Jeden Tag Weltuntergang

Jungsein Als junge Erwachsene mit allen Möglichkeiten und keinen Chancen hat man es in dieser Gesellschaft nicht leicht. Wenn zur „Quarterlife Crisis“ die Perspektiven zerstörende Corona-Pandemie kommt, kann nur noch Taylor Swift helfen
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Schluss mit High life und Weltbereisen, wenn nicht schon durch Umweltbewusstsein, dann jetzt spätestens wegen Pandemie-Beschränkungen
Schluss mit High life und Weltbereisen, wenn nicht schon durch Umweltbewusstsein, dann jetzt spätestens wegen Pandemie-Beschränkungen

Foto: Andy Buchanan/AFP via Getty Images

„It keeps me awake, the look on your face, the moment you heard the news“, singt Taylor Swift, und ich denke mir, ja, sie hat Recht, jedes Mal, wenn ich neue Corona-Fallzahlen lese, erstarre ich und frage mich, kann das alles wahr sein.

„You’re screaming inside, and frozen in time, you did all that you could do“, singt Taylor Swift, und ich denke mir, ja, sie hat Recht, jedes Mal, wenn ich einen neuen Omikron-Fall in meinem Umfeld habe, obwohl wir alles getan haben, was geht, will ich trotzdem heulen.

„The game was rigged, the ref got tricked, the wrong ones think they’re right“, singt Taylor Swift, und ich denke mir, ja, sie hat Recht, wenn ich von „Spaziergängen“ höre, auf denen sich Impf-Gegner*innen und Neonazis mischen, und ich es einfach nicht fassen kann.

Und dann singt sie weiter und fängt mich wieder auf, wenn sie ansetzt, „But only the young, only the young, only the young – can run“, und ich mir denke, ja, sie hat Recht, ich kann rennen, ich kann verändern, ich kann etwas tun – wenigstens kann ich es versuchen.

Taylor Swift liefert den Sound zur Krise

Es ist kein Zufall, dass ich zum drohenden Weltuntergang Musik von Taylor Swift im Ohr habe. Das Lied Only the young kam im Januar 2020 raus, bevor die Pandemie richtig eingeschlagen ist, aber natürlich hat Taylor Swift es geschrieben, um mich durch die Pandemie zu bringen.

Sie hat meinen Sound zur Krise geliefert und tut es immer noch, und das mit Recht, denn wenn es ein Mensch, ein Engel, schafft, mich da abzuholen, wo meine Gefühle in einem tiefen Loch versunken sind, und sie wieder nach oben bringt, ein bisschen Hoffnung vermittelt – dann sie.

Das löst zwar nichts, aber wenigstens überlebe ich, und das ist doch auch schon was.

Krisen gab es ja vorher schon genug. Die Klimakrise hätte mir persönlich gereicht, um Angst vor meiner Zukunft zu bekommen. Jetzt also auch noch Corona. Jungsein in der Krise, das macht halt echt keinen Spaß. Okay, vielleicht macht es niemandem Spaß, aber uns auch nicht, das musste mal gesagt werden –, denn wir haben eben keine Corona-Partys (was soll das sein – wer feiert schon Corona?!) gemacht.

Früher war Jungsein aufregend und unbeschwert, Young and wild and free, heute es ist nur noch aufregend – auf die schlechte Art. Es gibt herzlich wenig zu feiern, wenn die eigenen Zukunftspläne nach zwei Jahren Pandemie einfach zerbröselt sind. Die Quarterlife Crisis, also die Krise – vor allem studierter – junger Erwachsener mit Mitte zwanzig, schlägt zu.

Früher war mehr Rave

Der Sound meiner Jugend – also prä-Corona quasi –, der war viel leichter. Tim Bendzko wollte „nur noch kurz die Welt retten“, nachdem er seine zahlreichen E-Mails gecheckt hatte, und das schien mir durchaus realistisch. Also sowohl die Welt als auch die E-Mails, schließlich hatte ich noch nicht 148 Zoom-Einladungen am Tag im Postfach.

Ich habe die Nacht durchgetanzt, zum ersten Mal in der Disko, betrunken auf der Plattenparty, heimlich auf dem Rave, in der Küche meiner Studien-WG – und am Ende passte das „atemlos durch die Nacht“ dann doch zu gut, auch wenn wir es offiziell natürlich verachtet haben.

Wir haben mit Alligatoah Drogen genommen und es rote Rosen regnen lassen, und kamen uns dabei richtig rebellisch, richtig deep, richtig melodramatisch vor. Klar hatten wir die Welt verstanden, alles ist Leiden, aber alles darin ist auch wunderbar und befreit.

Jetzt sitze ich im Homeoffice und überlege, ob ich wohl je in ein Büro gehe, oder auf immer in meinen eigenen vier Wänden – also gemietet, natürlich, Geld fehlt uns Jungen ja immer - bleibe. Und ob ich nochmal post-Corona-Musik höre.

Die Klimakrise tut ihr Übriges

Ja, das ist eigentlich ganz schön privilegiert. Ja, mir ist durchaus bewusst, dass das Jammern auf hohem Niveau ist. Aber schließlich wachse ich hier mit einer Generation auf, die einmal die Erde retten – und die Wirtschaft und eure Renten – soll, aber gerade noch keine Aussicht auf selbstbestimmte Lebensgestaltung hat.

Corona hat alles verändert, die Klimakrise tut ihr Übriges. Schluss mit High life und Weltbereisen, wenn nicht schon durch Umweltbewusstsein, dann jetzt spätestens wegen Pandemie-Beschränkungen. Mein Auslandssemester musste ich abbrechen und zuhause vor dem Laptop verbringen. Meine Freund*innen in Frankreich zu besuchen, das habe ich mich lange nicht getraut, wer weiß, wann die nächste Variante zuschlägt.

Und das ist ja schon alles richtig, aber es ist anstrengend, anstrengend in dieser krisengezeichneten Zeit jung zu sein. Und ein Leben zu entwerfen.

Taylor Swift hat gerade ihr altes Album Red neu aufgenommen, hat aus einem alten Meisterwerk ein noch größeres neues Meisterwerk gemacht. Ein wütendes, was sehr gut zu meiner aktuellen Krisenstimmung, Variante Querdenken-Unverständnis, passt.

Vielleicht sollte ich das aus meinen alten Zukunftsplänen auch machen, aus alt mach neu und besser. Allein, es fehlt mir das Meisterliche – und Taylor Swifts Privatvermögen. Von ihrem Co2-Fußabdruck ganz zu schweigen.

Aber ich suche mir immer noch selbst aus, wo meine Welt einen rosa Schleier haben soll.

Wenigstens irgendwo.

[Text als Kolumnenidee entstanden im Rahmen der DJS]

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sarah Kohler

60. Kompaktklasse an der Deutschen Journalistenschule in München
Sarah Kohler

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