In einem anderen Film

Ukraine Vier Tage reist unser Autor durch das Land. Von Kriegserwartung ist wenig zu spüren. An der Grenze zur Krim trainiert der Katastrophenschutz
Auf Kampf scheint in Kiew noch am ehesten dieser reitende Kosake eingestellt zu sein
Auf Kampf scheint in Kiew noch am ehesten dieser reitende Kosake eingestellt zu sein

Foto: Zuma Wire/Imago Images

Achter Februar, Dienstag. Zur Mittagszeit – Emmanuel Macron kommt gerade nach einem sechsstündigen Treffen mit Wladimir Putin nach Kiew – fliege ich von Wien aus dorthin. Noch schnell die News gecheckt: Laut einer anonymem US-Quelle ist die russische Armee bereits in der Lage, in 48 Stunden Kiew zu besetzen und Präsident Wolodymyr Selenskyi zu stürzen. Der Flieger ist voll und ähnelt einem Laufsteg heimkehrender ukrainischer Topmodels. Sechs angeheiterte Ukrainerinnen beraten sich, welche Lügen sie den Grenzbeamten erzählen: „Sag, du bist Prinzessin!“

In Kiew bin ich etwa zum 30. Mal in 20 Jahren. Neu sind die hohe schwere Ukraine-Fahne, die am Airport wie in Zeitlupe weht, das Verwaisen der ewigen Mini-Maidans, das Schrumpfen der Portionen auf die Hälfte, die Teuerung, die Covid-Passpflicht – und das Verschwinden gedruckter Zeitungen. Es stimmt nicht ganz, dass Komiker die Ukraine regieren, die Machtpositionen besetzen eher Kommerz-TV-Unternehmer – die das gedruckte Wort verachten. Die meisten Periodika sind eingestellt oder auf Ukrainisch zwangsumgestellt, auch der Ableger des Moskauer Boulevardblatts Komsomolskaja Pravda erscheint nur noch auf Ukrainisch, auf Russisch gibt es drei graue Käseblättchen.

Eine der letzten Zeitungsverkäuferinnen sagt: „Tageszeitungen gibts in der Ukraine nicht mehr.“ Dafür prangen nun überall QR-Codes, sogar auf den Deoligarchisierungsplakaten der Regierung, die namentlich genannte Oligarchen mit Feister-Geldsack-Karikaturen angreifen. Die Anspannung der Menschen soll gewaltig sein. Sehen kann ich das nicht.

Eine Oase der Freiheit

Während Selenskyj und Macron im barocken Marienpalast tafeln, sitze ich nebenan in einer Espresso-Bar. Auch die Kollegen von Al-Jazeeraaus der Türkei lassen sich hier nieder. Das Café ist eine Oase der Freiheit: Der Impfnachweis wird nicht kontrolliert, und es ist so ziemlich der einzige Ort auf der Welt, wo das WLAN das einst hochpopuläre Portal strana.ua, das Selenskyj so wie inzwischen sechs oppositionelle TV-Sender verbieten ließ, nicht blockiert. Macron und seine Betonung des Minsker Abkommens, das der als Friedensstifter angetretene Selenskyj lieber nicht mehr erwähnt, ist nur eines der Themen. Die Headline des Tages: Selenskyjs Ankündigung, allen Rentnern der Ukraine ein Smartphone zu schenken. Die Staats-App wird auf zehn weitere Anwendungen ausgeweitet. Cyberkrieger wird’s freuen.

Am nächsten Tag in Cherson, Südukraine. Da eines der behaupteten Szenarien davon ausgeht, dass die russische Armee von der annektierten Halbinsel Krim einfallen könnte, fahre ich ins Grenzgebiet zur Krim. Ich nehme den Autobus ins letzte ukrainische Städtchen Kalantschak, auf der Hauptroute M17. Neben mir sitzt eine 18-Jährige, die mir mit der folgenden Anrede sympathisch wird: „Ach, wie ich den Geruch einer frischen Zeitung liebe!“ Die Kalantschakerin ist Kellnerin in einem Chersoner Einkaufszentrum und geht nebenbei in eine achtmonatige Berufsschule, Berufsbild „Barkeeper“. Ich stelle mir das Klassenzimmer als eine einzige, bis obenhin cognac-whisky-schimmernde Bar vor. Und werde enttäuscht, „die Schule hat keinen Alkohol, den müssen wir uns selber kaufen, mal eine Flasche Metaxa oder Sambuka“. Sie lobt die neue, von der Selenskyj-Partei gestellte Bürgermeisterin: Sehr aktiv, der neue Kunststoff-Weihnachtsbaum war schöner als früher. Sie sagt wie selbstverständlich „Russland“, wenn sie von der Krim spricht. Noch vor zwei Jahren, als ihr großer Bruder im nahen Armjansk gejobbt hat, war sie dort, „eine kultivierte Stadt“. An Krieg – „da wäre Kalantschak als erstes an der Reihe“ – kann sie nicht glauben. Sie sagt: „Ich halte keineswegs alle Russen für Feinde.“

Wir fahren über den Nord-Krim-Kanal, das größte Bewässerungssystem Europas, das vor der Annexion 85 Prozent der Krim mit Dnjepr-Wasser versorgt hat, jetzt ist er trocken und ein möglicher Kriegsgrund. Ansonsten ist Kalantschak eher kaputt: eine Butterei-Käserei, ein Denkmal für drei im Donbass gefallene Kalantschaker, der Sowjet-Univermag dem Verfall preisgegeben, ein neuer Supermarkt noch nicht da. Kalantschak spricht Surschyk, den räudigen Mischdialekt zwischen Ukrainisch und Russisch. Die alte goldzahnbewehrte Billetverkäuferin im Busbahnhof erzählt im Surschyk, wie vertraut ihr die Krim war. Dass sie 2014 dort plötzlich wie eine Fremde behandelt wurde, hat sie gekränkt. Sie fürchtet Russland seither, die Wahl dieses unpassend auftretenden Komikers könnte der Ukraine auf den Kopf fallen, glaubt sie. Die Stimmung im Bahnhofsbistro ist aufgekratzt, im Musikfernsehen ertönt ein russischer Song: „Deine Tänze sind so traurig / so traurige Tänze hast du getanzt“.

Ich gehe in die Stadt, und plötzlich wimmelt es von Uniformierten, nur einige sind Soldaten, die meisten „Ritualniki“ vom Katastrophenschutz. Seltsam ist, dass diese Hundertschaften erst gestern eingetroffen sind, Monate nach Beginn der Krise. Der wartende Fahrer eines Mannschaftsbusses dreht volle Pulle – „so zärtlich, so warm“ – eine russische Schnulze auf. Ich wandere durch die Reihen der Katastrophenschützer, das Café „Gemütlichkeit“ hat extra für ihre Stabssitzung aufgesperrt, niemand stört sich an meiner Anwesenheit. Im Hinterhof des Sozialamts ist ein grünes Zelt für psychologische Betreuung aufgebaut. Ich spreche eine Psychologin an. Kehliges Lachen und hervortretende Kulleraugen, die Fühlung aufnehmen wie eigenständige Gliedmaßen der Empathie. Die Psychologin nennt das hier eine „Übung“, Kriegserwartung finde ich in den Kulleraugen eher nicht. Dafür berichtigt mich ein älterer „Ritualnik“: „Das ist keine Übung, üben können wir nachher.“ Glasklar ist die Antwort der Pizzabäckerin. Sie sagt in schönstem Surschyk: „Es wird keinen Krieg geben, hundertprozentig.“ Alles sei, wie es sein soll: „Wir lernen Pizza backen, und die Jungs lernen, uns zu schützen.“

Donnerstag, 10. Februar. Da ich von Cherson im Süden nach Tschernihiw im Norden reise, verbringe ich den Tag im Zug. Meine Mitreisenden im Abteil sind zwei sehr angenehme Südukrainerinnen, die mal ein Nickerchen, mal ein Schwätzchen halten. Kurz vor der Ankunft frage ich sie, warum sie in zehn Stunden Fahrt nie von der Kriegsgefahr gesprochen haben. Die eine gesteht: „Nun, ich bin Berufssoldatin. Ich sehe auf der Straße, dass die Anspannung unerträglich geworden ist. Und über Glaube, Impfung und Politik spreche ich in der Öffentlichkeit generell nicht.“ Es stellt sich heraus, dass die sanfte, freundliche Frau Kampfpilotin werden wollte und die Ausbildung mit meiner Bekannten, der gefallenen Nationalheldin Nadia Sawtschenko (der Freitag 27/2021), absolviert hat. Die Soldatin sagt, sie habe sich „wegen unterschiedlicher taktischer Zugänge“ überhaupt nicht mit Sawtschenko verstanden. Die neutrale Nüchternheit, mit der sie die eingefahrenen Narrative beider Konfliktseiten analysiert, erinnert mich aber gerade an Sawtschenko. Die Soldatin sagt: Die Stimmung in den Streitkräften sei schlecht, da es mit Selenskyjs Antritt zu einer „Degradierung der Armee“ gekommen sei. Es habe zuletzt immer wieder „Provokationen“ im Grenzraum gegeben: „Was diesmal anders ist – sie bereiten uns auf beunruhigende Dinge vor.“ Die düstere Innensicht macht mich sprachlos, auch die Soldatin schweigt. Dann fragt sie: „Wie kommt es, dass Sie so präzise Fragen stellen, sind Sie etwa Journalist?“ – „Klar, was sonst?“ Ein leises, gleich wieder ersterbendes Lachen. Ich wage nicht mehr zu fragen, ob sie im Kriegsfall allen Befehlen gehorchen würde. Ich bezweifle es.

Dann bin ich in Tschernihiv, die Großstadt mit der bedeutenden ukrainischen Militärbasis, welche die Russen beim Vormarsch auf Kiew wohl umgehen müssten. Ein eisiger, dunkler Morgen. Im Regionalzug die Unterhaltung zweier einander siezender Damen: Ein Militärlaster habe kürzlich zu wenden versucht, erzählt die eine leise, sei auf der Kreuzung steckengeblieben und habe ihre ganze Wohnsiedlung blockiert. Die andere sagt: „Und man weiß nicht, was heute, morgen und übermorgen passiert.“

Freitagabend, Kiewer Airport, am 11. Februar fliege ich wieder ab. Noch schnell die News gescheckt: Laut einer anonymem US-Quelle wurden fünf Optionen einer russischen Invasion ausgeforscht. Die Amerikaner sind in einem anderen Film, denkt man sich unwillkürlich, Option 2, 3 oder 5 kann Putin nur ziehen, wenn er vollkommen durch den Wind ist. Auf dem Flughafen ist nichts los, ich muss an der Sicherheitskontrolle nicht warten. Wenige Stunden später, ab Samstagmorgen, rufen die Staaten des Westens ihre Bürger zum Verlassen der Ukraine auf.

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