Phase des Abschieds

Literatur Die langjährige Trauerrednerin Louise Brown geht einer der wichtigsten Fragen des Lebens nach: „Was bleibt, wenn wir sterben“?

Sterben ist alltäglich, und doch verdrängen wir den Gedanken an unsere Sterblichkeit. Was aber, wenn sich aus Sterben und Trauern Lehren für ein erfülltes Leben ziehen ließen? In ihrem Buch Was bleibt, wenn wir sterben schildert Louise Brown ihre Erfahrungen als Trauerrednerin. Sie beschreibt nicht nur, wie sie Trauernde in dieser so schwierigen Phase des Abschieds begleitet, sondern auch, wie sie mit dem von ihr verdrängten Thema der Trauer umzugehen lernt.

Louise Brown ist Journalistin, als sie in das für sie völlig neue Berufsfeld der Trauerrednerin einsteigt. Immerhin, sie ist es gewohnt, andere zu befragen und ihre Geschichten zu erzählen. Zwangsläufig wirft die Gestaltung einer Trauerrede die Frage auf, was von einer Person erinnert werden soll. Wie die verstorbene Person gesehen werden wollte, wie ihre Angehörigen und Freunde sie wahrnahmen und was sie lieber nicht in einer öffentlichen Trauerrede erwähnt wissen wollen. Wie geht man damit um, wenn der verstorbene Vater Alkoholiker war, womöglich gewalttätig? Wie lässt sich in Worte fassen, dass die Verstorbene vor ihrem Tod mit Geschwistern oder Kindern im Streit lag?

Jeder Trauerfall wirft aufs Neue die Frage nach einem gelungenen Leben, nach einem wünschenswerten Sterben, ja, nach dem Tod als einziger unausweichlicher Konstante des menschlichen Lebens auf. „Als Trauerrednerin bin ich vielen Menschen begegnet, die ihrem Tod mit einer für mich erstaunlichen Ruhe begegnet sind, trotz ihrer möglichen inneren Zweifel.“ Brown spricht von „Todesmut“, nicht als „ritterhafte Courage“, sondern „stille Tapferkeit“, die Hinterbliebene Kraft in der Trauer schöpfen lässt.

Brown überblendet ihre Erfahrungen als Trauerrednerin mit der persönlichen Geschichte des Abschieds von ihren Eltern, der nicht so verlief, wie sie es sich für die von ihr begleiteten Hinterbliebenen wünscht. So wird ihre Arbeit auch zu einem Prozess, der ihr dabei hilft, den Tod der eigenen Eltern zu bewältigen. „Für einen Menschen, der es jahrelang vermieden hat, die Worte wie Tod und Trauer auszusprechen, hat es etwas Befreiendes, sie nun in den Mund zu nehmen.“ Zugleich wird das Be-Schreiben, das Schreiben selbst Teil des Heilungsprozesses der Autorin.

Vor allem aber glaubt Brown, dass sie ohne den Tod ihrer Eltern, ohne das persönliche Durchleben der Phase der Trauer, das nötige Verständnis für Trauernde in ihrem Beruf nicht hätte aufbringen können. So ist Was bleibt auch ein Denkmal einer Tochter für ihre Eltern, die sich an die schönen und schwierigen Momente ihres Lebens erinnert, dabei auch die Tragik und den Schmerz des Todes nicht ausklammert. Brown fragt sich, warum es ihr nicht gelang, ein persönliches, individuelles Begräbnis für die Eltern, die kurz nacheinander sterben, auszurichten. Zu überwältigend ist die Trauer, die auch nicht gelindert wird durch das Begräbnis, das Brown wie einen schlechten Film erlebt – in der Wiederholung des Ablaufs beider Beerdigungen sogar ein zweimalig erlebter schlechter Film. „Der Abschied von meinen Eltern wurde nicht weniger schmerzhaft, weil wir uns an die ungeschriebenen, aber vertrauten Beerdigungsgesetze gehalten hatten. (…) Anstelle von Lieblingsliedern und persönlichen Anekdoten hatten wir auf die Sicherheit eines J. S. Bach und Bibelstellen zurückgegriffen.“

Die vielleicht verborgene, eher implizite Einsicht des Textes ist, dass sich Sterben und Trauern mit der Welt gewandelt haben: Mochten früher vielleicht vertraute Rituale und konventionelle Handlungen Trauernden Halt geben, so ist es heute die Feier des individuellen Lebens. Wir alle müssen den Tod als Teil unseres Lebens akzeptieren. Aber wenn wir schon gehen müssen, dann als die Individuen, die wir zu Lebzeiten waren.

Info

Was bleibt, wenn wir sterben. Erfahrungen einer Trauerrednerin Louise Brown Diogenes 2021, 256 S., 22 €

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Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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