Die Hitze in uns

Krise Der Klimawandel ist da, jetzt und hier. Aber uns fehlt die Sprache, die ihn fassen könnte, findet Michael Angele
Die Hitze in uns
Während uns der Planet buchstäblich wegschmilzt, suchen wir noch nach Worten um zu beschreiben, was wir spüren

Foto: Loic Venance/AFP/Getty Images

Heute früh mit dem morning briefing des großen deutschen Nachrichtenmagazins wach geworden. „38 Grad – ist das schon der Klimawandel?“ Im „briefing“ dann der abwägende Kommentar: Im Einzelfall natürlich schwer belegbar, aber die Häufung von Hitzewellen deute schon auf den Klimawandel hin, sagen auch die meisten Experten, dazu die Empfehlung, viel Wasser zu trinken und „kein Sport am Nachmittag“. Ich fühle mich gar nicht gut „gebrieft“.

Ich spüre diese verdammte Hitze und denke, es ist da. Und wir haben keine Sprache, um dieses „da“ in Worte zu fassen. Bilder vermögen es noch eher. Besser „gebrieft“ fühlte ich mich durch Lars von Triers großartigen Film Melancholia, mit dem ich auf Anregung eines Feuilletonaufmachers in der SZ den Abend davor beendet habe. Ein Planet rast in Richtung Erde, wird schon gut gehen, sagt der Wissenschaftler, sagt aber nicht Justine, die von Kirsten Dunst gespielt wird. Justine spürt, dass es nicht gut geht. Nein, sie weiß es. Sie weiß, dass der Planet Melancholia die Erde treffen wird, auch wenn er zunächst vorbeifliegt, denn sie kennt seine Flugbahn, genannt Totentanz. Eine Seherin, eine Spinnerin, eine Weise und eine Närrin, ein morning briefing würde so eine eher nicht schreiben.

Die verlorene Melancholie der Kirsten Dunst und der Hinweis des Spiegel, keinen Sport am Nachmittag zu treiben – das sind die Pole, an die mein aufgehitzter Körper andockt. Und dazwischen Meldungen wie die, dass unser Nachbarland Polen bald zu einer Wüste werden könnte, weil in Polen der Grundwasserspiegel niedrig und das meiste Wasser nicht sauber ist. Besonders schlimm sieht es in Łódź aus, dort könnte bald keine Kohle mehr abgebaut werden, weil das Kühlwasser fehlt. Wäre das dann gut? Oder da: Eine Umweltforscherin rät, unsere überhitzten Städte zu weißen Städten zu machen, helle Flächen werden weniger heiß als dunkle, weiß man ja. Und das Radio vermeldet die Waldbrände in der Region, in der Lieberoser Heide brennt es immer noch.

Aber all diese Meldungen verdichten sich nicht zu einem ohrenbetäubenden Lärm. Tatsächlich ist es gespenstisch still, und zum ersten Mal vermisse ich den Journalisten Frank Schirrmacher. Der hatte die Kirsten-Dunst-Antennen, der hätte seine FAZ am Rekordhitzetag schwarz eingefärbt, verkohlt. Aber Schirrmacher ist tot. Und sein nervtötender Alarmismus, der jetzt und hier tatsächlich gerechtfertigt wäre, fand kein neues Medium. Es gibt keinen Journalismus, ja überhaupt keine diskursive Form, kein „Narrativ“, um das, was gerade geschieht, zu fassen. In einem Artikel lese ich, dass ein Roman, der den Klimawandel explizit zum Thema hat, sofort unter Science-Fiction abgelegt wird.

Der Held und sein Wetter heißt eine legendäre Studie, die der Schriftsteller F.C. Delius als junger Mann verfasst hat. Er wollte damit den realistischen Roman entlarven. Da war es so, dass etwa ein Gewitter auf einen inneren Konflikt des Helden hindeutete oder eine soziale Katastrophe ankündigte. Die Natur wurde zum Zeichen für uns. Heute ist das ja immer noch so. Die Hitze, die herrscht, verweist auf die kommenden Hitzen, die vielleicht noch extremer sein werden. Und die Hitze, die da draußen herrscht, ist auch die Hitze in uns. Aber wir sind allein mit diesen Stimmungen. In der Politik finden wir sie gleich gar nicht repräsentiert. Auch nicht bei den Grünen. Die wollen ja Sachpolitik machen. Vermutlich besser so, bloß keine Apokalyptiker in der Politik.

06:00 27.06.2019
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