Lanz kann Gespräch

Moderator Nach zwei Folgen der ZDF-Talkshow wundert man sich, dass einen kaum etwas gestört hat bei Markus Lanz. War das nur eine Sternstunde?
Maxi Leinkauf | Ausgabe 45/2013

So wie die meisten Menschen, die ich kenne, und auch fast alle Fernsehkritiker des Landes hielt ich Markus Lanz für einen lächerlichen Anbiederer. Vor ein paar Tagen switchte ich und blieb bei Howard Carpendale hängen.

Ich war ihm 2003 mal begegnet. Als er sein Goodbye verkündete, sollte ich ein paar Zeilen schreiben, und habe mir sein Abschiedskonzert in der Kölnarena auf DVD angesehen. Zehn Jahre später saß er nun bei Markus Lanz, er war der einzige Gast, und redete von der Zeit danach: „als ich depressiv war bis zum Gehtnichtmehr“. Markus Lanz: „Das ist ja nicht nur irgendein Burnout, eine Depression ist eine ernste Erkrankung.“ Carpendale hörte auf seinen Arzt und ging zurück auf die Bühne, das will er uns zumindest so verkaufen.

Lanz fragt: „Howard, du bist damals um sehr viel Geld betrogen worden. Heißt das: Du musstest wieder arbeiten?“ Nein. Ums Geld sei es nie gegangen. „Wie viel Geld hast du damals verloren?“ Dann reden sie über die neue Platte. Die Talkshow ist ihrem Wesen nach eine Bühne für die Eigendarstellung des Gastes – und auch des Gastgebers –, sie ist eine Inszenierung. Ob die Geschichte stimmt? Wer’s glaubt. Das Gespräch aber war unterhaltsam. Man erlebte nicht den Lanz, wie man ihn von Talks mit FDP-Politikern kennt, nicht diesen Schleimer, auch keinen künstlichen Provokateur. Er wird mit Carpendale hinterher ein Bier trinken gehen.

Wo war der Dackelblick?

Medienjournalisten sehen in Lanz den Untergang der öffentlich-rechtlichen Talkshow. Stefan Niggemeier etwa bloggt: „Es sind ja nicht nur diese Posen, das Finger-an-den-Mund-legen, der Dackelblick, dieses sich Spreizen, die Witzelsucht, die konsequente Unterforderung des Zuschauers, die per-sönlichen Zudringlichkeiten, das Desinteresse an Inhalten, die Fragetechnik ... die angestrengte und anstrengende Vortäuschung des kritischen Nachfragens.“ Das alles hatte ich nicht gesehen. Aber was ist eine Sendung gegen 500? Am nächsten Abend schaltete ich wieder ein. Ich wollte mehr sehen. Und traute denen, die ihn verdammen, immer weniger. An dem Tag war Merkelgate. Der Abhörskandal. In der Runde saßen Heiner Geißler (CDU-Politiker), Sascha Lobo (Interneterklärer), Jan Böhmermann (ZDFNeo-Moderator) und Ferdinand von Schirach (Strafverteidiger, Autor). Von Schirach. Bei Lanz? Ich blieb dran.

Mit ein paar Zitaten wurden anfangs das Thema Überwachung und die Gäste vorgestellt. Heiner Geißler räumte mit dem Gerücht auf, Kohl sei früher an eine Telefonzelle gefahren worden, wenn es Wichtiges zu Bereden gab. Sascha Lobo mokierte sich über die neue Strategie, alle abzuhören, auch wenn sie unverdächtig sind. Mit Schirach wird es komplexer, wenn er beklagt: „Die Staaten gehen dazu über, Rechtsbrüche zu begehen“, jüngstes Beispiel sei die Tötung von Osama bin Laden, ohne jede Gerichtsverhandlung. „Eine Regierung sagt: Wir töten einen Menschen, es gilt kein Kriegsrecht. Das ist ein Rachegedanke.“ Lanz hörte zu, er ließ die Leute ausreden, so konnten sich Gedanken entwickeln – anders als bei Günther Jauch. Er fragte manchmal nach, wurde aber nie penetrant oder menschelnd, an den richtigen Stellen hat er die Gäste einbezogen. Dabei wirkte er uneitel und neugierig.

Wie ein souveräner Gesprächsführer einer Diskussion, keiner Pseudo-Debatte, die der Soziologe Pierre Bourdieu als Wesen der Talkshow definiert hat. War es nur eine Sternstunde? Das werde ich noch sehen.

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06:00 20.11.2013
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