Passt ins Weltbild

Chaos Russland hat von einer Präsidentin Hillary Clinton nichts Gutes zu erwarten, meint Diana Johnstone
Lukas Latz | Ausgabe 11/2016 1

Der Klappentext täuscht. Um Hillary Clinton geht es bei Diana Johnstone nur in zweiter Linie. Zentrales Thema ist die US-amerikanische Außenpolitik. Dazu werden Beispiele US-amerikanischer Interventionen angeführt, bei denen Hillary Clinton irgendwie eine Rolle spielte: als First Lady neben Bill Clinton, als Senatorin und Mitglied im Streitkräfteausschuss, als Außenministerin unter Barack Obama oder – im Falle der Ukraine-Krise – als einflussreiche Kommentatorin. Johnstone, die mit einem NATO-kritischen Buch über den Jugoslawien-Krieg bekannt wurde, zeigt auf, dass Clintons Außenpolitik maßgeblich von den US-amerikanischen Neocons beeinflusst ist. Sie kritisiert Clintons indirekt unterstützende Rolle beim Militärputsch in Honduras 2009, die NATO-Intervention im Bürgerkrieg von Libyen 2011. In einem ausführlichen Kapitel geht es auch um die Ukraine-Krise.

An der Eskalation von Konflikten wird dabei stets den USA die Schuld gegeben. Hierfür verdreht die Autorin zwar keine Fakten, sie argumentiert aber selektiv und ungenau. Im Fall der Ukraine wird hierfür zunächst eine große Konferenz in Jalta im Sommer 2013 beschrieben, an der wichtige europäische und amerikanische Politiker teilgenommen haben. Das Treffen wurde von Viktor Pintschuk organisiert, einem – wie raunend betont wird – „jüdischen Oligarchen“. Dabei wurde angeblich ein „Putsch“ geplant. Der Euromaidan ist nach Johnstone ein „perfekt orchestrierter Regimewechsel“. Dass hunderttausende von Menschen über Monate jeden Tag auf dem Kiewer Maidan protestiert haben, blendet sie aus.

Waren also all die Protestierenden bezahlte Statisten in einem großen Theaterstück? Schwer zu glauben. Johnstone beschreibt, dass die USA schon seit langem versuchen, Einfluss auf die ukrainische Politik zu nehmen. Dass Russland dies auch immer sehr ambitioniert getan hat, bleibt außen vor.

Es ist ehrenwert und wichtig, die Politik der EU und der USA gegenüber Russland zu kritisieren. Nur Johnstone dreht die sicher auch falsche Perspektive amerikanischer Neocons einfach um. Nun ist Putin der Wahrer des Friedens und die USA sind die Bösen. Sie rekapituliert kritiklos die Begründung der Putin-Regierung für das Verbot von LGBT-Gruppen, als wäre dies eine unproblematische Gesetzgebung. Genauso hanebüchen ist die Andeutung, dass den USA Fracking zur Destabilisierung Russlands dient. Eine seltsame logische Verbindung. Die Autorin scheint sich vorzustellen, dass US-amerikanische Ingenieure direkt dem Planungsstab des Außenministeriums unterstellt und nicht etwa für Privatunternehmen tätig sind.

Gekaufte Lobby und Neocons

In Bezug auf den Libyen-Krieg ist Kritik am NATO-Einsatz sehr berechtigt und Johnstones Darstellung hat ihre Stärken. Hier werden aber nur die positiven Entwicklungen Libyens unter dem Gaddafi-Regime hervorgehoben. Alles Schlechte wird nicht einmal erwähnt. Für die Eskalation des Bürgerkrieges und das Scheitern des libyschen Staates wird allein der NATO die Schuld gegeben. Diese Darstellung ist wenig überzeugend.

Sicherlich kann der Einfluss einer Israel-Lobby auf die US-amerikanische Politik kritisiert werden. Es geht aber zu weit, zu behaupten, Kongress und Senat seien von jener Lobby „gekauft“. Wie hätte dann die US-Legislative trotz des Widerstandes der Netanjahu-Regierung Obamas Atom-Deal mit dem Iran absegnen können? Wieder bleiben Fakten außen vor, die in das Weltbild der Autorin nicht passen.

Unter den vielen guten Büchern, die ähnliche Perspektiven wie die von Johnstone mit deutlich mehr Augenmaß einnehmen, sei hier auf Michail Sygars aktuelles Buch Endspiel verwiesen. Sygar ist russischer Journalist, der für den unabhängigen Internet-Fernsehsender Doschd arbeitet. Neben viel anderem Lobenswerten – wie einer kenntnisreichen Analyse der Protestbewegung von 2011/2012 – stellt Sygar mit differenziertem Blick dar, was die USA und Europa in ihren Russland-Beziehungen jüngst alles so falsch gemacht haben.

Info

Die Chaos-Königin. Hillary Clinton und die Außenpolitik der selbsternannten Weltmacht Diana Johnstone Westend Verlag 2016, 256 S., 19,99 €

Über das Überleben: Die BIlder des Spezials

Jedes Jahr im Sommer entstehen an ukrainischen Fernstraßen kleine private Märkte für Gemüse und Obst. Die Händler richten sich in Hütten ein oder leben mit ihren Familien in Wohnwagen und Zelten. Sie kommen auch aus Weißrussland und Moldawien, Georgien oder Armenien – alle wollen Geld verdienen für ein besseres Leben oder einfach dem Hunger entkommen. Die preisgekrönte Serie Bitter Honeydew des Fotografen Kirill Golovchenko dokumentiert den Überlebenskampf der Straßenhändler und das nächtliche Treiben in ihrer Welt. Das Buch zur Fotoserie ist in fünf verschiedenen europäischen Verlagen erschienen, mehr Informationen auf kirill-golovchenko.com.

Bitter Honeydew Kirill Golovchenko Kehrer 2015, 76 S., 38 €

06:00 30.03.2016
Geschrieben von

Lukas Latz

Student in Berlin, Spaziergänger überall Twitter: @lukaslac
Lukas Latz

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