Cowboys und Biedermänner

TV-Serie Die ARD-Miniserie „Die Toten von Marnow“ startet unkonventionell und spannend, strandet in der zweiten Hälfte allerdings hart im üblichen Degeto-Sumpf
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Cowboys und Biedermänner
Die mecklenburgische Seenplatte kommt zwar gut rüber, macht aber noch keinen guten Krimi

Foto: Imago/BildFunkMV

Eine Frage ist bei neuen ARD- oder ZDF-Serienproduktionen eigentlich immer spannend: Schaffen es die öffentlich-rechtlichen Anstalten diesmal, eine Produktion ohne Schema F, Kitsch, Klischee-Überdosis, Pädagogik-Verrenkungen sowie abseitige, am Reißbrett zusammengenagelte Plots in Szene zu setzen? Die Frage impliziert zwei Möglichkeiten. Bei der Ja-Antwort sind die Beispiele rar. Einfallen einem – beim Rückblick ins vorletzte Jahrzehnt – die senderseitig in den Giftschrank verbannten Highlights Im Angesicht des Verbrechens und KDD. Hinzu kommen – nicht ganz so lange her – Bad Banks und, nunja, Babylon Berlin. Die Nein-Antwort ist leider noch kürzer. Sie lautet: fast der gesamte Rest. Doch auch bei ARD und ZDF gibt es Zwischenbereiche und Grauzonen: jene Serienproduktionen etwa, die zwar nicht direkt den Boden schrammen, bei denen es – aus dem ein oder anderen Grund – jedoch nicht für die Oberliga reicht. Eine davon ist die neue ARD-Miniserie Die Toten von Marnow, die ab dem 13. März im linearen TV ausgestrahlt wird und vorab in der ARD-Mediathek zur Verfügung steht.

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Um was geht es? Vom Ende her betrachtet könnte man Die Toten von Marnow als solide in Szene gesetzten Polizeikrimi-Vierteiler bezeichnen. Da das Vermarkten des Vierteiler-Formats als Miniserie mittlerweile allgemeiner Usus ist, beträgt die Anzahl der Folgen acht; die Dauer der einzelnen Folgen reduziert sich dafür von 90 auf rund 45 Minuten. Ganz »Tatort«-Classico ist das Setting: eine Mordermittlung im Schweriner Umland. Zwei Leichen in kurzer Abfolge; ein Serienkiller geht – anscheinend – um. Nachdem auf dem Rechner eines der Opfer Kinderpornos entdeckt werden, scheint auch das Motiv klar. Doch wie im Krimi ist nichts, wie es scheint: Zunehmend nämlich ergeben sich Hinweise, die in eine ganz andere Richtung führen: ein Pharmakonzern West, der in der DDR Medikamententests durchführen ließ, um die strengen westdeutschen Sicherheitskriterien zu umgehen – und eben jene, welche diese Versuchsreihen durchführten.

Finstere Vergangenheit, Opfer, die noch rumlaufen – dazu Bürokraten, Campingplatz-Bewohner(innen) und der restliche Querschnitt ostdeutscher Existenzen. Was sich wie ein 08/15-Plot anhört, steigt trotzdem stark in die Geschichte ein. Was ursächlich mit den stark, stimmig, realitätsnah und mit Brüchen versehenen Hauptfiguren zu tun hat. Kripo-Bulle Frank Elling (Sascha Alexander Gersak), ein etwas bulliger, derber Typ Marke Schimanski oder auch Harter Brocken, managt seinen Job, seine Familie, das Häuschen und dazu das Leben seiner dementen Mutter. Das Machen für andere ist ihm so auf den Leib geschrieben, dass selbst Susanne, seine (von Anne Schäfer gespielte) Frau, ihn nur mit Nachnamen anredet. Die wiederum hat nicht nur Mann, Tochter und PR-Job zu managen, sondern auch eine Affäre mit ihrem Arbeitgeber, dem Bürgermeister des Ortes. Noch cowboyhafter kommt Ellings Partnerin Lona Mendt (Petra Schmidt-Schaller) rüber. Lona pflegt nicht nur ein Faible für das Leben im Campingplatz-Wohnmobil, sondern auch für Jasper, den Assistenten der beiden. Und: Die Redseligste, was ihr Leben anbelangt, ist sie auch nicht.

Frei nach der Volksmund-Weisheit, dass das, was schiefgehen kann, meist auch schief geht, funktioniert das Ausreizen der personellen Konstellation in den ersten drei Folgen vortrefflich. Elling und Mona geraten an eine Stasi-Seilschaft. Elling lässt sich – Altersheim und Behandlung seiner dementen Mutter kosten, und auch Frau und Tochter stellen Ansprüche – auf eine Bestechung ein. Womit die beiden Ermittler nunmehr am Haken hängen. Der anschließende Rest verliert sich mehr und mehr in den Untiefen handelsüblicher Whodunnit-Konstruktionen – womit dann leider auch die Logik-Brüche und Unstimmigkeiten stark zunehmen. Unbefriedigend ist das nicht nur deswegen, weil die Serie ab der zweiten Hälfte von der üblich-erwartbaren Abfolge handelsüblicher Dramaturgieelemente bestimmt wird. Wie es ausgehen wird, ist ab Folge vier erratbar; das Finale in Folge sieben und acht folgt exakt dem tausendmal gesehenen Schema: A und B hasten zu Punkt C, um die Schurken D und E dingfest zu machen und dabei Person-in-Tätergewalt F zu retten. Die Geschichte – im konkreten Fall der Pharma-Krimi mit DDR-Verbindungen – wird via einschlägiger Geständnis-Katharsis erklärt, und zum Finale gibt es die obligatorische Action.

Durch die Geschichte tragen im Wesentlichen zwei Faktoren: die allzu menschlichen Protagonisten, die gut besetzten Nebenrollen und schließlich das Vermeiden vermeidbarer Fehler. Die Seenlandschaft von Meckpomm ist fabelhaft in Szene gesetzt, der +30°-Sommer, in dem das Ganze angesiedelt ist, zeigt sich in jeder Szene. Die Inszenierung kommt ohne bedeutungssuggerierende Zusatz-Farbsauce daher und auch sonst ist das Ganze erkennbar auf Krimi-Spannung ohne Firlefanz getrimmt. Das heißt: Wer Tatorte der üblichen Machart mag, wird von Die Toten von Marnow vorzüglich bedient. Allerdings: Als Serie mit Tiefgang, Brüchen und unkonventionellen Helden patzt diese Produktion klar. Schade ist dies nicht nur wegen des guten Starts, der neben der Tiefenzeichnung seiner Figuren durchaus auch die Option einer glaubhafte(re)n Geschichte gehabt hätte.

Die nämlich ist ein Ärgernis für sich. Auf den ersten Blick kommt Die Toten von Marnow zwar ohne die üblichen Pädagogisierungsanliegen daher. Die Figuren werden nicht von der Blickwarte dessen aufgerollt, welche Subkontexte sie mittransportieren sollen. Die speziell bei der ARD so beliebten Meta-Framings bleiben diesmal außen vor. Elling und Mendt cowboyen sich recht authentisch durch die (immer konventioneller werdende) Handlung hindurch, und auch Ellings Frau Susanne spielt den Vorstadt-Vamp mit Herz, dass es eine Freude ist. Den Plot hinter dem Plot, der den historischen Bezug setzende DDR-Pharmadeal mit Dutzenden von Toten, hat es – so die Berliner Zeitung, die sich hierfür auf ein wissenschaftliches Gutachten der Charité bezieht – so nicht gegeben. Vielmehr habe die pharmakologische West-Ost-Zusammenarbeit unter ähnlichen Kriterien stattgefunden, wie sie auch im Westen üblich waren. Kurz: Vom Faktengehalt her fällt der Aufhänger von Die Toten von Marnow unter die Rubrik Fake News. Im Rahmen der Art und Weise, wie die produktionsführende Degeto deutsch-deutsche Vergangenheiten darstellt, mag das zwar nicht sehr überraschend sein. Dass im konkreten Fall ein komplettes Staatsverbrechen frei kreiert wird, ist allerdings durchaus bemerkenswert.

Letztlich also, trotz der ein oder anderen Anleihe bei der belgischen Thrillerserie Undercover: „Vergangenheitsbewältigung“ mit der Message, dass das DDR-Regime des Teufels war. Man muss letzteres umgekehrt nicht hochleben lassen, um zu konstatieren, dass eine Unterhaltung, die derart übers Knie gebrochene Formen der Feind-Propaganda nötig hat, nicht gerade dazu angetan ist, die Gräben zwischen Ost und West zuzuschütten. Auch ansonsten gilt: Dass diese Produktion eher nicht bislang unbegangene Wege gehen würde, dafür bürgten neben dem ausführenden ARD-Outlet Degeto Regisseur Andreas Herzog sowie Drehbuchschreiber Holger Kasten Schmidt – beide Fernsehkrimi-Routiniers üblichen Schlags. Wobei Schmidt auch an der TV-Krimireihe Harter Brocken mitwirkte und so wahrscheinlich derjenige ist, auf den die vergleichsweise lockere Gangart dieser Miniserie zurückzuführen ist.

Was bleibt: Als Fernsehkrimi ist diese Produktion zwar solides Handwerk. Bis zum Schluss dabei bleibt man allerdings wohl nur, wenn man ein unbedingter Fan dieser Formate ist. Oder aber, im besonderen Fall: Elling und Mendt zuliebe.

Die Toten von Marnow. Miniserie. Regie: Andreas Herzog. Degeto 2021. 8 Folgen mit jeweils ca. 45 Minuten. Ausstrahlung: ab Samstag, 13. März 20:15 Uhr in der ARD. Online verfügbar in der ARD-Mediathek.

09:44 10.03.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linksorientierter Schreiber mit Faible für Popkultur. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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