Der Mehrwert kommt doch aus den Maschinen?

Wachstum Wer Marx schätzt, wird mancher These im neuen Buch von Mathias Binswanger nichts abgewinnen können. Trotzdem kann man es empfehlen
Michael Jäger | Ausgabe 47/2019 22
Der Mehrwert kommt doch aus den Maschinen?
Ist das dieser Subjektcharakter der Ware?

Foto: Yann Schreiber/AFP/Getty Images

Geld, Wettbewerb und technischer Fortschritt“, schreibt Mathias Binswanger in seinem neuen Buch Der Wachstumszwang, „sind systemnotwendige Bestandteile einer kapitalistischen Wirtschaft, die in ihrem Zusammenspiel Wachstum ermöglichen und gleichzeitig den Wachstumszwang verursachen.“ Für entscheidend sieht er das Geld an. „Durch die Fähigkeit der Geldschöpfung wurde die Finanzierung von zusätzlichen Investitionen ermöglicht, ohne dass man zuerst sparen musste.“

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Schon in Binswangers Buch Geld aus dem Nichts (der Freitag 26/2015) war das die Hauptthese. Vier Jahre später ist er vorsichtiger geworden, fügt jetzt hinzu, dass Ersparnisse sehr wohl „im Normalfall die wichtigste Finanzierungsquelle darstellen“. Doch auch der „Zufluss von neu geschaffenem Geld über das Bankensystem“, der je nach Land zwischen 20 und 40 Prozent liege, sei notwendig. Wiederum fließe solches Geld den Unternehmen nur dann zu, „wenn sie ihren Erfolg dadurch unter Beweis stellen können, dass sie einen Teil der Investitionen mit eigenen Mitteln finanzieren können“.

Der Rezensent kann nicht verhehlen, dass er der hier angedeuteten Theorie als Leser auch des Marx’schen Werks nicht viel abgewinnen kann. Natürlich räumt Binswanger ein, dass Marx den kapitalistischen Wachstumszwang dargestellt hat, während das Thema von der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre bis heute verfehlt werde. Wie er diesen Mangel erklärt, ist lesenswert.

Aber sein Versuch, sich über den bei Marx zentralen Sachverhalt der Ausbeutung der Arbeit hinwegzusetzen, geht ins Leere. Bei Marx lesen wir ja, dass die Gewinne aller Unternehmen wachsen können, weil jedes den Mehrwert der Arbeit abschöpft; weil, anders gesagt, deren Produkte, die Waren, mehr einbringen, als die Arbeitskraft gekostet hat. Das will Binswanger nicht wahrhaben, er wiederholt einfach die Behauptung, der Gewinn rühre von den eingesetzten Maschinen her. Wir erfahren nicht, dass Marx sie gekannt und ausführlich erörtert hat. Wo kommen dann aber die Maschinen her? Vom Geld eben, mit dem man sie kauft.

Das Buch kann trotzdem empfohlen werden, zum Beispiel wegen des Kapitels zur Digitalisierung. Während andere meinen, sie führe zur massenhaften Erwerbslosigkeit, zeigt Binswanger, dass sie die Komplexität der Produktion erhöht, damit auch der Ausbildung, des Rechts und Gesundheitswesens, und deshalb neuartige Überwachungsberufe in großer Zahl hervorbringt. Mit David Graeber, der von Bullshit Jobs spricht, betont er die Sinnleere solcher Berufe, etwa des „Fachreferenten für medizinisches Versorgungswesen“, „Regionalkoordinators im Bildungsmarketing“ oder „freiberuflichen Zertifizierungsauditoren“. Für den Rezensenten sind diese Passagen aber auch deshalb interessant, weil sie das Thema Wachstum doch wieder auf Marx’sche Gefilde zurückleiten. Und zwar auf die Theorie vom tendenziellen Fall der Profitrate.

Die Profitrate sinkt, weil in der Produktion immer weniger Arbeiterinnen im Verhältnis zu immer mehr Maschinen zum Einsatz kommen. Weil dann pro Produkt immer weniger Mehrwert anfällt, muss die Menge der Produkte, der Waren, immer mehr steigen. Dadurch aber, so Marx, nehmen „die Zusammenhänge und die sie regelnden Bedingungen“ des Marktes „immer mehr die Gestalt eines von den Produzenten unabhängigen Naturgesetzes an“, sie werden, kurz gesagt, „immer unkontrollierbarer“. Wenn das Wachstum nicht aufhört, wird auch die Unkontrollierbarkeit immer größer.

Info

Der Wachstumszwang. Warum die Volkswirtschaft immer weiterwachsen muss, selbst wenn wir genug haben Mathias Binswanger Wiley-VCH 2019, 310 S., 24,99 €

06:00 11.12.2019
Geschrieben von

Ausgabe 22/2020

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