Der Balkon, auf dem Hitler niemals stand

Wien Der im Volksmund "Hitler-Balkon" genannte Bauteil wurde 1939 an den Hauptturm des Wiener Rathauses angefügt. Ein Abriss nach 80 Jahren wäre an der Zeit, meint Memory Gaps
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Der Balkon, auf dem Hitler niemals stand
Wiener Rathaus Renovierung 2019

Foto: Memory Gaps, 2019

Aus Anlass des höchst zweifelhaften Jahrestages der Geburt Adolf Hitlers vor nunmehr 130 Jahren bietet der April 2019 eine besondere historische Chance. Hitler wurde nicht nur im April (1889) geboren, sondern er beging auch im April (1945) Selbstmord in Berlin. Und im Frühjahr (1938) stand er nicht nur auf dem Altan der Wiener Hofburg und verkündete "den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich", sondern er trat im April – in der Sichtachse vis-à-vis – auch auf einem eigens für ihn errichteten und später aus Stein nachgebauten Balkon auf dem Wiener Rathaus vor die jubelnde Menge.

Im April 2019 hätte die Stadt Wien aufgrund von Renovierungsarbeiten am Hauptturm des Wiener Rathauses die historische Chance, diesen an die prominente Fassade wie ein Steindenkmal angefügten Balkon kostengünstig zu entfernen.

Hitler zeigte sich an diesem 9. April 1938, dem Tag vor der sog. "Heiligen Wahl" (Neue Freie Presse, 10.04.1938), der "Volksabstimmung über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich", der jubelnden Menge.

Er trat aufgrund des Begeisterungssturmes der Massen mit Sprachchören, "... wir wollen unseren Führer sehen!" (Neues Wiener Tagblatt, 10.04.1938), sogar mehrfach auf den provisorischen Holzbalkon. Der gesamte Propaganda-Festakt wurde aus dem großen Festsaal des Rathauses über Lautsprecher auf den davor in Adolf Hitler Platz umbenannten Rathausplatz übertragen.

Wie ein Denkmal für Hitler

Zu Ehren Hitlers wurde, mit Baubescheid vom 8. Dez 1938, anstelle des provisorischen Holzbalkons ein Steinbalkon errichtet – vor 80 Jahren. Dieser noch heute an der Hauptfassade des Wiener Rathauses befindliche Balkon, der zudem täglich von nichtsahnenden Touristen fotografiert wird, ist kein ursprünglicher Bauteil des 1872-83 im neogotischen Stil errichteten Gebäudes, sondern wurde in der NS-Zeit baulich angefügt.

Der sog. "Hitler-Balkon" stellt zudem auch eine architektonisch-ästhetische Irritation dar, blickt man in seitlicher oder frontaler Ansicht auf die vertikale Linienführung des Hauptturmes. Warum dieser nachträglich als Stein-Denkmal für Hitler errichtete Balkon erhaltenswert sein soll, entzieht sich dem Verständnis: sowohl aus architektonischer, politischer und historisch-kultureller Perspektive ist es unnachvollziehbar, warum dieser Balkon nicht abgerissen werden sollte!

Ausgerechnet jetzt, wo die gesamte Fassade des Hauptturms eingerüstet ist, um saniert zu werden, wären die Kosten für Abbruch und Rückbau des Balkons minimal. Und gerade jetzt, im April 2019, stellte eine dokumentierte Entfernung ein klares kulturpolitisches Statement der Stadt Wien dar – nicht zuletzt auch im Sinne der Formensprache Friedrich Schmidts, des renommierten Architekten der Ringstraßenzeit.

Die Idee einer baulichen Entfernung des Balkons in Verbindung mit einer Kunstinstallation am Wiener Rathausturm stammt von Memory Gaps. Bei den 2016 durchgeführten Recherchen betr. der 1938 vorgenommenen Umbenennung des Rathausplatzes in Adolf Hitler Platz, stieß Memory Gaps auf diese veritable Wiener Erinnerungslücke (die Wien-Bibliothek berichtete in einer Ausstellung 2018 darüber).

Für die Zeit der Renovierungsarbeiten am Hauptturm des Wiener Rathauses, die Informationen zufolge voraussichtlich bis Jahresende 2019 andauern werden, schlägt Memory Gaps eine Gedenkinstallation für Jenny Schaffer-Bernstein vor:

"Amber Tears – Bernsteins Tränen"

Jenny Schaffer-Bernstein (* 27. Juli 1888 in Wien; † nach dem 26. Feb. 1943 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau) war eine österreichische jüdische Schauspielerin. Ihre jahrelangen Engagements an zahlreichen renommierten deutschen Bühnen, mit Regisseuren wie u. a. Max Reinhardt, endeten 1933 durch die NS-Machtergreifung. Ihre Auftritte im Rahmen des jüdischen Kulturbundes wurden danach immer sporadischer; die bereits 1934 aus der Reichstheaterkammer entlassene Schauspielerin wurde 1941 zu Zwangsarbeit in einem Glühbirnenkonzern verpflichtet. Zwei Jahre später, am 26. Februar 1943, wurde Jenny (Eugenie) Schaffer-Bernstein aus Berlin nach Auschwitz-Birkenau deportiert und vermutlich unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet.

Die vonseiten der Stadt Wien betriebene "Kunst im öffentlichen Raum" (KÖR) arbeitet meist nach dem Prinzip, Objekte dem öffentlichen Raum hinzuzufügen. Memory Gaps ist der Ansicht, dass es künstlerisch ebenso wertvoll wäre, in diesem besonderen Fall dem öffentlichen Raum ein Objekt dauerhaft zu entziehen und den sog. "Hitler-Balkon" zu entfernen. Dieser sollte nicht bloß "kontextualisiert" werden, wie das gerne gebrauchte Schlagwort lautet. Denn oftmals bedeutet "Kontextualisierung" in der Praxis, dass ein Objekt lediglich mit einer lapidaren Hinweistafel versehen wird.

Dominik Schmidt und Konstanze Sailer

Teil I der Intervention "Hitler-Balkon", Oktober 2018

Teil II der Intervention "Hitler-Balkon", November 2018

Teil III der Intervention "Amber Tears – Bernsteins Tränen", April 2019

22:39 31.03.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Memory Gaps

"Memory Gaps ::: Erinnerungslücken", die digitale Kunstinitiative, wurde von der Malerin Konstanze Sailer 2015 gegründet.
Memory Gaps

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