Lonesome Faustkämpfer

Nachruf Zum Tod des Schauspielers Götz George (1938 – 2016)
Lonesome Faustkämpfer
Götz George als Kommissar Schimanski bei seinem ersten „Tatort“-Einsatz

Foto: United Archives/Imago

Eine Szene aus der melancholischen Krimikomödie Der Bruch (DEFA / WDR 1988, Regie: Frank Beyer). Götz George als Ganove legt das Jackett ab, zieht die Schuhe aus, die Socken, den Borsalino noch auf dem Kopf. Als Nächstes werden die Hosenträger fallen, dann die protzig gestreifte Anzughose. Ulrike Krumbiegel als ganz junge Friseurin weiß zwar, worauf es hinausläuft, wenn ein Mann ein möbliertes Zimmer spendiert. Aber jetzt, am Nachmittag? Georges Ganove sagt nur, was, willst du noch warten? Keine Drohung, keine Gewalt, kleinbürgerliche Alltäglichkeit. Schnitt. George und Krumbiegel im Bett, nackt, Decke bis zum Kinn. Sie hatte es sich anders vorgestellt. Er, gelangweilt, wirste sehen, wird immer schöner (Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase).

Der Bruch ist vielleicht der einzige Film, in dem George nicht überpräsent ist; bis in die kleinste Nebenrolle exzellent besetzt. Gelabert wird auch nicht viel. Es werden Figuren verkörpert. Er würde seine Rollen inhalieren, hat George einmal gesagt. Eher scheint es, als würden diese ihn absorbieren. Sein Leib ist die Marionette, die Rolle zieht die Fäden. Das funktioniert auch, wenn George nur dasitzt, den Kopf fast kahlgeschoren, und von den Puppenjungs, vom Töten plappert (Der Totmacher, 1995). Keine Action, kein Schweiß, kein Sexappeal, aber die totale Gegenwart eines Körpers. Ein Stück Muskelfleisch mit einem Mund, der Worte kann.

Körperbetonte junge Schauspieler heute (wie Ronald Zehrfeld) haben einen Lockenkopf, verschmitzte Augen, volle Lippen, breite Schultern und tragen das Hemd einen Knopf weiter offen als andere. Symbolische Körperlichkeit. George aber war immer erst als Körper gegenwärtig. Sein Rollen-Ich war „beleibt“ (frei nach Ludwig Feuerbach). Egal ob er Proleten, Raufbolde oder pomadenschmierige Kleinindividualisten spielte (Betrüger, Medienfuzzis, Massenmörder). Wie das funktioniert hat – ich weiß es nicht. Er gab vor, es auch nicht zu wissen. Am Schnauzer oder Menjou-Bärtchen allein kann es nicht gelegen haben.

Sicher ist, es hat funktioniert. Ab einem gewissen Punkt einer Starkarriere wird das zum Selbstläufer, zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Es wird herbeigeredet. Wie bei Horst Schimanski. Ein rohes Ei zum Frühstück schlürfen, „Scheiße“ sagen. Immer eine Fahne haben, nach Aschenbecher riechen, nie duschen, nur zwei Hände Wasser ins Gesicht zum Wachwerden. Und immer ein Herz für den kleinen Mann in Duisburg, im Pott. So stand es in den Drehbüchern. Götz George hat sie inhaliert. Und wieder ausgeschwitzt.

Schimanski, das ist Styling. Die Beamten in den billigen Anzügen hatten ausgedient. Der erste deutsche Tatort-Kommissar in Jeans! (Erst 1981? Im Westen? Nee, oder?) Und dann die Jacke! Field-Jacket M-65 in Beige. So ein Ding trug auch Elvis. Allerdings in Olivgrün, allerdings als Modell M-51. Schimmis beiger Lappen ist in einer Vitrine im Ruhrmuseum Zeche Zollverein („Kohlenwäsche“) in Essen ausgestellt, der grüne von Elvis hängt auch in diversen Museen und wurde schon x-mal auf Ebay versteigert. Reliquien.

Ohne die Schimmi-Jacke kein Turnschuhminister Joschka Fischer (1985). Das Ding in der Vitrine beweist: „Schimmi lebt ewig“ (Bild, 27. 6. 2016). Schimmi ist einer von uns kleinen Männern. In dieser Form kann man uns gut verehren. Als lonesome Faustkämpfer der Ordnung, besser: der kompensatorischen Kleingerechtigkeit. In den frühen 50ern gab es im Pott noch Klassenkampf, in den 80ern nur noch Schimanski. Schimmi ist ein „Proll-Cop“, heißt es. Wenn das ein Kürzel für „proletarischer Polizist“ sein soll, ist es ein Missverständnis! Schimmi in der Polizeigewerkschaft? Brrrh! Das ist, als würde man im Cowboy den viehtreibenden Landarbeiter sehen. George war niemals Schimanski. Götz George war – Schauspieler. Am 19. Juni ist er gestorben.

06:00 13.07.2016
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