Lifehack im Debattenmorast

Nahostkonflikt Wenn zwei politische Gegner offen und mit Neugierde miteinander diskutieren, passiert manchmal das Undenkbare: Es sieht aus, als könnte sich etwas bewegen
Ausgabe 41/2018
Es muss mehr über Fakten geredet werden
Es muss mehr über Fakten geredet werden

Foto: Chris McGrath/Getty Images

Kennen Sie eigentlich noch andere Debatten, auf welche die Beschreibung „festgefahren“ in solchem Maße zutrifft wie auf deutsche Diskussionen zur Lage in Israel-Palästina? Meist ist es ja so: Die Debattenmotoren röhren laut und laufen heiß, doch oh je, die Räder der Argumentation drehen frei: Es geht hin und her, nur weder vor noch zurück, und am Ende rührt sich nichts von der Stelle. Wer das einmal miterlebt hat, wird mit bescheidenen Erwartungen zum Vortrag von David Ranan erschienen sein, jüngst in Berlins Landeszentrale für politische Bildung, Thema: „Israelkritik, Nahostkonflikt und Antisemitismus“.

Doch Ranan, ein israelisch-deutscher Politologe – hierzulande mit einer Studie zum Antisemitismus unter Muslimen bekannt geworden –, schaffte das Erfrischende, einen Vortrag zu halten und eine Position zu vertreten, die außerhalb des Koordinatensystems liegen, das in Deutschland die meisten öffentlichen Diskurse über Palästina-Israel verortet. Ranan, der sich selbst als Zionist bezeichnet, diagnostizierte, dass es in derartigen Debatten meist nicht mehr um Fakten gehe, sondern vor allem um die Motivation der Sprechenden. Dazu gehöre etwa, dass die israelische Regierung ihren Kritikern Antisemitismus vorwerfe, um sich nicht mit Tatsachen auseinandersetzen zu müssen. Und dass sie Antisemitismus derart definiere, dass darunter auch Kritik an der israelischen Politik falle. Umgekehrt gehöre dazu, dass Gegner Israels einwenden, die zionistische Idee sei grundsätzlich rassistisch, was ganz ähnlich darauf abzielt, die Gegenseite zu delegitimieren, anstatt auf der Grundlage von Tatsachen zu debattieren.

Ranans Vorschlag, um zu seiner sachlichen Diskussion zurückzukehren: In allen Streitgesprächen über Israel-Palästina sei das Thema Antisemitismus auszusparen, sich nicht für die Motivation der Sprechenden zu interessieren und stattdessen über Fakten zu reden.

Völlig illusorisch, werden Sie zu Recht sagen. Aber an jenem Abend in Berlin führte David Ranans Vorschlag zu einer überraschend konstruktiven Debatte. Ob die Anwesenden verwirrt waren? Jedenfalls geschah das sonst so Seltene: Eindeutig auf Pro und Kontra positionierte Diskutanten sprachen miteinander – offen und, ja, sogar fast mit Neugierde aufeinander. Es sah fast danach aus, als ob sich etwas bewegte.

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