Twitter wird flüchtig

Social Media In immer mehr Apps verschwinden Mitteilungen nun nach einer Weile automatisch. Nähert sich die digitale damit der analogen Kommunikation an?
Twitter wird flüchtig
Ein flüchtiger Like kann sogar den Heiligen Vater in Bedrängnis bringen, wie sich vergangene Woche zeigte

Foto: Oli Scarff/Getty Images

Auf dem Papier klang die Idee von Twitter prächtig: In Echtzeit kann jeder Mensch mit einem Internetzugang an Debatten teilnehmen und mit Texten, Fotos und Videos zu einer Materialsammlung beitragen, mit der kein Medium, keine Nachrichtenredaktion mithalten kann. Gewissermaßen kam es auch so. Twitter hat sich seit seinem Start im Jahr 2006 zu einer einflussreichen Medienplattform entwickelt, wenngleich nicht so demokratisch wie einst angedacht. Nur zehn Prozent der etwa 330 Millionen Nutzer schreiben aktiv Tweets. Auch der Fakt, dass vier Jahre lang einer der bekanntesten und nun bald nicht mehr mächtigsten Männer der Welt die Plattform rege benutzte, führte nicht zum weltumspannenden Durchbruch. Mittlerweile sind Trump und Twitter keine Freunde mehr, vielmehr markiert die Plattform irreführende Meldungen des Noch-Präsidenten immer öfter als falsch oder umstritten.

Seit der Corona-Pandemie steigen immerhin die Nutzerzahlen. Twitter möchte nun, dass sie aktiver werden. „Fleets“ (von engl. „fleet“ für „flink“ oder „flüchtig“) sind Nachrichten, Fotos oder Videos, die nach 24 Stunden wieder verschwinden. Die hauseigene Begründung für die Einführung liest sich so: „Einige von euch sagen uns, dass sich das Twittern für sie unangenehm anfühlt, weil es so öffentlich, so permanent ist (…). Daher haben wir an einer Art und Weise sich mitzuteilen gearbeitet, die weniger Druck aufbaut, um den Menschen zu einer angenehmeren Erfahrung zu verhelfen.“

Die Fleets sind keine revolutionäre Entwicklung. Snapchat, gestartet 2011, machte das Prinzip der sich selbst zerstörenden Nachrichten zum Markenkern. 2016 implementierte Instagram – mit einer Milliarde Nutzern weltweit eine der größten Social-Apps überhaupt – sein „Story“-Feature. Damit können Inhalte geteilt werden, die nach 24 Stunden wieder verschwinden. Mittlerweile haben fast alle einflussreichen Plattformen eine vergleichbare Funktion, von Whatsapp über Facebook bis zur Business-Plattform Linkedin.

Die Tendenz zu mehr Flüchtigkeit im Netz, die den Austausch entlasten soll, ist interessanterweise eine Annäherung an die analoge Kommunikation. Flüchtige Gedanken können nun zumindest potenziell verhallen wie das Gesagte im Raum. Eine gute Entwicklung?

Für den Journalismus ist es oft vorteilhaft, wenn nichts verhallt. Wann immer ein Informant brisante Informationen ins Netz „leakt“, können sie trotz Löschversuchen nie ganz verschwinden. Irgendeiner hat alles flott gespeichert, irgendwo taucht immer wieder ein Upload auf. Kleinste Spuren können aufgespürt und konserviert werden. Welche Konsequenzen das haben kann, wurde vor zwei Wochen ersichtlich: Weil vom Instagram-Account des Papstes ein Like auf einem Foto einer leicht bekleideten Frau landete, ermittelt nun der Vatikan. Derselbe Effekt kann das Private jederzeit zum Politischen erheben. Unsaubere Formulierungen blähen sich zu waschechten Skandalen auf. Ungezählt sind die Fälle, in denen Menschen aufgrund von Spuren im Netz beim Arbeitgeber angeschwärzt wurden, teils mit Konsequenzen.

Kommunikationsforscher beobachten seit Jahren die Verrohung der Umgangsformen im Netz. Distanz und Anonymität heizen sie an. Interessant bleibt, ob selbstlöschende Nachrichten dem Hass Raum nehmen, weil Äußerungen sich so schnell nicht zu Shitstorms aufblasen, oder ob mit der Flüchtigkeit die Angst vor Konsequenzen schwindet.

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16:05 25.11.2020

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