Süße Bitterkeit

Sprachschatz Der Kärntner Slowene Florjan Lipuš schreibt in seiner Muttersprache und ist daher in Österreich nicht preiswürdig. Sehr zum Nachteil für das Land

Peter Handke verehrt ihn. Weshalb er wohl außer Verdacht steht, an einer Entscheidung mitgewirkt zu haben, die man ruhig skandalös nennen darf. Anfang des Jahres berichtete der Verleger Jochen Jung, dass sich zwei der Mitglieder der Jury, die über die Vergabe des Großen Österreichischen Staatspreises befindet, im Sommer 2016 gegen dessen Verleihung an Jungs Autor Florjan Lipuš ausgesprochen hätten. Das Gremium: neben Handke Friederike Mayröcker, Josef Winkler, Peter Waterhouse und Gerhard Rühm. Die Begründung: Lipuš, 1937 in Lobnik bei Železna Kapla, das auf Deutsch Bad Eisenkappel heißt, geborener Sohn zweier Kärntner Slowenen, schreibt in der Sprache seiner Eltern. In seiner eigenen Sprache also. Auf Slowenisch. Der Staatspreis ging 2016 an den auf Deutsch publizierenden Gerhard Roth, der die Jury nun erst 2020 dabei unterstützen kann, eine Entscheidung zu treffen, die die letztjährige Provinzposse nicht wiederholt. Der Staatspreis wird zwar jährlich vergeben, abwechselnd aber für Literatur, Musik, Architektur und Kunst. Obwohl nicht bekannt ist, welche zwei Jurymitglieder, allesamt ehemalige Gewinner, sich auf die kleingeistige Position zurückgezogen haben, ein Staatspreisträger in der Alpenrepublik müsse deutschsprachige Texte schreiben, wird Peter Handke nicht zu ihnen gehört haben. Denn sehr viel verbindet ihn, der auf Deutsch schreibt, mit dem slowenischsprachigen Autor. Handke, mütterlicherseits ebenfalls Kärntner Slowene, hat in den 1950ern wie Lipuš das Bischöfliche „Knabenseminar“ in Tanzenberg nahe Klagenfurt besucht. Beide sollten – wie alle „Internatlinge“ – eigentlich Priester werden, erinnert sich Handke anlässlich des Romans Boštjanov let (Boštjans Flug), der 2003 auf Slowenisch und 2012 dann auf Deutsch erschienen ist.

Aber daraus wurde nichts: „(...) ich hier schon gar nicht“, schreibt Handke im Nachwort zum , er wechselte in der siebten Klasse auf ein städtisches Gymnasium, Lipuš nur „um ein Haar“ nicht. Der habe den fünf Jahre Jüngeren in Tanzenberg des Öfteren von weitem gesehen, „immer mit einem Buch in der Hand, und still“. Dass Handke angesichts der hanebüchenen Juryentscheidung so still geblieben ist: unwahrscheinlich. Das hängt auch damit zusammen, dass er einer der Geburtshelfer für die Rezeption des älteren Mitschülers im deutschsprachigen Raum gewesen ist. Anfang der 1980er übersetzt er zusammen mit Helga Mračnikar den Roman Zmote dijaka Tjaža (Der Zögling Tjaž). Die Geschichte von Tjaž, einem entfernten Verwandten von Robert Walsers Jakob von Gunten, Musils Törleß, aber auch von Günter Grass’ Oskar Matzerath (wie der mit seiner Stimme Glas zum Zerspringen bringt, kann Lipuš’ Antiheld mit seinen Fingernägeln telekinetisch Dinge „zerkratzen“), ist da schon fast zehn Jahre alt. Dass das „epische Gedicht vom Zögling Tjaž“ schon 1972 im jugoslawischen Maribor erschienen ist: ein weiteres Symptom alpenländischer Talkessel-Mentalität. Es sind nicht mangelnde Deutschkenntnisse, die Lipuš’ Texte zu dem gemacht haben, was Gilles Deleuze und Félix Guattari „kleine Literatur“ nennen und Handke „Minderheitssprache“: Sein Schreiben „schöpft nicht nur aus der slowenischen Sprache, sondern auch aus einer slowenischen Innensicht, die auf Distanznahme mithilfe der Mehrheitssprache bewußt verzichtet“, schrieb der kürzlich verstorbene Fabjan Hafner, ein unermüdlicher Beobachter und großer Kenner alles Slowenisch-Österreichischen. Im Tjaž waren Lipuš’ Themen schon angelegt: die bäuerliche Herkunft, die Auseinandersetzung mit der rigide-frigiden Frömmelei des Internats, der Krieg, in den Lipuš’ Vater ziehen musste und aus dem er gebrochen wiederkehren sollte, das Konzentrationslager Ravensbrück, in das die Mutter verschleppt wurde und in dem sie den Tod fand. Da war Lipuš sechs Jahre alt. Die Geschichte der Halbwaise, die sich nicht einpassen will, nur um an der gewonnenen Freiheit, die ihr der Rausschmiss aus der Knabenschule bringt, zu zerbrechen, sie geht schlecht aus. Mehr als ein Echo all dessen, aber nun ins Optimistische gewendet, findet sich in Lipuš’ schmalem, wenngleich dem ersten großen epischen Wurf des Autors in Detailversessenheit, im Abschweifen und Umwegemachen in nichts nachstehendem Buch Seelenruhig. Aus dem „Kratzen“, mit demder Tjaž“ Schuhe entsohlen und Fenster entglasen kann, ist in Seelenruhig ein nächtliches Blitzen aus den Fingernägeln geworden, das manchmal einige Unklarheit hervorruft: „War er aufgewacht, weil es aus den Fingern geblitzt und das Licht den Schlaf unterbrochen hatte? Oder hatte es von den Fingern geblitzt, weil er aufgewacht war?“

Hundert Seiten, ein Leben

Vielleicht, so die Mutmaßung, ist das Blitzen auch Resultat des Schreibens: „Die Finger des Schreibenden, wenn sie die Seiten umblättern und über das trockene Papier gleiten, werden durch die Reibung elektrisch, und so verwundert es nicht, dass sich das Blitzen in den Fingernägeln, ihrem Absprungbrett, auflädt.“ Was dem Schreibenden auf den nur gut 100 Seiten widerfährt, ist ein ganzes Leben. Das Dahinsiechen des Vaters nach dem Krieg und das Leben mit der Großmutter, das Internat, die erste Liebe und die letzte. Mit der Frau, die ihm statt „Guten Morgen“ nun „schöne Sätze, Glück beim Satzzeichensetzen“ wünscht, „wenige Punkte und umso mehr Beistriche fürs Kristallieren und Abklären“.

Seelenruhig, 2015 als Mirne duše auf Slowenisch und jetzt von Johann Strutz übersetzt bei Jung und Jung auf Deutsch erschienen, ist ein Alterswerk, das sammelt, was war und was noch bleibt. Und das feiert das Büchlein, noch immer auch gegen die Sinnesfeindlichkeit des Internats. Denn Lipuš weiß: „Im Anfang ist nicht das Wort, im Anfang ist die Lust, ihr folgt die Hingabe an den Genuß, am Ende steht die Bitterkeit.“ Doch auch das weiß er, am Ende ist „selbst die Bitterkeit süß, beruhigend, märchenhaft. Über alle Maßen wäre es töricht, ihr zu entsagen, ganz im Gegenteil, wer sich nun erst an sie heranmacht, verlängert und verschönert sich das Leben.“ Und auch das sollte man feiern, wie man auch diesen Autor feiern sollte.

Info

Seelenruhig Florjan Lipuš Johann Strutz (Übers.), Jung und Jung 2017, 112 S., 18 €

Die Bilder dieses Spezials

Blitzdings Max Slobodda, Fotograf dieser Beilage, wurde 1987 geboren und lebt heute in Dortmund. Sein Fokus liegt auf der Straßen- und Dokumentarfotografie, zudem entstehen inszenierte Projekte, wie derzeit die surrealistische Arbeit Phos Noise: „Es geht um die Dekonstruktion der Wirklichkeit, um das Unbegreifliche, für das es nicht sofort eine logische Erklärung gibt (...). Jeder entscheidet selbst, was er denkt und fühlt, wenn er sich die Bilder anschaut. Ganz ohne Vorgaben, ganz ohne Erklärung.“

Max Sloboddas Arbeiten wurden in internationalen Publikationen präsentiert, in Guardian, Vice, Lensculture und iGNANT.

Zum Verkauf steht eine limitierte Auflage aus der Phos-Noise-Reihe, 30 x 45 cm, gerahmt, 10 Stück pro Motiv. Mehr Informationen auf slobodda.de. Mehr Fotos auf Instagram: @sloboddaphoto.

06:00 06.10.2017
Geschrieben von

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare