Filmfestivals für Fortgeschrittene 2015

Fantasy-Filmfest: Alle Jahre wieder. Im Sommer findet das Fantasy-Filmfest statt. Das wird aber kein verkappter Werbeartikel.
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Rückblick

Was 1987 in einem Hamburger Programmkino als Spartenfestival für Fans des Besonderen begann, entwickelte sich innerhalb von wenigen Jahren zum Tourneefestival für Fans und ist mittlerweile ein bundesweites Kommerzfestival. Mein erstes Fantasy-Filmfest war 1994. Seitdem änderte sich viel beim Festival, beim Spektrum der Filme und in der Medienlandschaft allgemein.
Innerhalb von Frankfurt wechselte das Festival bereits zweimal das Kinocenter; seit 2004 wird es im Frankfurter Metropolis gezeigt, welches zum Cinestar-Konzern gehört. Der Gang in dieses Kinocenter ist mittlerweile ein eher ambivalentes Vergnügen, was unter anderem je nach Zeit der Vorstellung an einem sehr unzivilisierten und unangenehmen Publikum liegt und dem Kino in Anlehnung an einen brüchtigten jugendlichen Straftäter mit Migrationshintergrund den Kosenamen "Mehmetropolis" einbrachte (ist nicht meine Idee). Außerdem gab es in den vergangenen Jahren diverse
Probleme mit Brandschutz und Hygiene - ein Besucher will sogar eine Maus im Kino gesichtet haben - und das Kino wurde von der Frankfurter Bauaufsicht geschlossen.

Bis einschließlich 2008 musste es als positiv gewertet werden, dass zu den beiden Festival-Sälen einer der beiden größten des Kinocenters gehörte; in dem Riesenkino mit ca. 650 Plätzen saßen zu manchen Nachmittagsvorstellungen nur wenige Festivalgäste und durch einen zwischenzeitlichen Wechsel hätte das Kino eventuell mehr Geld verdient, indem dort einer der aktuellen Blockbuster gezeigt worden wäre. Dieses Lob entfiel seit 2009. Abgesehen vom Eröffnungsabend wurden wir in zwei kleinere Kinos mit ca. 350 Plätzen bzw. ca. 250 Plätzen abgeschoben. 2012 wurde es erheblich besser. Der Eröffnungsabend wurde in einem der beiden ganz großen Kinos gespielt an den anderen Tagen wurde in zwei nebeneinander liegenden Kinos mit gleicher Größe und wenigen Sitzplätzen Unterschied gespielt. Durch die beiden gleich großen Kinos entstand auch eine Art Gleichberechtigung und nicht der Eindruck einer Vorstellung erster Klasse und einer Vorstellung zweiter Klasse.

Alles neu!

Neu war 2014, dass die Festivalmacher das Festival von Eröffnungsabend plus sieben volle Tage (Mittwoch bis Mittwoch) auf Eröffnungsabend plus elf volle Tage (hier Donnerstag bis übernächster Montag) ausdehnen, nur noch in einem einzigen Kino spielen und Platzkarten einführen.
Bei den Platzkarten war ich längere Zeit skeptisch. Es kann Vorteile und Nachteile haben. Die Vorteile sind ein fester Sitzplatz, den man auch bei knapper zeitlicher Ankunft im voll besetzten Kino hat und den man sich natürlich vorab sehr sorgfältig aussuchen muss. Der Nachteil ist möglicherweise ein sehr unangenehmes Publikum, in dessen Nähe man Tage lang jeden möglichen Unfug ertragen muss.

2014d durchgehend in Kino 9 (ca. 350 Plätze) gespielt. Für Konfusion sorgte, dass zunächst im Internet als auch im gedruckten Programmheft Kino 8 (ebenfalls etwa 350 Plätze) ausgewiesen wurde und dann sehr kurzfristig Kino 9 ausgewählt wurde.

Ein kleiner Rückblick

Bei meinen ersten Fantasy-Filmfesten ging ich in jede mögliche Vorstellung. In meinem ersten Jahr gab es keine Dauerkarten mehr. Ich kaufte 1994 also Einzelkarten für alle Filme. Das kostete damals ca. DM 300; eine Einzelkarte kostete nach meiner Erinnerungen DM 8,00. In den drei folgenden Jahren sicherte ich mir rechtzeitig Dauerkarten. Die erste Dauerkarte 1995 kostete DM 160,00 oder DM 170,00; ein Jahr später kostete die Dauerkarte bereits DM 200,00. In den letzten Jahren kostete die Dauerkarte € 200,00 und eine Einzelkarte kostet € 9,00. Die Dauerkarte kostet nun in den meisten Städten inzwischen € 250,00 - unter dem Aspekt, dass zwar zwölf anstatt 7 1/2 Tage gespielt wird, aber nur ein Kino reserviert werden muss.
Bereits 1998 ging ich wieder dazu über, Einzelkarten zu kaufen und achtete mit der Zeit darauf, mir die Filme genau auszusuchen. Seit 1997 leistete ich mir 2011 zum ersten mal wieder eine Dauerkarte. 2012 entschied ich mich nach einer durchwachsenen Saison 2011 wieder zu Einzelkarten und einer sehr selektiven Auswahl. 2013 besorgte mir wieder eine Dauerkarte. Dieses Jahr war ich lange unentschlossen und ließ es dann mit der Dauerkarte bleiben.

Beim Stöbern auf der Internetseite des Festivals ist angegeben, für welche Städte die Dauerkarten ausverkauft sind. Demnach waren in Stuttgart und Nürnberg zwei Tage vor dem dortigen Festivalbeginn noch Dauerkarten erhältlich, in Köln neun Tage vor Festivalbeginn. Inzwischen sind die Links deaktiviert, was vermutlich organisatorische Gründe hat; die Dauerkarten sind dort allerdings nicht als ausverkauft gekennzeichnet. Das ist alles sehr ungewöhnlich; in früheren Jahren waren die Dauerkarten in Frankfurt geschätzte drei Monate vor Festivalbeginn ausverkauft.

War das Fantasy-Filmfest noch bis in die 90er Jahre oft die einzige Möglichkeit, einen Film zu sehen, der dann bei Gefallen nur unter hohem finanziellem und logistischen Aufwand aus dem Ausland zu importieren war, ist das Festival heute ein Durchlauferhitzer für die Videotheken- und Kaufhausregale und ein paar DVD-Börsen. Bei Studium des Programmheftes erkennt man mit etwas Erfahrung, welche der Filme demnächst im Kino bzw. auf DVD / Blue-Ray veröffentlicht werden. Da ist dann als Verleih eine Kinovertrieb, ein DVD-Anbieter - oder wie 2013 auch mal eine ZDF-Tochterfirma - angegeben. Früher war es noch besser zu erkennen; dann stand im Programmheft "Verleih" für eine kommende Kinoauswertung bzw. "Vertrieb" für eine kommende Heimkino-Veröffentlichung. In solchen Fällen ist es die Überlegung wert, den Film vier, sechs oder acht Wochen später für € 1,80 am Tag aus der Videothek zu holen - bzw. mittlerweile bei einem Online-Anbieter herunter zu laden und dafür auf ein ggf. nerviges Publikum zu verzichten. Schöne und sonnige Tage könnten dann mit anderer Freizeitgestaltung verbracht werden und man kann sich auf die Filme konzentrieren, die (noch) keinen Verleih oder DVD- bzw. Online-Vertrieb haben - dann steht im Programmheft "WORLD SALES", also kein deutscher Rechteinhaber.

Es ist – falls keine Dauerkarte vorhanden - auch empfehlenswert, nicht für alle Filme Karten im Vorverkauf zu besorgen. Mitte der 2000er Jahre schwenkte die Festivalleitung trotz vorheriger Ansage, alle Karten könnten umgetauscht bzw. zurückgegeben werden, um und bereits gekaufte Karten wurden weder umgetauscht noch zurückgenommen; das war 2004. Das sorgte für viel Ärger unter den Festivalbesuchern und hinterließ den Eindruck: Das ist kein Festival mehr für Filmfans sondern ein rein kommerzielles Festival zum Geld Verdienen. Allerdings wurde in dieser Hinsicht die Geschäftspolitik radikal zum Positiven geändert; 2012 hatte ich aus Versehen gekaufte Karten zu Hause vergessen und bekam vom Vertreter der Festivalleitung versprochen, diese Karten umzutauschen, wenn ich mir neue kaufe; es klappte einwandfrei.

Die gastronomischen Gelegenheiten in unmittelbarer Umgebung zum Kinocenter sind durchaus gut und preiswert. Es gibt im Gebäude des Kinocenters zwei Cafés bzw. Bars. Direkt auf den anderen Straßenseiten rund um das Kinocenter gibt u.A. eine Nudelbar, einen sauber wirkenden Imbiss, ein indisches Restaurant und einen Türken, der allerdings wegen Urlaubs geschlossen hat.

2015

Das Konzept der Sitzplätze war eher weniger erfolgreich und wurde wieder eingestellt. Es gibt wieder freie Platzwahl in Kino 8 (350 Plätze). Nachdem das Festival mehrere Jahre in der letzten Augustwoche statt fand und bis in den September ging, plante ich meinen Urlaub entsprechend. Schon im März kam auf Nachfrage bei der Festivalleitung die böse Überraschung. Der Festivalbeginn wurde voraussichtlich auf den 13. August terminiert. Mitten in den Sommerferien. Hier war klar, dass ich keinen Urlaub bekommen würde und es auf ein Sparfestival hinaus läuft.

Jetzt kommen gleich die Filmbesprechungen.

Alle Filme werden in der jeweiligen Originalfassung gezeigt. Filme, die nicht in englischer Sprache gedreht sind, werden mit englischen Untertiteln gezeigt; in wenigen Ausnahmen werden Filme, die bereits auf anderen deutschen Festivals liefen, mit deutschen Untertiteln gezeigt. Für viele Kinobesucher ist das immer noch gewöhnungsbedürftig, daher ist die Bezeichnung "Filmfestival für Fortgeschrittene" nicht unberechtigt.

Hieß Kino bzw. Filmfestival noch vor wenigen Jahren tagsächlich Film, werden inzwischen ausschließlich Digitalprojektionenen gezeigt. Was manchen Festivalbesuchern nichts ausmacht, wird von Anderen mit Skepsis und Ärger zur Kenntnis genommen und auch entsprechend kommentiert. Die Bildqualität war viele Jahre auch im hochauflösenden Digitalformat DCP nicht immer optimal und in der Bildqualität unter der einer 35mm-Filmprojektion. 2012 wurden nur noch 4 Filme auf 35mm - also auf Filmrolle - gezeigt und alle Anderen im Digitalformat; im Programmheft gab es noch einen Hinweis für Nostalgiker. Seit 2013 wird alles digital gezeigt. Aus geschäftlichen Erwägungen heraus sollte berücksichtigt werden, dass eine Digitaldatei kopiert werden kann und selbst der besten Verschlüsselungs- und Kopierschutztechnik wird früher oder später ein entsprechender Kopierschutzknacker folgen; der finanzielle Schaden für Filmvertreiber und Festivalorganisatoren wäre immens. Eine Ansagerin der Festivalleitung erzählte 2011 Jahr vor Filmbeginn, dass ein Filmvorführer in Hamburg aus Versehen einen Film von der Festplatte gelöscht hatte, herzlichen Glückwunsch. Zu beglückwünschen sind natürlich die Filmvorfüher, die keine Filmrollen von bis zu 30 kg Gewicht mehr zu den Kinos schleppen müssen.

War ich fauler Sack Jahre lang noch mit dem Auto am Festivalkino, kam zeitlich manchmal knapp oder sogar zu spät, fand nur mit Problemen Parkplätze und erhielt so maches Strafzettelchen, fahre ich inzwischen seit einigen Jahren mit dem Fahrrad und/oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Eine Wochenkarte für das Frankfurter Stadtgebiet kostet knappe€ 27,00, was im Vergleich zu einem Einzelfahrschein (€ 2,85) günstig ist und und es ermöglicht die Mitnahme des Fahrrades. Nach neun Fahrten ist die Wochenkarte amortisiert

Zunächst gebe ich den Text der Filmbesprechung aus dem Programmheft wieder, dann kommentiere ich, gebe Zusatzinformationen und vergebe Bewertungen analog von Schulnoten (1 = sehr gut; 6 = unzumutbar).

Donnerstag, 13. August

Die letzte Hitzewelle geht zu Ende und es wird tagsüber bis zu 37°C heiß. Den Nachmittag verbringe ich im Freibad und fahre um ca. 19:00 Uhr an der Nidda bis zu einer U-Bahn-Station. Eine Fliege oder Wespe fliegt mir genau ins rechte Auge. Es tut sehr weh und der Reflex sorgt auch noch dafür, dass sich die Lider sofort schließen und das Fluginsekt auch noch festhalten. Ich kann mit Glück einen Sturz verhindern und das Vieh aus dem Auge heraus ziehen. Es brennt noch einige Zeit etwas und dann spüre ich nichts mehr.

20:30 Uhr: KILL YOUR FRIENDS

Großbritannien, Originalfassung, englisch mit deutschen Untertiteln

Steven Stelfox ist 26 und fühlt sich bereits als Halbgott. In seiner eigenen bizarren Welt liegt er damit nicht ganz falsch, denn Stelfox ist A&R-Manager bei einem großen britischen Plattenlabel in den 90ern. Er und seine Kollegen ziehen die Fäden hinter den Kulissen einer manipulativen Musikindustrie, die den Geschmack von Millionen diktiert und über Aufstieg und Absturz unzähliger hoffnungsvoller Künstler entscheidet. Hier zählt nichts als Erfolg und für den muss man mit Zähnen und Klauen kämpfen. Missgünstige Kollegen, schlecht gelaunte Chefs, bockige Klienten und unfähige Assistenten sind nur kleine Hindernisse auf dem Weg nach oben, der für einen wie Steven Stelfox Tag für Tag erneut mit Partys, Koks und Nutten gepflastert ist. Doch hinter all den Exzessen regiert die nackte Angst, irgendwann den Ansprüchen nicht mehr genügen zu können und erbarmungslos auf die Straße gesetzt zu werden. Als Stelfox‘ Kollege plötzlich dem ersehnten Posten in der Chefetage näher steht als er selbst, reicht Steven ein gut platzierter Baseballschläger auf dessen Hinterkopf, um wieder ins Rennen zu kommen. Doch selbst ein eiskalter Mord bringt nicht das gewünschte Resultat, denn nun setzt man dem erfolgsverwöhnten Manager ein abgeworbenes Wunderkind von der Konkurrenz vor die Nase – und Stelfox muss sich erneut einen diabolisch mitleidlosen Plan einfallen lassen, um den lästigen Nebenbuhler ein für alle mal loszuwerden. Damit setzt er eine Kette Ereignisse in Gang, welche die Büros hinter der sauber glänzenden Glasfassade in einen wahren Hexenkessel aus Gier, Neid und Wahnsinn stürzen. KILL YOUR FRIENDS, John Nivens bitterböse Satire auf die Musikindustrie, fand lange keinen Verleger, bevor das Buch endlich veröffentlicht und zum Millionenseller wurde. Zu krass schien seine Beschreibung einer hedonistischen und eiskalten Musikindustrie und der willigen Manager, die diese Industrie am Laufen halten und dabei buchstäblich über Leichen gehen. Regisseur Owen Harris findet nun (mit Hilfe von Nivens eigener Drehbuchadaption und unterstützt von einem wahrhaft brillanten Nicholas Hoult als monströsem Ekel Steven Stelfox) die richtigen Bilder für die Verfilmung der mörderischen Yuppie-Tour de Force. AMERICAN PSYCHO und Scorseses WOLF OF WALL STREET lassen grüßen, wenn Stelfox so richtig aufdreht und seine Opfer immer dort trifft, wo sie es nicht vermuten. Und dennoch: Unter all dem Glanz, unter all dem Hass und unter all den Bergen von Koks, Blut und Leichenteilen ist KILL YOUR FRIENDS nicht nur die Geschichte eines einsamen Arschlochs, das gar nicht anders kann, als andere zu verletzen. Sondern zugleich auch ein mit einem mitreißenden Soundtrack versehener Abgesang auf die letzte große Ära der britischen Popmusik. Unvergesslich: Moritz Bleibtreus Gastauftritt als durchgeknallte deutsche Produzenten-Sau Rudi.

Nach einigen Durchhängern in den letzten Jahren ist KILL YOUR FRIENDS wieder ein richtig guter Eröffnungsfilm. Gut gespielt, temporeich erzählt, packend charakterisiert. Interessanterweise gibt es im gesamten Film nicht einen einzigen Sympathieträger und trotzdem hängt man als Zuschauer am Geschehen fest und langweilt sich nie. Interessanterweise Nr. 2 scheint die Person, die den Text für das Programmheft schrieb, den Film nicht oder nicht vollständig gesehen zu haben. Ein Baseballschläger als Mordwaffe kommt nie zu Einsatz. Steven´s völlig talent- und instinktfreier Konkurrent heißt ausgerechnet Roger Waters - wie das Musikgenie von Pink Floyd - und wird zuerst mit einem Gürtel gewürgt und dann mit einem Dekorationsgegenstand aus dem Regal getötet. Insgesamt sind die Mordsequenzen sehr sparsam, dann aber heftig inszeniert. Mord ist gar nicht immer nötig, einmal reicht auch eine besonders perfide Denuntiation.
Im Programmtext sind auch Vergleiche mit AMERICAN PSYCHO und WOLF OF WALL STREET daneben. Während für den Unsympathen aus der Musikbranche ein gelegentlicher Mord Mittel zum Zweck ist, mordet der AMERICAN PSYCHO aus Leidenschaft und im Scorsese-Film wird niemand umgebracht.

Insgesamt sehenswert mit diversen sehr überraschenden Handlungsbrüchen.

Wir sehen eine Vorpremiere. Nach Aussage der Festivalleitung lief der Film noch nirgendwo anders außer auf dem Fantasy-Filmfest im Kino. In Berlin war Weltpremiere. Trotzdem sehen wir den Film mit deutschen Untertiteln, was sehr hilft; ohne Untertitel wäre manche Dialogszene im englischen Branchenslang schwer zu verstehen gewesen.

Meine Meinung über Moritz Bleibtreu muss ich scheinbar revidieren. Eigentlich halte ich gar nichts von ihm. Allerdings bekam ich bereits öfter berichtet, dass Bleibtreu in ausländischen Produktionen in ganz Europa auftritt und wirklich gute Arbeit leistet. Als prolliger deutscher Produzent hat Bleibtreu wirklich Charisma und sorgt für zwei Höhepunkte. Im filmischen Entwicklungsland Deutschland dagegen scheint Bleibtreu nicht so zu dürfen wie er will und leistet im von Filmförderung, Fernsehsendern und selbstverliebten Machern durchkonzeptionierten Möchtegern-Kommödienkino Dienst nach Vorschrift.

Note = 2

22:45 Uhr: Parasyte: Part 1

Japan, Originalfassung, japanisch mit englischen Untertiteln

Einen Moment zu lange steht der Mann mit dem leeren Blick regungslos vor dem Ladentisch – etwas scheint nicht in Ordnung. Doch noch bevor der Kassierer sich entscheiden kann, ob er vielleicht lieber abhauen sollte, spaltet sich das Gesicht seines Gegenübers blütenförmig auf und legt ein vielzahniges Maul und mehrere Paar Augen frei. Ungläubig starrt er dem Wesen entgegen – im nächsten Moment hat es ihm schon den Kopf abgebissen. In PARASYTE findet eine Reihe außerirdischer Sporen ihren Weg zur Erde und kriecht in die Gehirne der ahnungslosen Bevölkerung. Dort übernehmen sie als Parasiten nicht nur die Kontrolle über das Bewusstsein ihrer neuen Wirte, sondern ändern auch deren Speiseplan radikal. Eine grausame Mordserie ist das Ergebnis. Auch der 17-jährige Shin’ichi schlägt sich mit so einem Parasiten herum. Dieses Exemplar hat es allerdings nicht geschafft, sein Gehirn zu infiltrieren, sondern muss sich notgedrungen in Koexistenz mit seinem Arm begnügen. Der führt von nun an ein Eigenlegen und macht dem Jungen das Leben schwer. Nicht nur, dass er seiner Freundin neugierig unters T-Shirt greift, er zieht Shin‘ichi auch mittenrein in die mysteriöse Invasion. PARASYTE ist der erste Teil der langerwarteten Umsetzung des beliebten Mangas Kiseijuu. Dank dichter Atmosphäre, erstklassigen Effekten und ganz viel Charme macht er auch Einsteigern viel Freude.

Zunächst stellt sich die Frage, warum nicht beide Teile laufen. Meine Anfrage an die Festivalleitung dazu bleibt unbeantwortet. Meine Vermutung ist ein Deal mit dem DVD-Anbieter, der sich durch die Anschubwerbung beim namhaften Filmfestival über Viele Scheibchenkäufe und Downloads wird freuen dürfen.

Bei NIPPON-Connection, dem Japanischen Filmfestival in der ersten Juniwoche liefen beide Teiledirekt nacheinander. Begeistert war ich nicht. Viel zu viele Effekte und Mätzchen sorgen für einen begrenzten Spaß. Die genaue Filmkritik kann hier nach gelesen werden.

Freitag, 14. August: Ich pausiere. Mit meinem sehr guten Freund plane ich, nach Butzbach zu fahren und dort im Open-Air-Kino den Klassiker THE ROCKY HORROR PICTURE SHOW zu sehen. Seit einigen Jahren wird der Kultfilm als Programmabschluss gezeigt. Ob Zufall oder nicht: Genau an diesem 14. August vor genau 40 Jahren hatte die ROCKY HORROR PICTURE SHOW Premiere in London. Also - da müssen wir hin. Großes Pech: Er hat auf dem Heimweg von der Arbeit einen Autounfall. Zum Glück ist niemand verletzt. Es gibt nur Blechschaden. Aber nach dem Ärger und dem Papierkram mit der Polizei ist er nicht mehr in Stimmung und wir müssen es ausfallen lassen.

Ich pausiere aufgrund des fabelhaften Wetters und der nicht immer viel versprechenden Filme weiter.

Dienstag, 18. August

Es ist wesentlich kühler als fünf Tage davor. Aufgrund einer hohen Niederschlagswahrscheinlichkeit, fahre ich ausnahmsweise mit dem Wagen von der Arbeit in die Nähe des Kinocenters. Trotz der niedrigeren Temperaturen ist das Kino weiterhin arktisch gekühlt. Es ist unangenehm.

16:15 Uhr: OFFICE

Südkorea, Originalfassung, koreanisch mit englischen Untertiteln

Es war ein langer Arbeitstag in Seoul. Als Verkaufsmanager Kim heimkehrt, schlägt er mit einem Hammer seine Frau, seine Mutter und Sohn tot. Die Tragödie entsetzt alle Mitarbeiter, die am nächsten Morgen auf ihrer Büroetage von Kommissar Choi befragt werden. Empört stellen sie den Mörder als Psychopathen hin. Nur die Praktikantin Lee, die in dem geschäftigen Büro wie eine Sklavin behandelt wird, weiß es besser: Kim war der einzig nette Vorgesetzte in einem Laden voll giftiger Schlangen. Doch die Bosse verbieten ihr den Mund und behindern die Ermittlungen – der Ruf ihrer Firma geht für sie über Menschenleben. Deshalb merkt auch keiner, dass der verschwundene Kim sich im Gebäude versteckt hat und seine ehemaligen Kollegen wie ein Geist heimsucht. Selten gab es einen so schonungslos ehrlichen Thriller aus Südkorea. Won-chan Hong (Autor der großartigen THE CHASER und THE YELLOW SEA) verzichtet hier auf comichafte Überzeichnungen und konventionelle Slasher-Rallys. Er entwirft mit OFFICE einen systemkritischen Suspenser, der in kalten Farben das bissig-böse Bild einer kranken Ellenbogengesellschaft zeichnet. Ausgestattet mit tollen Soundeffekten entlarvt die beklemmende Story Menschen als schiere Arbeitsdrohnen im Mobbingmodus. Sie alle haben Angst – vor dem Chef, der Kündigung und einem unheimlichen Killer. Wer in diesem Betrieb arbeitet, muss einfach Amok laufen.

Koreanische Filme sind in den meisten Fällen hoch professionell und sehr sehenswert. Dieser ist ruhig und trotzdem spannend erzählt. Das zerstörerische Betriebsklima wird gut und spürbar geschildert.
In der Mitte des Films gibt es erste Zweifel über die Identität des Mörders. In der Schlussphase wird dann das meiste gelöst, aber ich verrate hier nichts. Es wird aber sehr überraschend und mit leicht übernatürlicher Note sein.

Note = 2

18:00 Uhr: EXTRAORDINARY Tales

L/USA/E/B, Englische Originalfassung

EXTRAORDINARY TALES ist nicht wirklich ein Animationsfilm – er ist gleich fünf! Fünf verschiedene Geschichten, die auf ganz unterschiedliche Weise animiert, den Horror des amerikanischen Meisterautors Edgar Allan Poe einfangen. Ob die Oscar-nominierten Animationen THE FALL OF THE HOUSE OF USHER und THE TELL-TALE HEART oder der an ein Ölgemälde erinnernde THE MASK OF THE RED DEATH – in der Anthologie entfalten alle Geschichten in ganz virtuosem Stil ihren eigenen Zauber. Dabei dienen Genregrößen wie Sir Christopher Lee und Bela Lugosi als Erzähler. Die Technik macht‘s möglich! Weniger bekannt, aber genauso effektiv sind die Stimmen von Roger Corman und Guillermo del Toro. Die beiden Hardcore-Poe Fans wollten bei dem Herzensprojekt unbedingt dabei sein. Dass es sich um ein solches handelt, merkt man an der Detailverliebtheit des Ganzen. So bildet ein nächtliches Gespräch auf dem Friedhof einen grauenhaft schönen Rahmen für die Erzählungen. Natürlich zwischen niemand anderem als dem Tod, Poe selbst und seinem fast schon ikonenhaften Raben. Da erfährt man ganz nebenbei noch etwas mehr über den Horrormeister und seine Obsessionen. Die liebevolle Hommage ist somit nicht nur Muss für alle Poe-Verehrer und Animationsfans, sondern auch Nachhilfestunde für alle Poe-unerfahrenen Horrorliebhaber.

Hier wurden offensichlich bereits gezeigte Animationsfilme zu einer abendfüllenden Rolle zusammen gestellt. Neben den Stimmen des kürzlich verstorbenen Sir Christopher Lee und des frühen Dracula-Darstellers Bela Lugosi (von einem von ihm selbst produzierten und besprochenen Hörbuch entnommen) sorgt ein sehr eigenwilliger Animationsstil für Stimmung, der zwar mindestens teilweise auch mit Computeranimation hergestellt sein könnte, aber eine sehr abwechslungsreiche Optik hervor bringt, die oft an Tuschezeichnungen erinnert.

Sehr beeindruckend. Note = 2

Allerdings ist dieser Film wesenlich länger als die im Katalog angegebenen 70 Minuten. Darüber beschwere ich mich auf keinen Fall, denn ich habe mehr Zeit für die € 9,50 zur Verfügung. Nur ist wieder sehr wenig Zeit bis zur nächsten Vorstellung, von der ich auf keinen Fall den Anfang verpassen möchte. Hier unterstelle ich, dass absichtlich wenig Zeit zwischen den Abendvorstellungen gelassen wird, um hungrige Kinogäste zum Kauf von Popcorn- und Nachofraß zu zwingen.

20:15 Uhr: SHREW'S NEST

Spanien, Frankreich, Originalfassung, spanisch mit englischen Untertiteln

Wischt man sich die Blutspritzer aus den Augen, hebt den schwarzen Spitzenschleier und schaut an den Kruzifixen vorbei, erinnert dieser spanische Horror-Thriller an Rob Reiners MISERY und Don Siegels BETROGEN. Allerdings hätte Macarena Gómez als durchgeknallte Jungfer, Kathy Bates wohl gar nicht erst zu Wort kommen lassen. Die verbitterte Montse hat zwar seit Jahren die Wohnung nicht verlassen und kränkelt sichtlich vor sich hin, lässt sich aber nicht davon abhalten, ihrer hübschen kleinen Schwester die jugendlichen Flausen und die buhlenden Männer mit dem Stock auszutreiben. Denn Kerle bringen nur Unheil! Und Unheil stellt sich auch prompt ein, als ein Fremder in Not bei den Schwestern klopft und verzweifelt um Hilfe bittet. Als Montse ihn hineinlässt, nimmt das Schicksal seinen Lauf. SHREW‘S NEST erzählt mit grausigem Vergnügen von den dunklen Geheimnissen der Nachbarn und lebt von Macarena Gómez‘ unglaublicher Performance! Ihre herrlich schrullige Montse braucht nur die von Schmerz und Leid gezeichneten Augen zu rollen, um den Zuschauer in nervöse Entzückung zu versetzen. Wenn sie dann auch noch das Nähzeug auspackt und anfängt zu sticheln, dann geht das direkt unter die Haut. Álex de la Iglesia (EL DÍA DE LA BESTIA, WITCHING & BITCHING) produzierte dieses beklemmende Kammerspiel voller schrägem schwarzen Humor, Marienfiguren und Kunstblut!

So überwältigend Macarena Gómez als psychisch schwer gestörte Schwester ist, so großartig ist auch die restliche Besetzung. Ich bin ja seit einigen Jahren ein Luis-Tosar-Fan. Luis Tosar, der uns vor einigen Jahren als soziopathischer Hausmeister überfiel und eroberte, überzeugt als Vater der Schwestern, der hier als Haluzination auftaucht. Was er den Töchtern einst antat, stellt sich erst in der Schlussphase des Films heraus und soll nicht verraten werden.
Wenn die Schwester die Geheimnisse der Wohnung gegen Eindringlinge verteidigen musse, sind keine explizieten Gewaltszenen nötig. Zwei aus der Wollkugel gezogene Stricknadeln und eine zugeknallte Tür reichen, um für Psycho-Horror zu sorgen. Auch der Blick auf das gebrochene Bein des unfreiwilligen Patienten, dessen Farbe sich allmählich in ein ungesundes lila verwandelt, tut schon beim Hinschauen weh. Handlungsorte sind abgesehen von ein paar Fensterblicken auf die Straße ausschließlich die Wohnung der Schwester, das Treppenhaus und die Wohnung des Unfallopfers. Dort bewegt sich die Breitwandkamera mit Dynamik und demangemessenen Tempo.

Die spanischen Beiträge gehören seit Jahren zu den Höhepunkten des Festivals. Hier ist es nicht anders.
Herausragend: Note = 1

Mittwoch, 19. August, 20:15 Uhr: YAKUZA APOKALYPSE

Japan, Originalfassung, japanisch mit englischen Untertiteln, teilweise englisch

Ganze 98 Regiearbeiten kann der japanische Ausnahmeregisseur Takashi Miike in seinem Werk bereits verzeichnen. Zwischen routinierter Mainstream-Action wie unlängst SHIELD OF STRAW und absurdem Theater wie GOZU ist ihm stets alles zuzutrauen: Samurai-Filme in 3D, ernste Geistergeschichten, überdrehte Comic-Verfilmungen: Wenn man es denken kann, hat Takashi Miike es bereits gedreht. Mit nunmehr 55 Jahren ist Miike zwar im engeren Sinne kein "enfant" mehr, aber mit Sicherheit immer noch "terrible". Kurz vor der runden Hundert seines cineastischen Schaffens wirft er sein gesamtes Werk in die Waagschale undinszeniert mit YAKUZA APOCALYPSE eine Art Best-Of all der Themen und Stile, die Miike seit seinen frühen Tagen als Direct-to-Video-Avantgardist bewegen. Der wild delirierende Regie-Balanceakt ist einerseits ein kompromissloser filmischer Tourette-Anfall und blutrotes Action-gemälde, das einem (buchstäblich!) das Gehirn zum Schmelzen bringt. Andererseits vom Ansatz her aber auch ein ganz klassisches Gangsterfilmszenario mit schlüssiger Handlung. Kurz vor seinem Tod übergibt ein altehrwürdiger Yakuza-Boss sein Reich an einen jungen Protegé. Der sieht sich danach unzähligen Intrigen ausgesetzt und muss unerbittlich um sein Leben und seinen Status als Yakuza-Erbe kämpfen. So weit, so nachvollziehbar. Aber schon im ersten sensationell blutigen Martial-Arts-Battle wird klar, dass in einem Miike außerhalb dieser Prämisse alles passieren kann. Denn was bisher niemand wusste – das Oberhaupt des Syndikats war ein Vampir und hat neben seinem Reich auch seine Kräfte und schicksalhaften Eigenschaften an den Zögling Kageyama weitergegeben. Natürlich im allerletzten Atemzug… Takashi Miike nimmt diese Genre-Verknüpfung als selbst ausgesprochene Einladung zum Abfeiern! Es fehlen die passenden Worte um diesen Ausbruch ungezügelter Fantasie adäquat zu beschreiben. Die überbordende Künstlichkeit dieser Irrfahrt von einem Film ist wohl das genaue Gegenteil der Dogma-Bewegung. Und kann man Besseres über einen Kinofilm sagen? Man muss dieses Bombardement mit Unfassbarkeiten schon selber gesehen haben, um es glauben zu können. Da tauchen etwa übel riechende Fabelgestalten auf, Killer im Puritanergewand geben sich ein Stelldichein und schließlich läutet auch noch eine Art menschengroßer Kermit im Froschkostüm das Ende der Welt ein. Zwischendurch wird in den von THE RAID-Choreographen Yahan Ruhian meisterlich entworfenen Kampfsportszenen gestorben, was das Zeug hält. Kino ohne Grenzen. Takashi Miike macht‘s möglich!

Yakuza-Vampire, eine Vampir-Epidemie, außerirdische Kampffrösche, Stilbrüche in der Handlung und zum Schluss ein Vulkanausbruch mit Riesen-Godzilla-Plüschfrosch. Ganz ehrlich: Ich bin ratlos und verstehe phasenweise gar nicht mehr, worum es überhaupt geht. Aber es ist gute Unterhaltung.

Note = 2

Donnerstag, 20. August, 16:00 Uhr

Ich schaffe es noch rechtzeitig mit U-Bahn und Fahrrad rechtzeitig zum Kinocenter, durch die Schlange an der Kasse und ins Kino.

HYENA

Großbritannien, englische Originalfassung

"I have seen the future of crime films and it screams HYENA!" Nicholas Winding Refns begeisterter Ausruf ist Lob von höchster Stelle und das verdient – denn HYENA erinnert nicht von ungefähr an die neonüberflutete und vor elektronischen Klängen pulsierende Welt von DRIVE und ONLY GOD FORGIVES. Detective Michael Logan ist kein Cop, der an das Gute im Menschen glaubt. Im Gegenteil: Zusammen mit seinen nicht minder fragwürdigen Kollegen bereichert sich der korrupte Bulle Tag für Tag mit äußerster Brutalität am kriminellen Abschaum der Londoner Unterwelt. Als eine Gruppe albanischer Gangster in den lukrativen Drogenhandel drängt und dafür gnadenlos die Konkurrenz beseitigt, will Logan zunächst am Kuchen mitverdienen. Bis er auf das Mädchen Ariana trifft und erkennen muss, dass die menschenverachtenden Methoden der Albaner selbst ihm zu weit gehen. Zu allem Überfluss ist dem Polizisten auch noch ein interner Ermittler auf den Fersen und Logan muss aufpassen, dass er in der sich zuspitzenden Situation nicht in ein tödliches Kreuzfeuer gerät. Ähnlich wie Refn inszeniert auch Gerard Johnson (TONY) seinen ultrabrutalen Londoner Mikrokosmos als nihilistisches Inferno, in dem an keiner Stelle die erhoffte Erlösung wartet. Stattdessen wühlt sich sein Protagonist – ein moderner BAD LIEUTENANT – immer tiefer in den verderbten Sumpf, der Körper und Seele bis zur Unkenntlichkeit verschmutzt. Nein, keine Erlösung. Für niemanden.

Der Einstieg ist ein Überfall auf einen Musikclub. Mehrere Minuten wird kein Wort gesprochen. Ich bin sehr beeindruckt. Im weiteren Verlauf nehmen die Dialoge zu, der Film wird aber nicht kaputt gequatscht. Dabei sind die Dialoge im englischen Tonfall in manchen Szenen fast gar nicht zu verstehen. Nicholas Winding Refn muss bei seinem Lob unter dem Einfluss bewusstseinserweiternder Substanzen gestanden haben. So ein Knaller ist er nicht, sehr stilbewusst und mit rotem Faden erzählt. Eine schmutzige, teils neongrelle Optik sorgen ebenso für Stimmung wie die fetzige Elektromusik und ausgefeilte Charaktere. Die Gruppe der albanischen Rotlichtmafia wird mit einer erstaunlichen Unbekümmertheit dargestellt, die in anderen Filmländern - besonders in Deutschland - nicht möglich wäre. Hier erinnere ich mich gerne an die PUSHER-Filme von Nicholas Winding Refn, in denen die Serben-Mafia eine tragende Rolle spielt.

Sehenswert. Note = 2

18:15 Uhr: HOWL

Großbritannien, englische Originalfassung

Es ist eine stürmische, dunkle Nacht. Der spärlich besetzte letzte Zug in die Vororte verlässt wie immer den Londoner Bahnhof und der junge Schaffner Joe freut sich auf seinen Feierabend. Die Hoffnung auf eine ruhige letzte Schicht wird jedoch jäh vom Kreischen der Notbremse zunichte gemacht, als der Zug auf offener Strecke, mitten im Wald zum Halten kommt. Das rätselhafte Verschwinden des Lokführers kurz darauf bleibt unter den zurückgebliebenen Passagieren jedoch nicht lang Gegenstand ungewisser Spekulationen. Eines ist bald klar: dort draußen im Dunkel lauert etwas! Als immer mehr Fahrgäste den Attacken der mannsgroßen pelzigen Raubtiere zum Opfer fallen und auch der letzte Skeptiker nicht mehr verleugnen kann, dass Werwölfe tatsächlich existieren, organisiert Joe den bewaffneten Widerstand. In den Trümmern des letzten Waggons entscheidet sich der ungleiche Krieg zwischen Mensch und Monster. Regisseur Paul Hyett konnte schon im kontroversen Regiedebüt THE SEASONING HOUSE aus seinen reichhaltigen Erfahrungen als früherer Effektspezialist schöpfen. Mit sicherer Hand führt er den Zuschauer durch ein klassisches Midnight-Monster-Movie mit großartigen Creature-FX.

Ein netter Werwolf-Film ohne herausragende Momente. Ein Zug bleibt im Wald stehen und wird von Werwölfen überfallen. Die Gäste sind auch noch so unvorsichtig und verlassen den Zug. Den Fahrer und eine Oma erwischt es als Erste.

In Ordnung. Note = 3

20:15 Uhr: Nachdem wieder erstaunlich wenig Zeit zum Essen war, komme ich einige Minuten zu spät.

DER BUNKER

Deutschland, Originalfassung, deutsch mit englischen Untertiteln

Einer der wahnwitzigsten Beiträge in diesem Jahr kommt tatsächlich aus Deutschland. DER BUNKER ist dermaßen stilsicher, komisch und verstörend zugleich, dass man das Treiben im titelgebenden Bau irgendwann wie berauscht verfolgt. Regisseur Nikias Chryssos reichen vier Figuren, um eine skurrile Szene an die nächste zu reihen: Den Vater, der sich gern als Clown verkleidet und furchtbare Witze vorliest, die Mutter, die mit ihrer offenen Wunde am Bein kommuniziert und Söhnchen Klaus, der angeblich acht Jahre alt ist, aber vom 31-jährigen Daniel Fripan gespielt wird. Dazu kommt noch "der Student", der sich in dem spießig eingerichteten Bunker eigentlich nur ein Zimmer angemietet hat, um in Ruhe am Higgs-Teilchen zu forschen. Doch es kommt anders für den Neuankömmling. Er wird der Privatlehrer für den kleinen Klaus, der schließlich später Präsident werden soll. Kurzum: In DER BUNKER ist alles und jeder ziemlich merkwürdig und das Ergebnis genau deshalb so großartig. Der deutsche Film, oft für seinen Einheitsbrei gescholten, hat hier wirklich etwas Einzigartiges hervorgebracht. Das Design des Bunkers lässt sich am besten als retro-creepy beschreiben und der "kleine" Klaus sieht aus als hätte ihn Tim Burton während einer Depression erdacht. Obendrein bietet DER BUNKER witzige Dialoge, mysteriöse Stimmen und harte Prügelstrafen. Irrsinn kann manchmal so schön sein.

Ich kaufte mir eine Karte im Vorverkauf und bin dann schnell doch sehr skeptisch. Die Handlung kling im Katalog zwar abgefahren, aber bei den Katalogtexten stimmt ja oft die Hälfte nicht. So befürchte ich ein Amateurprodukt in Heimvideo-Optik für den Heimkinomarkt. Er soll seine halbe Stunde bekommen und wenn er dann nichts taugt, gehe ich. Das Ergebnis ist dann anders und überrascht sehr und entzieht sich jeder Kategorisierung.
Die in jeder Hinsicht absurde Handlung wird flüssig erzählt. Die Darsteller hatten viel Spaß, was sich auf die Stimmung im Film überträgt. In den teilweise kleinen und sehr niedrigen Räumen wird sehr professionell mit einer Breitwandkamera gearbeitet. Bewunderswert ist die liebevolle Ausstattung. Die Räume sind mit 70er-Jahre-Tapeten und unzähligen originellen Dekorationsstücke wie z.B. kleinen Figuren aus Nüssen und Kastanien dekoriert. Die Gesamtstimmung entwickelt dabei schnell eine gewisse Sogwirkung, die den Zuschauer gefangen nimmt.
Der Film ist als Kommödie angekündigt, aber ich finde ihn nicht richtig komisch. Durch die Abgeschiedenheit des Bunkers und Handlungselemente wie den sprechenden Parasiten im Bein der Mutter werden auch die Bild- und Erzählsprache des Horrorkinos und des Endzeitkinos in den Film gebracht. Die besonderen Lehrmethoden geben kleine Seitenhiebe auf eine gewisse Deutschtümelei und die besonderen deutschen und preußischen Tugenden.
Nach dem Film sind der Regisseur und zwei Darsteller da und berichten von den Dreharbeiten. Ohne Filmförderung und Beteiligung von Fernsehsendern wurde dieses Vier-Personen-Kammerspiel in einem umgebauten Haus im Land Brandenburg gedreht. Mit Glück gerieten sie an den Autorenfilm-Pionier und Lindenstraßen-Erfinder Hans W. Geißendörfer, der den Film co-produzierte und ihnen künstlerische Freiheit ließ. Das Ergebnis verdient dann auf jeden Fall Respekt.

Note = 3+

Der Freitag bleibt filmfrei.

Samstag, 22. August um 20:15 Uhr: DEATHGASM

Neuseeland. englische Originalfassung

Death to false Metal! Nach diesem Motto leben Brodie und Zakk im teufelsverlassenen Greypoint. Doch auch wenn die beiden Killernietenträger die erzchristliche Bevölkerung nur allzu gerne mit ihrer satanischen Musik provozieren – dass Greypoint zur wahrhaftigen Hölle wird, wollten die beiden dann doch nicht. Aber wer den letzten Song der bösesten Grunz-Band aller Zeiten in Lautstärke 11 nachspielt, darf sich nicht wundern, wenn plötzlich Blitze aus seiner Gitarre schießen und die Nachbarn zu blutrünstigen Maniacs mutieren. Die Brothers of Steel wissen sich ihrer tätowierten Haut jedoch zu erwehren. Mit Axt und Kettensäge! Death to false Splatter! Nach diesem Motto haut der neuseeländische Regisseur Jason Lei Howden bei seinem Debüt mit überdrehten und vor allem handgemachten Blut-Eskalationen ordentlich ins Mett. Als Effektkünstler der HOBBIT-Filme hat er schließlich beim Besten gelernt: seinem Landsmann Peter Jackson! In DEATHGASM schielt Howden dazu auch noch überdeutlich in Richtung Sam Raimis EVIL DEAD-Reihe. Gepaart mit der augenzwinkernden Leidenschaft für die Klischees harter E-Gitarrenmusik, ist DEATHGASM zu einem wahren Höllenritt voll herrlich kranker Situationskomik und liebenswert-chaotischer Charaktere geworden. Hier bleibt kein Auge trocken und kein Ohr taub!

Netter augenzwinkernder Horror-Spaß mit Okkultismus-Anleihen und viel Blut und Matsch. Macht Spaß. Der Regisseur und seine Ehefrau / Produzentin / Drehbuchautorin sind da und strotzen vor Selbstbewusstsein.

Note = 3

Fazit:

Mit traumwandlerischer Sicherheit lasse ich die schlechten Filme, die es nach Hören-Sagen ebenfalls gab, aus und habe einen vergleichsweise sehr guten Jahrgang. Das selektive Sehen lohnt sich auf jeden Fall.

s. auch:

09:22 29.08.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Martin Betzwieser

Personifizierter Ärger über Meinungsmanipulation, Kino- und Kabarattliebhaber
Martin Betzwieser

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