Brav, Migrant! Sei hübsch bunt

Levitenlesen In einer Streitschrift attackiert Max Czollek den deutschen Integrationszirkus
Brav, Migrant! Sei hübsch bunt
Besonders angewidert zeigt sich der 1987 geborene Autor von der Instrumentalisierung der Juden durch die deutsche Nachkriegsgesellschaft

Foto: Jan Zawadil/Imago

Manche Menschen haben das Talent, das Grundfalsche im schlechtesten Moment zu äußern. Horst Seehofer, Sie wissen schon. Diesen gegenüber stehen Menschen mit dem Talent dafür, das Maximalrichtige zum bestmöglichen Zeitpunkt zu äußern. Nehmen wir Mesut Özil. Er sei Deutscher, wenn die Mannschaft gewinne, aber ein Immigrant, wenn sie verliere, schrieb er in seinem viel zitierten offenen Brief. Hier formulierte eine Person mit Migrationshintergrund, wie es so schön heißt, eine Abfuhr an den deutschen Integrationszirkus. Özil „desintegrierte“ sich mit viel Aplomb und nur folgerichtig in englischer Sprache. Ein Gestus, der Max Czollek, Autor der Streitschrift Desintegriert euch!, gefallen muss. Czolleks Text, der zwischen feinem Humor und bitterer Polemik schwankt, attackiert das bundesdeutsche Integrationsparadigma, in dem Migranten eine „Bringschuld“ wie einen Bauchladen vor sich herschleppen, in den die guten Deutschen greifen, wann immer es passt. Die Bringschuld besteht nicht nur darin, die schlecht bezahlten Jobs anzunehmen. Sie besteht auch in der Anpassung an die Dominanzkultur. Zur Integration in den deutschen Volks-, äh, Gesellschaftskörper gehören Reinlichkeitsrituale (Einhaltung der Kehrwoche) ebenso wie das Beherrschen der deutschen Sprache. Gute Migranten sind für die deutsche Gesellschaft Human Resources. Ein leuchtendes Beispiel und Beweis, dass man es in der deutschen Gesellschaft zu etwas bringen kann, wenn man nur hart genug arbeitet.

Max Czollek besuchte die Jüdische Oberschule in Berlin bis 2006, studierte Politologie und promovierte am Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität. Zusammen mit Sasha Salzmann veranstaltete er 2016 am Berliner Gorki-Theater einen Kongress über „zeitgenössische jüdische Positionen“. Besonders angewidert zeigt sich der 1987 geborene Lyriker und Essayist von der Instrumentalisierung der Juden durch die deutsche Nachkriegsgesellschaft. Reinstes „Gedächtnistheater“ sei das. Die seit den 80er Jahren lauter werdenden Rufe nach einem Schlussstrich unter den deutschen Schuldkomplex – lange vor der Existenz der AfD geäußert – entsprechen dem Ruf nach einer Endabrechnung: Okay, wir waren böse, aber wir haben uns wirklich Mühe gegeben in den letzten Jahrzehnten. Schuld beglichen. Reich mir noch ein paar gefilte Fisch.

Folklore, wo man hinschaut

Czollek liest uns ordentlich die Leviten: Der Umgang mit jüdischer Kultur sei folkloristisch – lecker Essen hier, bisschen Kitschklezmer da, dazu das Bild vom melancholischen Juden. Pianist Igor Levit zum Beispiel. Als problematisch würden dagegen Maxim Biller oder Henryk M. Broder wahrgenommen. Die unbequemen Zeitgenossen würden nur geduldet, weil auch das zum deutschen Gedächtnistheater gehöre: Haha, wir ertragen die giftigen Äußerungen der Juden. Wir sind geläutert! Die Läuterung endet aber, wo mancher Michel meint, der Umgang der Israelis mit den Palästinensern sei den Naziverbrechen so unähnlich nicht.

Czollek geht es auch um Identitätspolitik. Juden oder Migranten dürften da ihre Erfahrung äußern, wo sie das bunte Antlitz Deutschlands bereichern, bleiben aber in Nischen gefangen. Der deutsche Jude steht für traurige Shoah-Geschichten, nicht für deutsche oder gar allgemein menschliche Erfahrungen. Der Migrant ist ein Spiegel der deutschen aufnehmenden Kultur, aber alles, was er macht, wird mit dem Adjektiv „migrantisch“ versehen. Es gelte aber, radikale Diversität zu fördern, statt Integration zu fordern. Etwas außer Acht lässt der Autor in seinem Furor, dass die Stimmen junger MigrantInnen seit Jahren lauter werden und auch gehört werden. „Max Czollek ist dreißig, jüdisch und wütend“, heißt es im Klappentext. Es geht jetzt auch darum, diese Wut produktiv zu machen.

Info

Desintegriert euch! Max Czollek Hanser Verlag 2018, 208 S., 18,00 €

06:00 10.10.2018
Geschrieben von

Marlen Hobrack

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Marlen Hobrack

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