Patchwork-Populismus

Rechtspopulismus Ja-aber-Nazis, In-Europa-wird-wieder-deutsch-gesprochen-Kauders – jetzt auch noch Hippie-Heinz. Die funktionale Differenzierung der Rechten schreitet voran
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2016 ist dann ja doch mal vorbei. Dadurch, dass ich knapp die Hälfte des vergangenen Jahres ausländisch verbracht habe, ist meine Wahrnehmung für die Entwicklungen hierzulande etwas verzerrt und unhomogen. Schwierig ist vor allem die atmosphärische Einordnung. Ein Gefühl für das, was sich gerade ändert. Was einerseits auch wieder ganz gut ist, da Gefühle ja gerne mal in die Irre leiten, andererseits wird offenbar ungestümer denn je gefühlt, und genau durch dieses enthemmte Drauflosgefühle entstehen dann wieder Fakten, die ich aber nicht hinreichend einordnen kann, weil mir eben der Sinn für die emotive Basis fehlt. Der zwangsläufige Neujahrsvorsatz lautet also: Eintauchen in die sich verschiebenden, irgendwo zwischen Sentiment und Ressentiment gelagerten deutschen Befindlichkeiten. Athmo atmen.

Mein eigenes, im Zweifel versifftes Umfeld ist da eher unergiebig, Peergroups sind halt auch nur die Echokammern des Reallebens. Also rein in den Alltag, was ja auch nicht weiter schwer ist, weil man den sowieso am Hals hat.

Im vergangenen Jahr hatte ich zwei „Zusammenstöße“ mit der „neuen (Neuen?) Rechten“, beide unscheinbar, beiläufig, friedlich, unaufgeregt. Der Verdacht liegt in der Luft: und eben darum besorgniserregend.

Sommer 2016, ein Freibad in Bochum. Ich war mit meinem Teilzeitstiefsohn unterwegs. Dieser planschte zusammen mit einem schwarzen Mädchen und ich konnte mich für ein Weilchen zurückziehen, nachdem ich die von selbst zustande gekommene Spielfreundschaft noch mäeutisch befördert hatte. Am Beckenrand stand, erwartungsvoll, Vollquatschbereitschaft im mich bereits fest fixierenden Blick, ein auf nicht unangenehme Weise verwahrloster, in die mittleren Jahre gekommener Mann. Wenig Kopfhaar, maximale Verwilderung, hätte ich ihn zwei, drei Jahre früher kennen gelernt, dann sicher noch mit Pferdeschwanz. Da seine Position aufs Geschehen im Wasser eine sehr gute und unser beider Leben offensichtlich fremdgengesponsert war, wir also etwas Gemeinsames hatten, gesellte ich mich zu ihm. Er war der Heinz und begann zu reden.

Ansprecher sind ja den Angeprochenwerdern gegenüber generell im Vorteil, und so dauerte es auch nicht lang und die Gesprächsanteile begannen sich deutlich vom Fifty-Fifty zu entfernen. Ich wurde ein wenig schläfrig. Sicher, die Hitze, die Sonne, ich bin ein Wintermensch, zudem ein unermüdbares, sechsjähriges Kind, das schon frühzeitig für einen gewissen Energieabbau gesorgt hatte. Immerhin war sein Lebensabriss nicht uninteressant. Die Aufbereitung ließ erkennen, dass häufiges Erzählen die Urgeschichten schon geradezu trojanisch überlagert hatte. Ein erstaunlich hartgesottenes Leben, das sich da entfaltete. Zweimal im Gefängnis gelandet, viele Verfolgungsjagden, raue Sitten, immer „Stress mit der Bullerei“. Das Ganze im Prinzip ohne Animositäten, fast spielerisch und als wären nur winzige, unscheinbare Umstände an der Rollenverteilung schuld; wer nun Jäger und wer Gejagter war. Unabhängig davon, ob es sowas jemals gegeben hat, kam in mir das Bild einer wilden Zeit auf, in der es noch ein annähernd chancengleiches „Räuber und Gendarm“ gegeben hatte und in der der, der der „Bullerei“ entkam, die Chance hatte, nachhaltig unversehrt zu bleiben. Zwischendurch immer wieder mal auf Montage in Afrika, drei Monate malochen, den Rest des Jahres auskiffen, im Senegal dann seine Frau (samt Kind) kennengelernt, irgendwie entführt, aber auf eigenen Wunsch, trotzdem Riesenstress mit der Verwandtschaft; „das glaubst du gar nicht“. Dem tatsächlich Zweifelnden schien’s zumindest gut erfunden. Mir fehlte, trotz eigener Weltenbummelei, irgendwie Gleichwertiges und so wurde ich schließlich zum komplett stummen Zuhörer, der lediglich das eine oder andere „hm“ dazwischen hustete. Was ich entweder mit dem richtigen Timing tat, oder es spielte in Anbetracht des sich aus sich selbst berauschenden Erzählfurors sowieso keine Rolle.

Eine junge Frau im Burkini stieg über eine der Seitenleitern ins Wasser. Heinz hielt seine Story über einen Kolonnentransport in Angola an und schickte mich mit einem Kopfnicken, das dann stufenlos in ein Kopfschütteln überging, rüber. Ich überlegte, wie man mimisch „mag ich auch nicht, aber Toleranz heißt ja gerade auch: gelten lassen, was man nicht mag“ sagen sollte. Ist aber nicht leicht (zumindest nicht mit meinem Gesicht). Außerdem - wofür gibt es die gute, alte Verbal-Kommunikation. Ich suchte nach meiner Stimme, die sich im Trubel seiner turbulenten Berichte vielleicht verloren hatte, da „unterbrach“ mich Heinz: „Ich habe diesmal dann doch die AfD gewählt.“

Offen gestanden hatte ich unser Gespräch nicht auf diesen Satz zulaufen sehen. Es entstand eine Pause, schnell war es zu spät für ein irgendwie wieder Richtung Kiffgeschichten lenkendes, kolloquial-empörtes „Mensch Heinz, das kannst du doch nicht machen“, und ich fragte mich, wie das hatte passieren könnten. Hitze? Wie bei Monsieur Mersault als Universalentschuldigung? Da fürs sollübererfüllende Abknallen (5 Schüsse; 1x auf Mensch, 4x auf Sache), hier als Verpassen von sich in Wahrheit anbahnenden Gesprächsumschwüngen? Oder hatte ich mich täuschen lassen, weil er mit einem schwarzen Kind unterwegs war, das auch tatsächlich, wie vermutet, seine Stieftochter war? (Treffen sich ein AfD-gewählt-Haber und ein Niklas: Wer hat das Vorurteil?) Aber vielleicht war ich auch zu selbstkritisch, und gerade die leicht durchschaubare Schnellexkulpierung (Hitze ist Schuld) hatte mich verkennen lassen: es lag gar nicht an mir oder meiner Unaufmerksamkeit. Der Satz hatte einfach nicht in der Luft gelegen; war nicht das logische Resultat seiner so fulminant entfalteten Vita gewesen. Sondern die Idee, das einfach mal zu tun, schien eher, einem Schreckeinfall gleich - wenn einem kurz vorm Schlafengehen noch mal die Frage hochkommt, ob man den wichtigen Brief auch wirklich abgeschickt hat oder ob man ihn nur hatte abschicken wollen - über ihn gekommen zu sein. Plötzlich war sie dagewesen, die Idee, und dann hatte er sie wie einen Bohlen-Schlager einfach nicht aus dem Kopf bekommen! Der Gedanke hatte ihn, so konnte man es vielleicht sehen, so rücklings, so unvorbereitet überfallen wie die Satzwerdung dieses Gedankens jetzt mich. Was auch an dem ungebrochen launigen, bestens an „oder damals, am Silbersee, das muss du dir unbedingt anhören!“-anknüpfenden Tonfall liegen mochte, mit dem er sich zuvor immer wieder selbst kurz vor Storyende ins Wort gefallen war, damit ich dranblieb und Vorfreude aufs nächste Großereignis entwickelte, wie ein „bleiben Sie bei uns“ vor der Werbeunterbrechung. Und dieser Tonfall hatte mich eingelullt. Jenseits der Vollquatscher-Vollgequatschtwerder-Differenz und trotz unterschiedlicher Lebensrasanz (bei ihm dominierte die kleinkriminalitätsgespickte Hartes-Leben-aber-guter-Kerl-Schiene, ein Leben, wie gemacht um mit, sagen wir, Rolf Zacher in der Hauptrolle verfilmt zu werden - bei mir dominierte fehlende Spektakularität das somit nicht verfilmenswerte Leben). Und plötzlich war ich mittendrin. Nun quatscht er einen also von der Seite an, der Rassismus, resümierte ich missmutig, kommt als harmloser „Hirnwichs“ (U. Holbein) daher. Wie ein Spaß der Kategorie „vollgekifft von der Polente angehalten werden und überdeutlich `jawoll, Herr Wachtmeister´ schnarren, und die Entourage bepisst sich vor Lachen auf der Rückbank“. Und nun eben: Ich wähl die jetzt einfach mal, voller Verve für die eigene Verrücktheit. Wergwerfstimme 2.0., die eben nicht der PARTEI zufällt, mit eingebauter Satiregarantie, und dann wird aus der Phrasenabsonderungsparodie doch nur wieder ein langweiliges Pastiche, bei der vermeintliches Original und Karikatur in eins fallen - sondern als „Gesamtkunstwerk“, als Mach-Art, deutlich (und um einen der vielkarikierten Begriffe zu benutzen:) nachhaltiger. Wie eine dieser lustig-dummen Ideen, die gerade mal so gar nicht passen und die man darum nicht los wird, und dann macht man einfach mal. Man müsste eigentlich ins Bett, morgen ist ein wichtiger Tag – „ein Bier noch?“ – „Nein, ich meine das ernst“ – „und wenn wir das nächste Bier in Amsterdam trinken?“ – „du meinst, bevor wir dann weiter Richtung Küste fahren – gebongt!“. Und dann wird man am nächsten Morgen wach und denkt, komisch, gestern hatte Castrop-Rauxel aber noch gar keinen Eiffelturm und, o Scheiße!, wir sind ja in Paris, wie konnte das denn passieren. An dieser Lebensführung war nicht auszusetzen. Und daher hatte es auch keinen Punkt gegeben, um an der Vorführung dieser Lebensführung anzusetzen; um „dazwischenzugehen“, um das drohende Unheil zu verhindern. Unpassende Einfälle sind das Salz in der ansonsten faden Suppe eines durchregulierten, spaßlosen Lebens. „Wir machen das einfach!“ – Selbst die für ausrasterlose Lebensführung stehen sollende Versicherungsbranche hatte das kapiert und verordnete entsprechende, sorry, ERGO-Therapien. Der Rassismus, durchfuhr es mich, war nicht nur in der Mitte der Gesellschaft angekommen, wie ich oft gehört hatte, sondern gerade auch bei denen, die nie vorgehabt hatten, in dieser Mitte Platz zu finden. Er war dabei, universal-kompatibel zu werden und in eine Vielzahl von Milieus einzugehen. Selbst in eines, in dem so sorgfältig abgehalfterte Menschen wie Heinz verkehrten. Musste man sich jetzt darauf einstellen, dass einen der Satz „Ich habe diesmal dann doch die AfD gewählt“ überall anspringen konnte?

Ja, es ändert sich etwas. Früher hatte es einen Bodensatz von 1 oder 2 % gegeben (Bodensatz soll man ja eigentlich nicht sagen soll, aber ob die Gemeinten die gutmenschliche, politisch-korrekte Befolgung dieser Anweisung goutieren würden?). Dieser hatte sich manchmal aufgrund irgendeiner temporären CSU-Abspaltung – sagen wir: Republikaner – zu 5 % aufgeplustert, um sich anschließend wieder mit den üblichen CSU-Rassismen zu begnügen, zumal diese sich ja mitaufgeplustert hatten, damit rechts kein Platz bleib. Das hatte die Ächtung leicht gemacht: Es gab ein paar Unbelehrbare, und die konnte man vernachlässigen, weil sie im Alltag kaum vorkamen. Publizistisch wurden sie auch vernachlässigt, sofern sie nicht kriminologisch und juristisch vernachlässigt wurden, was dann aber für die Publizistik bedeuten hätte, dass eben das zu beanstanden war. Wenn etwas passierte, spielten die rechten Medien es runter, die linken hoch und anschließend glaubt jede Seite, sie sei das Ei und die andere das Huhn.

Und dann kam Heinz? Und zeigte, dass es neben den Hardcore- und den Aufpluster-Nazis auch noch – man traut es sich kaum zu sagen -: besorgte Bürger gab, die einen durchaus liberalen, sehr internationalen, minderheitengewogenen Lebensstil pflegten, und sich „diesmal dann doch“ in einem gefühlten Notstand sahen?

Ja-aber-Nazis, In-Deutschland-wird-endlich-wieder-deutsch-gesprochen-Kauders, Identitäre, Reichsbürger, jetzt also auch noch Hart-aber-Hippie-Heinz. Die funktionale Differenzierung der Rechten schreitet voran. Sie erobert nicht nur neue Debattenräume im Sturm, sondern auch Vergangenheiten, aus denen sich eigentlich gar nicht hätten hervorgehen dürfen.

Und mir war heiß. Das war dann also – harmlos genug – die Situation, in der man Kante zeigen, eindeutig sprachhandeln musste, ein Zeichen setzen. Das Unbehagen verstehen, ohne die daraus gezogenen Konsequenz zu verzeihen. Ich musste also Heinzens Versuch, an unsere „nette Unterhaltung“ anzuknüpfen (das denken asymmetrische Kommunizierer ja oft, dass man sich gut mit ihnen unterhalten habe) freundlich, aber entschieden abwehren. Was ja gerade deshalb umso leichter fallen musste, weil seine Erzählungen so unverdächtig gewesen waren, und weil sie so viele weltanschauliche Überschneidungen geboten hatten, aufgrund derer man sein No-go-Voting quasi gemeinsam angehen, konsensuell-kontrovers diskutieren konnte. Also hub ich an: „Nein. Man darf solche Parteien nicht wählen…“

Redezeitentechnisch war ich immer noch deutlich im Rückstand, aber ich sah mich auf einem guten Weg.

12:30 20.01.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Niklas Buhmann

Selbstironie ist die schlechteste aller Umgangsformen mit dem durch sämtliche Kränkungen zersetzten "Ich" - abgesehen von allen anderen.
Niklas Buhmann

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