Gottlose Ordnung

Essay Werden Väter noch gebraucht?, fragt Björn Vedder
Gottlose Ordnung
Der Gorilla, der Urpatriarch?

Foto: Fox Photos/Getty Images

Kurz kann es einem angst und bange werden, wenn Philosoph Björn Vedder sein Buch über Väter der Zukunft mit einem Rekurs auf die verlorene väterliche Autorität beginnt. Tritt er etwa für eine Restauration der Autorität ein, die nicht von Verantwortung, sondern von Macht und Dominanz getragen wird?

Gerade darum geht es dem Autor nicht. Der Vater soll keine Leerstelle sein. Trotzdem muss über die Lücke, die die einst unhinterfragte väterliche Autorität hinterlassen hat, nachgedacht werden. Autorität meint bei Vedder den Wunsch, dem Kind auf dem Weg ins Leben verbindliche Regeln und zeitgemäße Wertvorstellungen mitzugeben. Die Geburt des Kindes abzuschließen, indem die körperliche Geburt durch den Vorgang der sozialen Geburt erweitert wird.

Mit dem Wandel der Geschlechterrollenbilder fällt nicht mehr nur dem Vater diese Verantwortung „offiziell“ zu. In dem Maße, wie Frauen arbeiten wollen und müssen und außer Hause, in der Welt aktiv sind, muss sich die Vaterrolle wesentlich verändern: Kuscheln, trösten, nähren und spielen, all das fällt längst nicht mehr ausschließlich in die Sphäre der Mütter.

Der 1976 im nordrhein-westfälischen Brakel geborene promovierte Philosoph Vedder gibt eine interessante Deutung des Verfalls der alten Vaterrolle: Vor der Französischen Revolution sei der Vater für die Familie das gewesen, was der König für den Staat war. Der König bezog seine Autorität allein aus der göttlichen Ordnung. Unhinterfragt. Mit der Infragestellung dieser Ordnung stürzte auch die natürliche Autorität des Familienvaters in sich zusammen. Und mit der allmählichen Durchsetzung des kapitalistischen Denkens, dem es um Vernutzung allen Seins geht, gerät die Vaterrolle gänzlich ins Abseits: Häusliche Sphäre und Arbeitsleben werden radikal getrennt. Der Vater wird in das Korsett des Versorgers gedrängt, der weder Zeit noch Chance hat, eine echte Bindung zu seinen Kindern aufzubauen. Bei Vedder ist das Patriarchat längst untergegangen, und im Spätkapitalismus, wo beide Eltern zum Haushaltseinkommen beitragen, ändert sich naturgemäß die Autorität der Mutter – und allein schon deswegen kann der Mann nicht der alte bleiben.

Gorillas im Nebel

Hier könnte sich feministischer Widerspruch regen. Aber noch mal: Wenn der Autor von Patriarchat spricht, meint er ein einst positiv begründetes Bild von Vaterschaft, das dem Vater einen Platz in der Familie, nicht an deren Rand zuweist. Die Beschneidung des Vaterbilds hat Vätern und ihren Kindern Gewalt angetan. Der abwesende Vater, der sich in ökonomischen Beschaffungsprozessen abmüht, kann den Kindern weder Halt noch Zuversicht geben.

Väter der Zukunft ist aber kein Ratgeber für Väter, die Orientierung suchen, es ist ein philosophischer Essay. Vedders Text ist da am stärksten, wo er von konkreten Beispielen aus seinem Alltag ausgeht. So dem Weg zur Kita, auf dem sich die Tochter beim Radeln am Berg tüchtig abstrampeln muss. Weswegen sie den Vater als „Trainer“ benötigt. „Umso mehr ich will, dass sie will, desto mehr will sie. Und umso mehr sie will, desto mehr schafft sie es.“ Das liest sich viel konkreter als: „zu den Pfeilen, die die Väter der Zukunft ihren Kindern in den Köcher legen, gehört …)die Einsicht in die Offenheit des Zeitverlaufs“. Der Sloterdijk’sche Tonfall stört. Viel zu schön sind die Bilder, die Vedder in Anlehnung an andere Philosophen entwickelt. Beispielsweise vom Vater als Sisyphos-Figur.

Das Hybride, etwas Verkopfte des Textes zeigt sich auch in den Überschriften, die mal bildhaft („Gorillas im Nebel“), mal abstrakt („Rollenbilder als Interpretamente der Erfahrung“) geraten. Björn Vedder gelingt es dennoch, dem Vaterbild neue Komponenten hinzuzufügen. „Weit eher als mit kraft- und saftstrotzenden Übermännern haben wir es bei den Vätern der Zukunft mit zarten und – aus der Perspektive übersteigerter Männlichkeit – vielleicht sogar femininen Figuren zu tun …“ Ein verheißungsvolles Versprechen!

Info

Väter der Zukunft – Ein philosophischer Essay Björn Vedder Büchner Verlag 2020, 180 S., 18 €

06:00 12.03.2020
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

Ausgabe 13/2020

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