Kapitalismus gegen Menschenleben

Covid-19 Die Bedingungen des Kapitalismus fordern heute Menschenleben. Gleichzeitig verstärkt die Angst vor Rezession die Bereitschaft zur Opferung von weiteren
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Kapitalismus gegen Menschenleben
Die Menschen dachten, sie hätten die Welt im Griff. Stattdessen sehen wir, dass der Kapitalismus und der Glaube an eine unsichtbare Hand im Angesicht der Corona-Krise überfordert ist

Foto: Kevin Frayer/Getty Images

Die Menschen glaubten, sie wären unbesiegbar, sie hätten die Natur unter Kontrolle, die Welt im Griff, und überhaupt – sie waren zum Mond geflogen, was sollten ihnen da „natürliche“ Dinge noch anhaben können (ein hauptsächlich wohl im Globalen Norden ausgeprägtes Denken). Sie sonnten sich in der Gewissheit, für und gegen alles Maschinen bauen zu können, für und gegen alles Technik entwerfen zu können, für und gegen alles Medizin und Behandlungen und Kontrollmöglichkeiten finden zu können (also im Allgemeinen – nicht diejenigen, die tatsächlich tagtäglich damit kämpfen mussten).

Sie waren überheblich geworden. Und das nicht ohne Grund, denn schließlich erzählten sie sich auch immer und immer weiter, dass sie auf dem Weg des Fortschritts seien, wohin auch sonst, und dieser Fortschritt erkämpfte sich nun mal vor allem durch das Beherrschen ihrer „Umwelt“ – der Kräfte darin und der Emanzipation von ihrem Einfluss. Das Beherrschen einer Umwelt, die vor allem auf brauchbare Ressourcen und ausbeutbare Quellen hin betrachtet wurde, die als passiv und außen angesehen wurde, als „anders“ als das Menschliche; als absolut beherrschbar und absolut nutzbar.

Und diese unsere Überheblichkeit, der moderne Glaube an die Übermacht der Menschen, die rächt sich gerade (unter anderem). Wer nicht an unbeherrschbare Katastrophen und Herausforderungen aus der Natur glaubt, der wappnet sich nicht dagegen. Wer nicht von überraschenden und überfordernden Ereignissen, die sich unserer Kontrolle entziehen könnten, ausgeht, der macht keine Notfallpläne und Vorbereitungen, schafft keine Verbindungen und Naturwissenschaften, mit denen schnell reagiert werden kann. Glaubt nicht an menschliche Unterlegenheit und trifft „irrationale“ Vorbereitungen.

Und wird von Pandemien wie Covid-19 überrascht in seiner Überheblichkeit (nicht alle, wie gesagt, und nicht überall, wie gesagt).

Kapitalismus zerstört Bedürfnisorientierung

Nicht nur die Natur ist dem Kapitalismus egal, Menschen sind es auch. Unter dem Leitprinzip der Rentabilität und des Wachstums ächzen Menschen schon lange unter ihren Arbeitsbedingungen, und das vor allem (wenn auch nicht nur natürlich) in Berufen, die sich um die Grundbedürfnisse der Menschen kümmern. Seit sich diese Befriedigung der Grundbedürfnisse, der Lebensgrundlagen (!) der Menschen auch noch kapitalistisch rechnen muss, wird es in diesen Berufen immer schwerer – und die Möglichkeiten der Erfüllung der Grundbedürfnisse immer schwieriger.

Und das hat uns in eine denkbar schlechte Ausgangslage befördert. Nicht erst seit der sogenannten Corona-Krise ist klar: Unser Gesundheitssystem ist hin, unsere soziale Anerkennungsskala auch. Schon im Normalzustand sind Krankenhäuser an ihren Grenzen der Aufnahmefähigkeit von Patient*innen, sind Pflegekräfte an den Grenzen ihrer Arbeitsbelastung, sind Versorgungsmöglichkeiten an der Grenze des Menschenwürdigen (nicht für alle, versteht sich; Kapitalismus gibt denjenigen mehr, die schon mehr haben). An zusätzliche Versorgung und Aufbau von – ja im Normalzustand nicht rentablen! – Kapazitäten für den Notfall, war gar nicht zu denken. Was sich nicht lohnt, das gibt es nicht. Scheiß auf menschliche Bedürfnisse und das Vorsorgeprinzip.

Und dann wird man von Pandemien wie Covid-19 überfordert in seinen kaputtgesparten Krankensystemen (diesmal beinahe alle, tatsächlich) – und kann sich dann noch nicht einmal auf die „unsichtbare (ja, weil eben nicht existente) Hand“ des Marktes verlassen und darauf, dass dieser Markt schon regeln wird! Zynisch gesagt wäre gerade ja viel Nachfrage an überlebenswichtigen Geräten da – das Angebot kommt aber nicht nach. Stattdessen steigen Preise und Menschenleben retten wird immer weniger rentabel. Atemschutzmasken kosten heute bis zu 30 Euro und Firmen schlagen Profit aus der Überlebensangst anderer. Ja, der Markt regelt auf die ein oder andere Weise – aber beschissen.

Gleichzeitig schreien die größten Verfechter des freien Marktes heute nach der Politik. Sie müsse retten, und zwar am besten sofort, das sei ihre Pflicht (jaja, soviel zum „freien“ Markt). Und klar, natürlich muss sie das. Ein Wirtschaftssystem, das daran scheitert, Menschenleben zu retten und das davon lebt, diese für das System zu opfern – das kann in Krisenzeiten nur scheitern. Schöne Scheiße haben wir uns da eingebrockt.

Und so werden wir von Pandemien wie Covid-19 neben gesundheitlichen eben auch in wirtschaftliche Probleme gestürzt (weil wir ein Wirtschaftssystem aufbauen, das gegen Menschenleben arbeitet).

Die neoliberale Vereinzelung

Aber der Kapitalismus, dieser Hund, hat sich mit seiner Ideologie ja nicht „nur“ in unsere Art des Wirtschaftens eingeschlichen und beherrscht diese heute. Seine beiden Freunde Neoliberalismus und Individualismus – man könnte auch Egoismus sagen, denke ich – haben sich seinem Eroberungszug der Gesellschaft gleich angeschlossen. In der Idee „jede*r gegen jede*n“ und „jede*r für sich“ hat sich das Prinzip „alle gegen alle“ mittlerweile sehr weitgehend durchgesetzt (nicht überall, aber eingeschlichen hat es sich ganz gut in diese Welt und unser Denken). Wer erstmal für sein eigenes Überleben im Kapitalismus zu kämpfen hat, der tut sich mit Klassenkämpfen schwer (nicht, dass ich das jemandem vorhalten wollte).

Und dann gehen Menschen Hamstereinkäufe tätigen, gehen Menschen tonnenweise Grundnahrungsmittel horten, bis diejenigen, die tatsächlich in systemrelevanten Berufen 20 Stunden am Tag arbeiten, abends nichts mehr abbekommen. Sie gehen Masken stehlen und Desinfektionsmittel klauen, bis Ärzt*innen nicht mehr wissen, wie sie sicher operieren sollen und Pflegekräfte um Schutzkleidungsspenden bitten müssen.

Ja, da ist die Grenze des Nachvollziehbaren und doch: Wer gewohnt ist, sich selbst helfen zu müssen, verfällt in Panik, wenn es keine sicheren Aussichten gibt. Wer gewohnt ist, dass ihn*sie der Sozialstaat schon mal durchrutschen lässt, lässt sich zu grausam egoistischen Aktionen hinreißen. Wer gewohnt ist, dass alle Probleme und Bedürfnisbefriedigungen in die Verantwortung des Privaten verlagert werden, der kann es schon mal mit der Hoffnungslosigkeit bekommen.

Aufgefangen wird das übrigens vor allem von Frauen. Es sind schon unter normalen Umständen die Frauen, die sich um die Care-Arbeit in der Gesellschaft und (!) in der Familie kümmern, es sind die Frauen, die heute Zwölf-Stunden-Schichten schieben und gleichzeitig Schulausfall, Freizeitgestaltung und Versorgung ihrer daheimbleibenden Kinder (und Männer vermutlich) stemmen müssen. Der Sexismus ist dieser Gesellschaft eingeschrieben, der Kapitalismus baut auf der unbezahlten und schlechtbezahlten weiblichen – wunderbar sexistisch begründeten – Care-Arbeit auf. In Krisenzeiten ist die Gesellschaft heute noch mehr drauf angewiesen.

Und wird dann von Pandemien wie Covid-19 in seiner Vereinzelung in Panik versetzt (nein, nicht alle, manche gehen solidarisch einkaufen, aber auch das ist fast ein Luxus).

Die Wurzel allen Übels

Die Ausgangsbedingungen waren kapitalistisch zerstört, das Krisenmanagement ist es auch – und die Zukunftsaussichten tun ihr Übriges. Der Kapitalismus gerät in Krisen, wenn er nicht Menschen und Umwelt verfeuern kann, wenn er nicht auf deren Asche wachsen und größer werden kann, wenn er nicht wie in einem Hamsterrad (das immer schneller und größer wird) am Laufen gehalten wird. Das widerspricht sich nur leider mit der Idee von Genesung und Prävention, von Schutz und Ausheilen einer Gesellschaft.

Und weil sich Menschenleben zu retten und den Kapitalismus am Laufen zu halten so widerspricht (wie absurd ist das eigentlich, es ist gerade so o f f e n s i c h t l i c h, warum stört das nicht eine kritische Masse?!), wird eine Abwägung dazwischen mittlerweile offen diskutiert. Wir müssen uns um Menschen und (!) Wirtschaft kümmern, das ist eine sehr gängige Floskel in politischen Ansprachen und Krisenplänen. Bitte? Und? Wie offensichtlich wollt ihr noch aufgezeigt bekommen, selbst (!) aufzeigen, wie kaputt dieses System ist?

Jedenfalls steht im Raum, die Wirtschaft wieder anlaufen zu lassen, viel zu früh, um Infektionsketten zu kappen, um Menschen effektiv zu schützen, um Krankenhäuser nicht zu überlasten. Und das, um eine Wirtschaft am Laufen zu halten, die sich so offensichtlich von uns und unseren Bedürfnissen entfernt hat. Kein Wunder, dass uns eine Pandemie wie Covid-19 überfordert.

Die kapitalistische Weltordnung, ihre Unterwerfung der Wirtschaftslogik, aber auch der Politik und der Gesellschaft, sie ist zu einem großen Teil dafür ursächlich, dass wir dieses Virus nicht richtig in den Griff bekommen und dass wir uns ernsthaft überlegen, ob wir das überhaupt effektiv versuchen dürfen. Menschen und Natur sind in dieser Logik Ressourcen, die zur freien Verfügung stehen, die zu funktionieren haben, und wenn sie es nicht tun, dann tut es ihnen als erstes selbst weh. Strafe folgt direkt. In so einer Logik ist eine effektive, solidarische, menschenzentrierte Pandemie-Bekämpfung einfach beinahe unmöglich.

In einem Interview erklärt der Vizegouverneur von Texas sinngemäß, ältere Menschen sollten bereit sein, sich für eine trotz Corona-Krise laufende Wirtschaft zu opfern. Wenn wir nicht wollen, dass solche Überlegungen irgendwann widerstandslos erwägbar sind, dann sollten wir uns wehren. Jetzt. Der Kapitalismus ist stark, aber gerade zeigt er seine hässliche Fratze so deutlich wie lange nicht. Machen wir was draus.

18:01 30.03.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sarah Kohler

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Sarah Kohler

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