Deutsche Fiktion IV

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Was bisher geschah:

Teil I, Teil II, Teil III

Balikh liegt auf der Ladefläche des Geländewagens, der ihn in ein Krankenhaus bringt, jede Erschütterung tut ihm weh, doch er lächelt. Selbst in seinen kühnsten Träumen hätte er nicht zu hoffen gewagt, so schnell erfolgreich zu sein, bei der Besetzung der Umspannwerke, doch am Horizont seiner Gedanken tauchten schon die Sorgen auf, welche die nächsten Tage begleiten würden. Europa würde sich das nicht gefallen lassen und mit aller Macht versuchen die Oberhand zu gewinnen. Fakhri zog irgendetwas in einer Spritze auf, was ihm sichtlich Probleme bereitete bei der ganzen Schaukelei. "Was ist das?" "Das ist Morphin." "Aber meine Schmerzen sind nicht so schlimm." "Das ändert sich gleich!" Und in dem Moment verschlechterte sich die Qualität der Straße und jeder Stein und jedes Schlagloch war wie eine weitere Kugel in Balikh Brust und so begab er sich dankbar in die Umarmung des Opiats.


Der Kanzler hatte sich wirklich auf diesen Abend gefreut, Berlusconis Partys waren legendär, zumindest in einem Teil der politischen Elite Europas, dem männlichen. Und nun war er auf dem Weg nach Brüssel, zur Krisensitzung mit all den anderen alten, mächtigen Männern Europas, um sich den Kopf zu zerbrechen, was sie tun könnten um der Lage wieder Herr zu werden. Düster dachte er daran wie Berlusconi gesagt hatte, da gäbe es nicht viel zu debattieren, um dann mit irgendeinem italienischen Sprichwort zu kommen, der Dolmetscher hatte es mit "Alle in einen Sack und mit einem Knüppel drauf" übersetzt. Gabriel hatte nur zustimmen können, denn diese Situation wurde Bedrohlich, für alle Regierungschefs in der EU. Berlusconi schien seine Sorgen nicht zu teilen, saß eine Reihe weiter vorne, hatte Kopfhörer auf den Ohren und lächelte seelig, was auch immer der wieder eingeschmissen hatte.


G
abriela saß fassungslos hinter dem Steuer ihres Wagens, den Knall des Airbag noch im Ohr, die vor Schreck aufgerissenen Augen des Jungen noch auf ihrer Netzhaut eingebrannt, der Junge, wo war der Junge? Sie stieg aus dem Wagen, an dessen Vorderseite vor wenigen Sekunden ein kleiner Dunkelhaariger auf einem Fahrrad aufgetaucht war, während sich um Sigmar gesorgt hatte, dem die ganze Situation sehr zusetzte. Als sie den Jungen erblickte ging sein Stöhnen in ihrem Hilfeschrei unter.


I
n Brüssel angekommen war keine Zeit für eine Dusche und, viel schlimmer für eine Mahlzeit, es ging sofort ins Krisenzentrum, das normal bei Großveranstaltungen benutzt wurde. Vom Konferenzraum konnte man durch eine große Scheibe auf einen Raum hinuntersehen, in dem bis zu 150 Menschen an Telefonen und Bildschirmen saßen und Neuigkeiten sammelten. Unwichtige wurde direkt in eine Datenbank eingegeben, die alles verarbeitete. Wenn es eine Situation gab, die kritisch zu werden drohte, wenn also Menschenleben mittel- oder unmittelbar bedroht waren, wurde zusätzlich eine rote Lampe betätigt, so das ein höherer Beamter kam um genaueres zu erfahren und direkt darauf zu reagieren. Es gab noch weitere Stufen in dieser Hierarchie, Gabriel liebte Hierarchien.


Astrid hielt wenig vom Individualverkehr und fragte sich, wie lange die Regierung diesen noch weiter fördern wurde. Mit seinen folgen kam sie alltäglich in Berührung, als Krankenschwester auf einer Intensivstation für Kinder. Den kleinen Jungen von vielleicht zehn Jahren hatte sie gerade aus dem OP abgeholt und kümmerte sich gerade um ihn, damit er seine erste Nacht hier verbringen konnte, seine erste von vielen. Sie schwitzte. Immer wenn das Krankenhaus mit Notstrom lief, wurde die Klimaanlage ausgeschaltet. Solange niemand hier wußte, wie der Junge hieß, nannten sie ihn Peter Pan.


Groten lag noch wach auf seiner Pritsche. Er konnte nicht einschlafen, den ganzen Tag hatte er überlegt, wie man mit der neuen Situation umgehen konnte, irgendetwas hier war anders als sonst, nur konnte er es noch nicht fassen. Er wußte nur, das ein Einsatzbefehl aus Brüssel kommen würde, allerdings nicht wann, denn der rhetorische Weg dorthin war lang. Jeder der 33 Regierungschefs würde sich reden hören müssen und das konnte dauern.
Um fünf Uhr wurde er geweckt, Groten war sofort wach hörte sich die Meldung des Soldaten an und erklärte: "Geben sie an das Krisenzentrum durch, ich bestätige den Einsatzbefehl". Er stand auf und ging langsam aus dem Zelt in die Dämmerung.
Schmidt war großer Fan von Sonnenaufgängen, dieser hier war allerdings der Beste, den er je gesehen hatte, in der Wüste, im Hubschrauber, auf dem Weg seine Heimat zu retten. Unter ihm jagte die Landschaft dahin, und er drosselte die Geschwindigkeit während er sein Ziel zu Gesicht bekam. Man hatte sich entschieden an einem besetzten Umspannwerk Stärke zu demonstrieren, dessen Zerstörung bei der Befreiung in Kauf zu nehmen, um dann bei allen anderen wenig Widerstand zu bekommen.


Schmidt grinste, diese Araber würden schon sehen, was sie davon hätten, sich mit Europa anzulegen, er hatte seiner Freundin versprochen, sie dürfe bald wieder die Klimaanlage anstellen. Die Sonne stieg jetzt an seiner rechten Seite in den Himmel, dabei tauchte sie etwas in ihr rotes Licht, von dem ihm nicht berichtet worden war, eine Art weißer Wand, auf die irgendetwas geschrieben Stand. In diesem Moment lenkte ihn etwas anderes ab. Vom Umspannwerk rannten in alle Himmelsrichtungen so schnell sie konnten Menschen weg. Offenbar würde das hier eine leichtere Sache werden als erhofft, in wenigen Minuten würden die Transporthubschrauber da sein und das erste besetzte Werk war wieder frei. Nun nahm er sich Zeit die Schrift auf der Wand zu lesen, der er immer Näher kam. "Verschwindet! Wir werden uns wehren!" Schmidt prustete und begann auf die Flüchtenden zu schießen, gerade hatte er einen im Visier, da warf der sich zu Boden und war verschwunden, so wie alle anderen auch. Im Moment als Schmidt klar wurde, das hier Gräben ausgehoben worden waren, sah er eine gewaltige Explosion und sein Helikopter wurde von der Druckwelle erfasst, in der große Stücke des Umspannwerkes weggeschleudert wurden.


Groten sah dasselbe an einem Bildschirm, bis die Übertragung der Bordkamera unterbrochen wurde.
Mit wenigen Sekunden Verzögerung war das Bild auch im Brüsseler Krisenzentrum zu sehen und die Sektgläser blieben in den Händen der alten, mächtigen Männer Europas, deren Lächeln gefroren war. Sie setzten sich wieder an den großen Tisch, der Sekt wurde wieder weggebracht. Als sie sich wieder gefangen hatten, sagte Sarkozy: "Wir haben ein Problem, wir können nicht die ganze Infrastruktur von denen in die Luft sprengen lassen, wir hätten auf Jahre nicht genug Energie die Aktion muss abgebrochen werden, zumindest in dieser Form."


Gabriel sah aus seinem Augenwinkel wie ein rotes Licht aufleuchtete, dann noch eins und plötzlich brach große Hektik aus im Raum unter ihnen und sie alle schauten hin, nach wenigen Minuten kam jemand herein: "Sie schalten alle ab, eins nach dem anderen. Die Notstromversorgung bricht zusammen."


Astrid hörte nun, was sie befürchtet hatte, als die Kollegen nicht püktlich zur Arbeit erschienen waren, weil nichts mehr fuhr, weil es keinen Strom mehr gab, Nichts. Alle Geräte waren aus am Bett von Peter Pan, die Akkus leer, der Notstrom aus, seit Stunden. Sie ging zum Bett, legte den Schalter am Beatmungsgerät auf "Manuell" um und nahm sich den Beutel um Peter Pan am Leben zu halten. Sie sah ihn an um zu wissen, wie es ihm geht, sie ging einen Schritt zur Seite, weil die Sonne sie blendete.

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23:41 17.07.2009
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Geschrieben von

merdeister

Ein guter Charakter erzieht sich selbst. - Indigokind - Blogtherapeut
merdeister

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