The Show Must Go On

Clinton vs. Trump Ein Krawall-Kandidat zeigte sich verschnupft, während in New York die Flaschen klirrten. Unser Autor schaute das Duell im Big Apple
Konstantin Nowotny | Ausgabe 39/2016 1
The Show Must Go On
Über 100 Millionen Zuschauer sahen das TV-Duell

Bild: Chip Somodevilla/Getty Images

Am Abend der Präsidentschaftsdebatte war Donald Trump womöglich leicht erkältet. Er schniefte hörbar. Ein Twitterer schrieb, man möge ihm doch „bitte ein Taschentuch reichen“. Um zu verstehen, warum dieses Detail kein Klatsch ist, sondern ein Politikum sein kann, genügt ein Blick auf zwei Premieren dieser Debatte: Zum ersten Mal stand eine Frau auf einem der beiden Podien, und bereits die erste von drei TV-Debatten sprengte erstmalig die Marke von 100 Millionen Zuschauern. Solche Quoten gibt es sonst nur beim Super Bowl.

Die Aussicht auf eine politische Schlammschlacht hat die US-Amerikaner zum Einschalten bewegt. Trump begreifen sie mindestens so sehr als Popstar wie als Politiker. In New York übertragen Bars und Restaurants das Rededuell – Boxkampfstimmung mit reichlich Deko in den Nationalfarben. Ich sehe mir die Debatte im Gemeinschaftsraum des Instituts für Soziologie an der New School an. Snacks und Kaffee werden serviert, meine Kommilitonen jubeln, wenn Clinton ein Konter gelingt. Über Trumps Offensive wird viel gelacht.

Hin und wieder geht es zwischen den beiden hart zur Sache, doch nachdem Trump die Messlatte an persönlichen Beleidigungen während seiner Kampagne sehr hoch gelegt hat, bleibt der Skandal nun aus. Lag es am Schnupfen?

Gleich zu Beginn forderte ein Moderator das Publikum auf, sich still zu verhalten, wobei es auch überwiegend blieb. Ohne jubelnde Menge wirken Trumps Gestik und seine Phrasen hilflos. Wie bei einer Sitcom, in der die eingespielten Lacher herausgeschnitten wurden. Trump wird laut, der Saal schweigt. Seine Wiederholungen inspirieren mich zu einem zynischen Trinkspiel, wann immer ein Schlagwort wie „China“ fällt, klirren im Gemeinschaftsraum die Flaschen. Niemand hier nimmt ihn so ernst, wie man ihn mit seinen Umfragewerten knapp einen Monat vor der Wahl nehmen sollte.

Neben einem Trump ohne Rückenwind wirkt Clinton bereits souverän, wenn sie ganze Sätze bildet. Ihre Strategie sieht nicht vor, sich selbst besser darzustellen, sondern Trump schlechter aussehen zu lassen. Dafür genügt es, ihn reden zu lassen. 70 Mal unterbricht er sie. Sie lächelt viel und strahlt niedrigen Blutdruck aus.

Für Trump ist das ein Zeichen von Schwäche. Wie schon so oft wirft er seiner Gegnerin vor, „kein Temperament“ und „Durchhaltevermögen“ zu haben, was seine „stärkste Anlage“ sei, wie er von sich selbst sagt. Kurz vor der Debatte hatte Clinton wegen einer Lungenentzündung einen Zusammenbruch erlitten. „Ihr fehlt es an mentaler und physischer Kraft, um den IS zu besiegen“, folgerte Trump. Clintons Umfragewerte sanken. Bei einem Wahlkampf, in dem solche Narrative möglich sind, kann selbst ein Schnupfen zum falschen Zeitpunkt Stimmen kosten.

In der Debatte drehte Clinton den Spieß um und zementierte ihre vermeintliche Schwäche als Stärke mit einem potenziellen Lehrbuchsatz für die Gender Studies: „Ein Mann, der sich von einem Tweet provozieren lassen kann, sollte nicht in die Nähe von Befugnissen über Atomwaffen kommen.“ Donald Trump gelang kein Knock-out, Hillary Clinton siegte nach Punkten. Minuten später wird in den Kneipen die Deko abgehängt. New York hat keine Zeit zu verschwenden. The show must go on.

Konstantin Nowotny ist Stipendiat an der New Yorker New School

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