Shizophrene Intoleranz

Alice Weidel Lesbisch in der AfD: Nur mit alten Männern schafft man die Fünfprozenthürde nicht
Ausgabe 17/2017
Hässliche Worte: Alice Weidel und Beatrix von Storch
Hässliche Worte: Alice Weidel und Beatrix von Storch

Foto: Sascha Schuermann/AFP/Getty Images

"Die politische Korrektheit gehört auf den Müllhaufen der Geschichte", rief Alice Weidel beim AfD-Parteitag ins Mikrofon. Die neue Spitzenkandidatin schrie es sogar hinaus, und der Saal ihrer rechten Parteifreunde tobte. Damit kulminierte in Köln die ganze Erleichterung jenes Teils der Gesellschaft, der sich stimmgewaltig der Anstrengung um gegenseitigen Respekt im Zusammenleben entledigen will.

Alice Weidel verkündete ihre Intoleranz geradezu triumphierend. Die Tatsache, dass sie als Lesbe selbst zu einer Minderheit gehört, die immer noch sehr schutzbedürftig ist, spielte für sie offenbar keine Rolle. Genau besehen kommt sie vielmehr auf perverse Weise zum Tragen: Dass ausgerechnet eine homosexuelle Frau diesen Satz herausschreit, macht ihn in den Augen und Ohren der AfD-Anhänger nur umso glaubwürdiger. Weidel wird zum lebenden Beweis dafür, dass der – aus Sicht der AfD – identitätspolitische Minderheitenkram Quatsch ist. Was wirklich zählt, sind Patriotismus und Leistung.

Und auch dafür steht Alice Weidel. Sie promovierte an der Uni Bayreuth in Wirtschaftswissenschaften und war Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung; danach arbeitete sie für Goldman Sachs und war mehrere Jahre in China tätig. Die Unternehmensberaterin soll zum modernen Gesicht der AfD werden. So viel haben die deutschen Rechtspopulisten von ihren französischen Nachbarn gelernt: Nur mit alten Männern schafft man die Fünfprozenthürde nicht.

Alice Weidel lebt mit ihrer Partnerin und zwei Söhnen zusammen. Für sie scheint das Private nicht politisch zu sein. Offenbar hat sie keine Probleme damit, dass das Programm ihrer Partei die rechtliche Gleichstellung der homosexuellen Partnerschaft mit der Ehe verweigert – und damit auch ihr vorenthält; oder dass die AfD dagegen Stimmung macht, das Bild von Sexualität im Schulunterricht jenen homosexuellen Realitäten anzupassen, die sie und ihre eigenen Söhne leben; oder dass mindestens Teile der AfD eine männerbündlerische und oft offen homophobe Kultur pflegen.

Homophobie operiert immer im Zusammenhang mit anderen gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Weidels privilegierte ökonomische Stellung bestimmt nicht nur ihre Politik – sie setzt sich gegen Erbschaftsteuer und Mindestlohn ein –, sie bewahrt sie auch vor Diskriminierung. Während ihrer Ausbildung wurde auf Diversity offensichtlich kein Wert gelegt. Einen Anlass zur Solidarisierung mit anderen Lesben, Schwulen oder Trans scheint sie nicht zu verspüren. Die Wahrheit ist freilich, dass diese erfolgreiche lesbische Frau ihre Karriere jenen Aktivistinnen zu verdanken hat, die sie jetzt niederbrüllt. Ohne den schwul-lesbischen Kampf für gesellschaftliche Akzeptanz wäre die Position, die sie heute einnimmt, gar nicht denkbar: eine Spitzenkandidatin zu sein, die ihre Homosexualität – wie unsichtbar sie sie auch werden lässt – nicht verschweigen muss.

Jenseits von Biografie- und Charakterfragen verdient der Widerspruch, als Homosexuelle in einer homophoben Partei Karriere machen zu können, also Beachtung. Ein Resultat des relativen Erfolgs der lesbisch-schwulen Emanzipation ist, dass sich für Lesben und Schwule neue Machtoptionen ergeben haben. Diese Möglichkeiten aber nutzen die Profiteure der Toleranz nicht zwingend im Sinne von sozialer Gerechtigkeit. Weidels Satz lässt sich also auch als Kampfansage paraphrasieren: Ich lass mir durch meine Sexualität nicht die Karriere ruinieren – auch nicht den Aufstieg in einer homophoben Partei.

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