Verhandeln bis zur Selbstverleugnung

Afghanistan-Gespräche Die USA gestehen sich einen fatalen Irrtum ein: Weder am Hindukusch, noch im Irak, noch in Libyen hat der militärisch erwirkte Regimewechsel funktioniert
Ausgabe 38/2020
Eine Delegation der Taliban bei den Friedensgesprächen in Doha
Eine Delegation der Taliban bei den Friedensgesprächen in Doha

Foto: Karim Jaafar/AFP/Getty Images

Wer erinnert sich noch, wie alles begann? Nach 9/11 hatte der damalige US-Präsident George W. Bush die Afghanistan beherrschenden Taliban zur Inkarnation des Bösen und zu Paten des internationalen Terrors erklärt. Am 7. Oktober 2001 wurde interveniert, es folgten Besetzung und Besatzung, von der UNO gebilligt, von der NATO getragen. Man fühlte sich berufen, ein schwer regierbares Land mit einer streng islamischen und ethnisch zerklüfteten Gesellschaft unter Kuratel zu stellen. Es sollte zivilisatorisch geläutert werden, was aus westlicher Sicht als reaktionär und traditionsversessen galt.

Diese – nicht selten gewalttätige – Missionierung ist gescheitert. Die Taliban sind es nicht. Sie blieben sich treu, wurden weder zu bekehrten Jüngern liberaler Werte noch zu friedfertigen Philanthropen, sondern hielten Guerillakrieg und Selbstmordattentat für effektive Waffen, um einen politischen Willen durchzusetzen. Donald Trump hätte allen Grund, auf dem Urteil des Präsidenten Bush zu beharren und in den Taliban Gegner zu sehen, die nichts als Feindschaft und Unterwerfung verdienen. Stattdessen lässt er mit ihnen in Doha verhandeln und das in einer Erbötigkeit, die an Selbstverleugnung grenzt. Immerhin ist die afghanische Regierung auf Wunsch der Taliban durch den Hohen Rat der Versöhnung vertreten, also offiziell gar nicht zugegen. Allein deshalb könnten sich die USA entrüstet abwenden. Auch wäre zu fragen, warum halten sie an dem Ende Februar mit den Aufständischen unterzeichneten Friedensabkommen fest, wenn das schuldig bleibt, was der Name verspricht. Kabul und andere Städte wurden zuletzt von einer Attentatswelle erfasst. Ungeachtet dessen werden Außenminister Pompeo und mit ihm die Botschaft nach Doha geschickt: Wir sollten uns einigen. Niemand kann uns hindern, nur wir selbst.

Mag sein, dass aus Sicht von Donald Trump allein die Absicht zählt, vor den Wahlen am 3. November zu verkünden, er steige wie versprochen aus einem der „endlosen Kriege“ aus, die Amerika im Ausland führt. Worin seine Motive auch immer bestehen – eingestanden wird ein fataler Irrtum. Weder am Hindukusch noch im Irak noch in Libyen hat ein durch bewaffnete Übermacht bewirkter Regimewechsel die davon betroffenen Länder verwestlicht, vielmehr sich selbst entfremdet. Die US-Armee und ihre Alliierten ließen sich auf Schlachtfelder locken, denen sie nicht gewachsen waren, um zu siegen. Asymmetrische Kriege sorgten für eine rasante Feindvermehrung und hinterließen eine schwer gezeichnete zivile Gesellschaft. Nach offiziellen UN-Angaben wurden in Afghanistan allein seit 2009 100.000 Nicht-Kombattanten getötet oder verletzt: Opfer nicht von Nowitschok, sondern von Drohnen, Bomben, Landminen, Attentaten, Sprengfallen, imperialer Borniertheit, Menschenverachtung und militärischen Fehlentscheidungen. Zu lange hatte es in Deutschland den Rang einer Gesinnungs-, wenn nicht Glaubensfrage, die exportierte Fremdbestimmung als alternativlos und Dienst an der eigenen Sicherheit hinzustellen. Wann eigentlich wird das lückenlos aufgeklärt?

Es wäre verfehlt, in den Taliban die moralischen Sieger im Kampf um Afghanistan zu sehen. Was nichts daran ändert, dass sie in Doha viel erreichen können, selbst eine Rückkehr zum Emirat, wie es bis 2001 bestanden hat. Wenn ein Misslingen der Verhandlungen allen Beteiligten schadet, so doch den Taliban am wenigsten.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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