Lexikon der Leistungsgesellschaft: Was wir eigentlich meinen, wenn wir „Alles gut!“ sagen

Kolumne Im Bus einen Ellenbogen ins Gesicht bekommen? „Alles gut!“, beschwichtigen wir. Dabei ist eben nicht alles gut
Ausgabe 45/2022

Viele Gespräche beginnen mit einer Lüge. Im Treppenhaus, auf der Straße, am Kiosk hört man uns ständig sagen: „Alles gut!“ Wer etwa im voll besetzten Bus plötzlich aus Versehen einen Ellbogen ins Gesicht bekommt, sagt das schnell, um ja nicht weiter interagieren zu müssen: Nicht der Rede wert. „Alles gut“, sagen wir auch, wenn wir nach dem allgemeinen Befinden gefragt werden. Es geht uns auch dann leicht über die Lippen, wenn gerade überhaupt nicht alles gut ist.

Beschwichtigend wollen wir mitteilen, alles im Griff zu haben, vielleicht auch: durchzuhalten, nicht rumzujammern, diszipliniert zu sein, keine Schwäche zu zeigen, auch wenn wir jeden Morgen um halb sechs aufstehen müssen, um pünktlich mit einer Arbeit zu beginnen, die wir nicht für uns machen, die uns immer mehr auffrisst. Alles gut, wir wollen uns nicht beschweren, auch wenn wir ständig einen Ellbogen ins Gesicht geschlagen bekommen – absichtlich von Chefs, Vermietern und jenen, die uns täglich jede Aussicht auf eine bessere Zukunft rauben.

Wir wollen uns nicht eingestehen, dass eher alles schlecht als alles gut ist, auch weil wir die Schuld dann bei uns selbst suchen müssten, sind wir doch in einer Welt aufgewachsen, die keine gesellschaftlichen Ursachen für Probleme mehr kennen wollte, sondern nur noch Individuen, Gewinner und Verlierer. Liebeskummer, Stress auf der Arbeit, Weltschmerz? Da hat sich aber wohl jemand nicht im Griff. Wer will schon Versager sein?

Schlimmer als die Antwort ist die Frage: „Alles gut?“ Diese doppelt verriegelte Frage lässt Abweichung von der gewünschten Antwort nur als Problematisierung zu. Eigentlich möchten wir gar nicht wissen, wie es jemandem geht. Am deutlichsten wird das bei Meetings, am besten digitalen, bei denen am besten der Chef beiläufig in die Runde fragt, ob denn alles gut sei, und dabei lediglich wissen möchte, ob gerade alle störungsfrei arbeitsfähig und -willig sind. Alles gut aus dem Munde des Vorgesetzten ist keine Frage, sondern die freundliche Aufforderung, sich gefälligst zusammenzureißen.

Auch wenn wir um die Aussichtslosigkeit wissen, kann „alles gut“ letztlich auch dazu dienen, den irrationalen Glauben aufrechtzuerhalten, dass alles irgendwie besser werden wird, auch wenn wir so weitermachen wie bisher. „Immer, immer ‚Alles gut!‘, // bis das Hirn im Hintern ruht“, schrieb Wiglaf Droste über eine Floskel, bei der also der neoliberale Selbstoptimierungsimperativ auf den lösungsorientierten, systemstabilisierenden Zwangsoptimismus unserer Tage trifft. Und so wird bei jedem „Alles gut“ vor allem eins: nichts besser.

Sebastian Friedrich ist Journalist und führt in dieser Kolumne „Lexikon der Leistungsgesellschaft“ sein 2016 unter diesem Titel erschienenes Buch fort, welches mitunter veranschaulicht, wie der Neoliberalismus unseren Alltag prägt.

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