvermieten (Airbnb). Kurzum: bitterwitzige Oden an das neoliberale Subjekt, das in jeder Zumutung der Gegenwart eine „dornige Chance“ erkennen soll.

Diese masochistische Ironie spricht vor allem jene an, die das Internet noch als „Cyberspace“ kennengelernt haben und die später höchstens hoffen durften, eines Tages in der vergangenen Realität ihrer Babyboomer-Eltern aufzuwachen. The Screenshots schreiben mal leichtfüßige, mal scheppernde Liebeslieder über schaurigschöne Utopien: die Selbstverwirklichung im Job, erschwingliche Eigenheime, funktionale Beziehungen. Das könnte rasch auserzählt sein, würden die „Sh00ters“ auf ihrem zweiten Album nicht mit einem feineren Gespür für den Bruch beweisen, dass sie mehr sind als eine Spaßband. Gelegentlich schimmert der Ernst überraschend klar hinter der Karikatur durch, etwa wenn Dax Werner in Liebe Grüße an alle nicht nur seine Mutter und Angela Merkel, sondern auch „die Waffe unter meinem Bett“ grüßt oder in Die Welt geht noch nicht unter den bürgerlichen Fortschrittsutopismus charmant schlageresk bezweifelt: „Die Welt geht noch nicht unter, sie wird nur immer geiler. Ich glaub’, ich seh’ das anders. Und was denkst du? Uh uh uh.“

Das mag manches Fragezeichen hervorrufen, weil es einen Erfahrungsraum abbildet, der nur einer eng gefassten Zielgruppe unmittelbar zugänglich ist. Die Schönheit von Zwei Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee besteht indes aber darin, dass dem Pathos auch unverstanden schwer zu widerstehen ist, dass die Platte einfach gut klingt. Ganz unironisch. Liebe Grüße!

Info

Zwei Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee The Screenshots Musikbetrieb R.O.C.K. 2020

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06:00 16.10.2020

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