Jetzt aber mal ernst

Porträt Laetitia Nadji legte als Youtuberin offen, wie die Videoplattform auf Politiker-Interviews Einfluss nimmt
Romy Straßenburg | Ausgabe 39/2016 6

Wie lebt es sich als junge Frau ohne BH? Wie kann man ein eigenes Haarshampoo herstellen? Und was hat es mit diesem Kakerlaken-Typen aus Kafkas Verwandlung auf sich? Solchen Fragen widmet sich die französische Youtuberin Laetitia Nadji seit vier Jahren auf ihrem Video-Blog. Ein Girlie-Monolog über Deko-Basteleien, gesunde Ernährung und Literaturempfehlungen. Die Videos schauen sich mehrere zehntausend Follower an, doch jenseits ihrer Youtube-Community war die 32-Jährige bislang eine gänzlich Unbekannte. Nun ist sie innerhalb weniger Tage aufgestiegen zur viel gelobten Kämpferin für Meinungsfreiheit im Netz und gegen die Einflussnahme der Video-Plattform Youtube, die zum Google-Konzern Alphabet gehört.

Alles beginnt mit einer Einladung nach Brüssel. Enthusiastisch berichtet Nadji davon in ihrem Video-Blog. Als eine von drei Youtubern sei sie ausgewählt worden, Jean-Claude Juncker live zu interviewen, den Präsidenten der EU-Kommission. Es ist ein Versuch der EU, politisch desinteressierte, aber gut vernetzte junge Menschen zu erreichen. Barack Obama und Angela Merkel haben die Interviews mit Youtubern vorgemacht.

Und die Initiatoren haben auch ein paar konkrete Vorschläge: Wie schön wäre es doch, mehr über Junckers Privatleben zu erfahren? Zum Beispiel welches Smartphone er hat (Nokia 3310) oder was ihm sein Hund (Platon) und das Glück ganz allgemein bedeuten. Doch Nadjis Fragen drehen sich um große Themen: TTIP, Brexit, Luxleaks und die Rolle der Privatbank Goldman Sachs in Brüssel. In einem heimlich gefilmten Vorgespräch rät ihr ein Youtube-Mitarbeiter, sie solle die Fragen überdenken, wenn sie nicht Youtube, die EU-Kommission und ihre Follower gegen sich aufbringen wolle. Es sei denn, „du willst dich nicht lange auf Youtube halten“. Die Fragen seien bislang nicht weitergegeben worden, doch in diesem Fall müsse er die Sprecherin von Juncker informieren. „Ich kann dir deine Fragen nicht verbieten, aber das geht für uns überhaupt nicht. Du solltest gut über die Konsequenzen nachdenken.“

Im live ausgestrahlten Interview sitzt Laetitia Nadji schließlich in einer rosa dekorierten Wohnküche, nicht im neutralen Ambiente, wie die beiden anderen, männlichen Youtuber. 15 Minuten lang stellt sie ihre Fragen wie geplant. Auch die kontroversen: „Wenn man jemandem die Mission anvertraut, gegen Steuerflucht zu kämpfen, der 18 Jahre lang Finanzminister des größten europäischen Steuerparadieses war – ist das dann nicht so wie einen Bankräuber zum Polizeichef zu ernennen?“ Einen Profi wie Juncker kann man auch damit nicht aus der Bahn werfen. Aber er ist doch sichtlich genervt von der direkten Art.

Am gleichen Abend folgt Nadji einer Einladung in die Brüsseler Youtube-Zentrale. Statt befürchteter Kritik und weiterer Einschüchterungsversuche bietet man ihr einen Vertrag als Youtube-Botschafterin an: Ein Jahr soll sie für humanitäre Projekte durch die Welt reisen, für 25.000 Euro Honorar. Ein Zufall? Statt auf das Angebot einzugehen, setzt sie sich vor die Webcam und erzählt von den Einschüchterungsversuchen, vom Ablauf des Interviews und von dem anschließenden Vertragsangebot, von dem Youtube später behauptet, es sei schon vor dem Interview geplant gewesen. Es bezwecke nicht, Stillschweigen zu erkaufen.

Gezeigt werden in Nadjis Clip dann auch Ausschnitte aus dem heimlich aufgezeichneten Vorgespräch. Der Tageszeitung Libération stellt sie einen weiteren Mitschnitt zur Verfügung. Ein Restaurantbesuch am Vorabend des Juncker-Interviews. Ihr Gegenüber von Youtube versichert, es gebe keine Vorgaben für die Fragen, es komme nur darauf an, wie selbige gestellt seien, da der Kommission das Gegenteil eines klassischen Interviews vorschwebe. Wann aber hören gut gemeinte Ratschläge auf? Wann kann man von Einschüchterung oder gar Drohungen sprechen?

Wieder zurück in Paris, bekommt die Geschichte eine weitere Wendung, denn es wird bekannt, dass Nadji sich bei der Vorbereitung Unterstützung des Youtuber-Kollektivs Osons Causer geholt hatte. Sie hat gute Kontakte zu den politischen Youtubern, die die heimlichen Mitschnitte angefertigt haben. Osons Causer sind Mitbegründer der Bewegung #OnVautMieuxQueCa (Wir sind mehr wert), ein Leitspruch der Gegner der Arbeitsrechtsliberalisierung. Sie behandeln in ihren Clips Themen wie Prekariat, Steuerparadiese, multinationale Unternehmen, aber allen voran die Situation der Jungen.

In Frankreich spielt das Internet eine wichtige Rolle bei der Politisierung junger Menschen. Das zeigen Online-Medien wie Slate.fr, Mediapart oder Rue89, die enorme Reichweiten haben. Laetitia Nadji hat nun klargemacht, dass Polit-PR mit Youtubern nicht immer so funktioniert, wie sich die Initiatoren das erhoffen. Vielen Youtubern ist das Versprechen der Plattform heilig, die Meinungsfreiheit nicht einzuschränken. Die EU arbeitet derzeit an einer Neuregelung des Copyrights. Betroffen davon sind auch Plattformen wie Youtube, von denen verlangt werden könnte, Inhalte schneller auf Verletzungen des Urheberrechtes zu prüfen und gegebenenfalls zu löschen. In diesem Kontext erscheint der Zeitpunkt des „Junckertainments“ auffällig.

Dass gerade die als harmlos eingestufte Laetitia Nadji den Finger in diese Wunde gelegt hat, hat die PR-Profis wohl überrascht. Nadji wollte Youtube damit auch an die selbst proklamierten Werte erinnern. Kritiker warfen ihr Selbstinszenierung vor, nannten sie eine „Dramaqueen“. Nach dem Rummel nimmt sie sich jetzt eine Auszeit. „By byyyyyy les amis!!!“, postete sie vom Flughafen. Ob sie irgendwann in die politische Arena zurückkehren wird? Wir erfahren es dann wohl auf Youtube.

06:00 03.10.2016
Geschrieben von

Romy Straßenburg

Freie Journalistin für deutsche und deutsch-französische Medien in Paris.
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Romy Straßenburg

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