Winnenden im Kinobild

Film Amerikanische Verhältnisse in schlichter deutscher Strickweise. Über den Low-Budget-Streifen "Dei Mudder sei Gesicht", der 1997 in Winnenden gedreht wurde

Von den ersten Fernseheindrücken nach dem Amoklauf in Winnenden ist jene Mutter geblieben, die ihr Entsetzen resignierend mit den Worten beschloss: „Ich habe gedacht, dass gibt's nur in Amerika, aber anscheinend kommt Amerika hierher.“ Der tiefe Eindruck verdankt sich nicht nur Mimik, Tonlage oder Unmittelbarkeit des Kommentars, sondern vor allem der Anschaulichkeit dieses Bildes. Hier ist Winnenden, die wohlständige, geordnete, deutsche Provinz, dort ist Amerika, die riesenhafte, gewalttätige, extreme Welt, und dazwischen liegt nicht nur weiter Raum, sondern auch großes Gefälle. Wenn etwas hier in Deutschland, diesseits des Atlantiks, Amerika sein könnte, dann doch Berlin, die ferne Hauptstadt. Oder Frankfurt. Oder wenigstens Stuttgart.

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Das Amerika, das in diesem Bild beschworen wird, ist schon länger als ein paar Tage in Winnenden – wenn auch nicht als erschreckende Realität, sondern als kulturelle Vorstellung. Davon gibt es sogar ein Zeugnis. 1997 haben „ein paar Freunde“, wie in der Wikipedia nachzulesen ist, als „Spaßprojekt in den Sommerferien“ einen Film gedreht, der seither über Stuttgart hinaus zahlreiche Liebhaber und Anhänger hat. Dei Mudder sei Gesicht wird von der Produktionsfirma Los Banditos, die ihn heute als DVD im Programm führt, als erfolgreichster Untergrundfilm Europas bezeichnet, 15.000 Mal ist er mittlerweile verkauft worden, in 3.000 Videotheken zu entleihen. Das sind für einen Film, der 300 Mark gekostet hat, beachtliche Zahlen, die aber kaum ermessen lassen, wie viele Zuschauer ihn tatsächlich gesehen haben: Bei einem Film, dem ob seines unkalkulierten Erfolgs einmal nicht zu Unrecht die Bezeichnung Kult anhaftet, liegen die Zahlen von Ausleihen und Schwarzkopien, Downloads in Internetbörsen und You-Tube-Sichtungen mit Sicherheit um einiges höher.

Trash aus dem Geist des Amateurs

Dei Mudder sei Gesicht ist Trash, geboren aus dem zutiefst schätzenswerten Geist des Amateurs, der die eigenen filmischen Vorbilder nachahmen will als Parodie. Für das Zustandekommen – auch des zweiten Teils Boh Fett – steht vor allem Simon Mora, der mit Hardy Strohn Regie führte und das Drehbuch schrieb, und darüber hinaus zahlreiche Rollen spielte. Gedreht wurde in Winnenden und Waiblingen, und für einen kurzen Augenblick ist tatsächlich die Realschule zu sehen, deren funktionale Fassade in den letzten Tagen den verdächtigen Hintergrund für die um Engagement bemühten Live-Reporter des Fernsehens gebildet hat. Dei Mudder sei Gesicht bezieht sich auf Gangster- und Horrorfilm und ist unterlegt mit expliziter Rap-Musik, und es wäre so leicht wie falsch, die vereinzelten Koinzidenzen zur realen Tat von 2009 aufzulisten.

Interessant ist vielmehr, dass sich sein Erfolg einer damals neuartigen Entdeckung der jugendlichen Migrantenkultur verdankte: der Sprechweise und dem Habitus junger Deutschtürken. Anders als etwa bei Feridun Zaimoglus Buch Kanak Sprak, das auch in dieser Zeit erschienen ist, bleibt die aus Sicht der Mehrheitsgesellschaft fremde Kultur aber reines Objekt des Amüsements. Daran hat sich im Zuge der Professionalisierung, die mit dem Einstieg von Los Banditos in Gestalt ihrer Geschäftsführer Benjamin Eicher und Timo Joh. Mayer und der Verlängerung der Mudder-Produktreihe einherging, nicht viel geändert.

Das ist wiederum im Kino zu überprüfen, wenn Ende April Eichers und Mayers bislang größter und mit Heinz Hoenig und Jana Pallaske relativ prominent besetzer Film in die Kinos kommt: Kopf oder Zahl zeichnet ein einfältig-düsteres Panorama deutscher Großstadtnacht, das seine Wirklichkeitsvorstellungen bei Boulevard-Magazinen entleiht. Damit stellt er so was wie die Verfilmung der oben zitierten Befürchtung dar. Stuttgart sieht reichlich abgefuckt aus in Kopf oder Zahl, und das macht die Verwechslung von Bild und Wirklichkeit offensichtlich: So unreflektiert wie hier ist der Umgang mit Migranten, Frauen und Gewalt im amerikanischen Mainstreamkino nur selten.

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