Die Stunde der Lokalzeitung

Medien In 40 Prozent aller Gemeinden könnten die regionalen Blätter verschwinden. Dabei werden sie dringend gebraucht
Die Stunde der Lokalzeitung
Peter Handke unterscheidet „Weltblätter“ und „Stadtnachrichten“. Cocker Spaniel hingegen differenzieren nach „bissfest“ und „brüchig“

Foto: Ardea/Imago Images

Weniger ist manchmal mehr. In seinem Nachmittag eines Schriftstellers kommt Peter Handke auf einen Zeitungsstreik in New York zu sprechen. Sehr lange sei nur „ein dünnes Kleinformat mit dem Namen ‚City News‘ erschienen, worin jeweils auf ein paar Zeilen beschränkt, jeder vielleicht wissenswerte Vorfall auf Erden stand“. Die Notlage hat durchaus ihr Gutes: „Diese Stadtnachrichten“ habe der Schriftsteller „damals täglich mit Freude studiert“. Leserinnen und Leser sind mit dem Motiv der Knappheit vertraut, das bei Handke verlässlich dafür sorgt, dass die Dinge sich anders zeigen, als wenn sie im Überfluss vorhanden wären. Von diesem Effekt leben noch die vielgescholtenen „andersgelben Nudelnester“, die der Serbien-Reisende 1996 in einem Land bestaunt, das unter einem Embargo leidet.

Bevor man sich nun aber in der Handke-Philologie versteigt, kann man auch festhalten, dass das, was Handke als Kollateralnutzen einer Krise beschreibt, in der Lokalzeitung Normalität ist. Es verwundert dann auch nicht, dass der Nobelpreisträger dem Freitag einmal sagte, er lese keine Zeitungen, außer die „Lokalnachrichten, den Parisien und L’Équipe, das ist die Sportzeitung“.

Eine Krise, die fast schon verdrängte Corona-Pandemie nämlich, hat den Autor dieser Zeilen in eine ganz andere „Niemandsbucht“ verschlagen als die, die Peter Handke täglich durchwandert. Über Monate gestrandet (halb zog sie ihn, halb sank er hin) in der Kleinstadt nahe der französischen Grenze, in der er aufwuchs, hat er zum ersten Mal in seinem Leben begriffen, was er an der Lokalzeitung hat. Nicht dass die Weltblätter (auch ein Handke-Wort) ihren Weg nicht mehr ins Grenzgebiet gefunden hätten. Auf dem Höhepunkt der Pandemie in Italien und Frankreich blieben Le Monde und Corriere della Sera zwar wochenlang aus, deren Schlagzeilen kann er aber im Zeitungsladen sowieso nur mehr schlecht als recht entziffern.

Was die Lokalzeitung so wertvoll machte, hatte mit der Krise auf ganz andere Art zu tun: Wo nämlich in den überregionalen Zeitungen über Fallzahlen diskutiert, die Gefahr für Leib, Leben und Volkswirtschaft berechnet, Drosten gegen Kekulé ins Rennen geschickt wurde, da kam die Stadt, die auf wenigen Gängen zum Supermarkt, zur Apotheke oder zum Zeitungsladen durchquert sein wollte, überhaupt nicht vor. Und auch die Menschen nicht, die einem dabei über den Weg liefen. Klar, auch über die Ansprachen der Kanzlerin oder Schweden wurde in der Lokalzeitung berichtet. Aber wie der Oberbürgermeister die Pandemiemaßnahmen durchsetzte (er machte einen guten Job), was der Lockdown mit den wenigen mittelständischen Unternehmen hier machte, ob sie in Kurzarbeit gingen oder auf Desinfektionsmittel-Produktion umgestellt hatten (die Chemie-Industrie ist noch stark hier), wie in den chronisch unterfinanzierten Schulen das Homeschooling organisiert wurde und wie das in Familien funktionierte, die als „bildungsfern“ gelten (die Region ist eine der strukturschwächsten), das stand nur in dieser Zeitung. Das unsichtbare Virus wurde zwar nicht sichtbarer dadurch, aber in seinen Auswirkungen handgreiflich für die, die hier leben.

In 4.400 deutschen Kommunen, kann man nun lesen, stehen die Lokalzeitungen in den nächsten fünf Jahren vor dem Aus. Das sind 40 Prozent aller Gemeinden! Die Corona-Krise habe die Situation nun noch drastisch verschärft, berichtet das Internetportal Kommunal. Verminderte Wahlbeteiligung und eine Entfremdung von der Lokalpolitik könnten die Folgen sein, legen Studien nahe. Dieselbe Krise, die mir nahebrachte, was ich an der Lokalzeitung habe, könnte also ihr Ende bedeuten. Wo werde ich dann lesen können, was diese Krise mit dem Ort und den Menschen, die hier leben, macht?

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06:00 03.07.2020
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Ausgabe 32/2020

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