Der Fall Molkenmarkt zeigt: Berlins Baudirektorin Petra Kahlfeldt fehlt der Blick voraus

Kommentar Die Bebauung des Molkenmarkts in Berlin hat symbolischen Gehalt, es geht um unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft der Stadt. Senatsbaudirektorin Kahlfeldt hat sich über den Werkstattprozess nun einfach hinweggesetzt
Guckt architektonisch lieber in die Vergangenheit: Berlins Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt
Guckt architektonisch lieber in die Vergangenheit: Berlins Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt

Foto: Imago / Sabine Gudath

Manchmal zeigen hüftsteife Titel, dass es um etwas geht: Am 14. Februar eröffnet die damals noch taufrische Senatsbaudirektorin von Berlin das „Zwischenkolloquium städtebauliches und freiraumplanerisches Werkstattverfahren Molkenmarkt“. Die beiden Siegerentwürfe des Architekturwettbewerbs sollen in einem kleinteiligen Prozess überarbeitet werden. Petra Kahlfeldt, hellgrüne Jacke, weißes Hemd, erklärt, dass es um Bürgerinteressen und Jury-Ideen geht. Später im Jahr muss die Jury entscheiden: „Im Ergebnis soll dann eben ein Konzept ausgewählt werden, das diese … zahlreichen Anforderungen bestmöglich löst und von allen Beteiligten wirklich mitgetragen wird.“

Kahlfeldts Halbsatz zu „allen Beteiligten“ ist interessant, heute wirkt er wie eine Drohung. Es geht um den Molkenmarkt, ältester Platz Berlins, verborgen unter breiten Asphaltbändern, zur Verkehrsschneise zwischen Rotem Rathaus, Altem Stadthaus und Spree reduziert. Seit 30 Jahren gibt es Diskussionen, seit 2016 einen Bebauungsplan.

An solchen Orten entscheidet sich, was für eine Stadt es denn werden soll, wer Zugang hat, ob Räume nur kommerziell oder auch sozial gedacht werden, wie Verkehr geplant wird, was Mobilität konkret bedeutet. Beinahe drei Blöcke entstehen hier, außerdem gibt es Bestandsbauten. Der Molkenmarkt ist oberes Regalfach von Stadtplanung, nichts aus der Ramsch-Ecke. An zentralen Neubauvierteln kann man ablesen, wie politische Entscheider*innen mit der Klimakatastrophe umgehen wollen. Dementsprechend war der Wettbewerb umkränzt von Kaskaden der aktuellen Ausschreibungslyrik: lebendige Geschichte, hohe Raumqualität, Mischung, bezahlbar, auf Augenhöhe, mit vielfältiger Mobilität und, sowieso, als grünes Innenstadtviertel.

Petra Kahlfeldt will ästhetisches Bauen, nicht funktionielles

Ein halbes Jahr später sind „alle Beteiligten“ fertig, Bürger und Jury haben Vorschläge gemacht, Architekten weitergearbeitet. Aber irgendwie ist alles anders. Vor allem ein Fachjury-Mitglied verhinderte, dass dem Senat ein Konzept vorgeschlagen wurde: Die immer noch irgendwie neue Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt diktierte der Sitzung, dass hier kein Entwurf als Sieger gekürt werden solle. Dummerweise ließen sich die anderen Jurymitglieder davon übertölpeln. Bei der Pressekonferenz erklärte Kahlfeldt, dass all das von Beginn an so gedacht sei, aus der jahrelangen Arbeit wolle man lernen. Dabei hatte die Auslobung des Senats formuliert, die Jury hätte „über die Empfehlung eines der beiden Entwürfe als Grundlage einer Charta für die Entwicklung am Molkenmarkt“ zu beraten.

Berlin hat jetzt eine Senatsbaudirektorin, der an Ästhetik gelegen ist. Dazu gehört architektonisches Reenactment, das eine Vergangenheit herbeinostalgisieren will. Ein Blick voraus interessiert sie kaum: Als sie nach dem Energiekonzept für den Molkenmarkt gefragt wurde, war sie irritiert – nicht ihr Thema.

Der Molkenmarkt hat vor allem symbolischen Gehalt. Er dient kaum dazu, wohnungspolitische Probleme oder Verkehrsschwierigkeiten Berlins zu lösen. Aber er ist ein politisch sensibles Symbol: weitere Kommerzfurunkel, eingefasst von steriler Wohlstandsödnis? Petra Kahlfeldt interessiert sich mehr für Oberflächen als dafür, wie Bauten gefüllt werden, welche soziale Funktion sie haben. Wie sie unter Bedingungen der Klimakatastrophe funktionieren. Das ist reaktionär. Die Art, wie sie einen Werkstattprozess zerrieben hat, Bürgerbeteiligung und die Arbeit der Wettbewerbsgewinner entwertet, ist stillos.

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