Das Mütterliche ist die soziale Grundform

Feminismus Die Familie erscheint im neoliberalen Zeitalter wie eine Zwangsgemeinschaft. Dabei ist sie auch eine Übung in Toleranz – und mehr
Das Mütterliche ist die soziale Grundform
Die größte Krux der Mutterschaft ist, dass man sein Kind lieben muss

Foto: Imagebroker/IMAGO

Seit Jahren stehen alle möglichen Formen sozialer Beziehungen auf dem Prüfstand. Besonders gut schneiden dabei jene Beziehungen ab, die wir freiwillig wählen und jederzeit beenden können: Liebe soll frei von Zwängen sein! Ziemlich schlecht schneidet hingegen die Familie ab, weil sie per definitionem Zwangsgemeinschaft ist, die man sich wahrlich nicht aussuchen kann. Man denke nur an den unangenehmen Onkel, der im Laufe seines Lebens immer weiter rechts abgebogen ist. Jährlich wiederholt sich vor Weihnachten oder Thanksgiving die Klage der Millennials, dass man nun notgedrungen seine Familie sehen, deren Ressentiments und unangenehme Fragen aushalten müsse – wenn man denn kostenlosen Festtagsbraten abstauben wolle. Tatsächlich passt die Zwangsgemeinschaft Familie nicht gut in eine Zeit, in der wir alle permanent von politischen Haltungen getriggert und – metaphorisch gesprochen – von Mikroaggressionen perforiert werden.

Nur ein soziales Verhältnis schneidet schlechter ab als die Kindschaft zu nicht frei gewählten Eltern, nämlich die Mutterschaft. Sie ist DIE Entscheidung (wenn sie denn eine aktive Entscheidung ist), die man nicht rückgängig machen kann. Man bleibt Mutter, auch wenn man sein Kind zur Adoption freigibt. „Mutter“ meint hier die komplexe Verstrickung von biologischer Abstammung und kulturellen wie sozialen Erwartungen.

Mutterschaft kollidiert mit dem neoliberalen Bild vom freien Individuum ebenso wie mit dem Bild der freien Wählbarkeit von Liebesbeziehungen. Die größte Krux der Mutterschaft ist, dass man sein Kind lieben muss. Selbst dann, wenn das Kind liebesunwürdig erscheint. (Merken Sie, wie hart diese Worte aus dem Mund einer Mutter klingen?)

Trotzdem weiß man, dass Gesellschaft und kindliche Psyche bedingungslose Liebe von der Mutter einfordern, obwohl uns überall sonst die Bedingungslosigkeit der Liebe eher als Störung erscheint. Ein Partner soll sich unsere Liebe verdienen. Die bedingungslose Mutter ist daher eine kulturelle Provokation für diejenigen, die sich der Rolle stellen müssen. Man kann sehr gut verstehen, wenn jemand gut und gerne darauf verzichten kann.

Trotzdem ist die Bedingungslosigkeit der Liebe (übrigens der Kern des Erfolgsrezeptes der christlichen Religion) das wichtigste Vor-Bild für unsere Gesellschaft. Eine soziale Beziehung aufrechtzuerhalten, obwohl man sie bereut und obwohl man lieber anders leben würde, wird heute als tragisches Opfer betrachtet. Aber gibt es nicht die positive Wendung? Sorge für andere ergibt sich doch immer aus einem Pflichtgefühl. Diese moralische Pflicht bildet die Grundlage des Sozialstaates und ist zugleich der Hauptfeind des neoliberalen Menschenbildes, das Verbundensein negiert. Der sorgende, wahlweise auch strafende Staat wurde zum metaphorischen „Vater Staat“, obwohl er natürlich eine staatstragende Mutter sein müsste.

Soll das nun ein Plädoyer für Mutterschaft sein? Keineswegs! Vielmehr ist das ein Plädoyer für ein Umdenken, war gesellschaftliche Zwänge und Pflichten betrifft. Mit dem rechtsdrehend angetrunkenen Onkel am Festtagstisch zu sitzen, mag unangenehm sein, ist aber auch eine Lektion in Toleranz, die in anderen sozialen Kontexten Gold wert ist. Eine Beziehung zu führen, obwohl es Konflikte gibt, mag gegen alle Regeln des neoliberalen Liebesmarktes verstoßen, auf dem stets ein besseres Angebot lockt – könnte uns aber die Tugend des Verbundenseins lehren. Man muss Mütter für ihre „Opferbereitschaft“ nicht heroisieren. Aber sie demonstrieren, dass der Zwang, eine soziale Bindung aufrechtzuerhalten, eine Voraussetzung von Gesellschaft ist.

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06:00 16.06.2021
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

Ausgabe 24/2021

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