Das Ende der Erniedrigung

Rezension Der Glaube, China müsse sich den westlichen Werten öffnen oder untergehen, hat durch die Corona-Krise schwer gelitten. Wir sehen jetzt: Das Land geht seinen eigenen Weg
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Das Ende der Erniedrigung
Die Coronavirus-Epidemie war eine große Herausforderung für China

Foto: Kevin Frayer/Getty Images

Der Wiederaufstieg Chinas wird bei uns mit einer Mischung aus Faszination und Furcht wahrgenommen: Bewunderung angesichts der rasanten Entwicklung, die China innerhalb von 40 Jahren von einem Entwicklungsland in die Rolle einer führenden Wirtschaftsmacht katapultiert hat – und Angst vor einem autoritären Regime, das seinen Einfluss sowohl im Fernen Osten als auch weltweit geltend macht. Die ökonomischen Verbindungen zwischen China und dem Westen werden einerseits von Kooperation, zum anderen aber auch von Konkurrenz bestimmt. In den politischen Beziehungen herrscht ein Wechselspiel zwischen Öffnung und Abschottung.

Was will China und welchen Weg wird es künftig gehen? Das sind Fragen, die im Westen nicht nur Wirtschaftsfachleute beschäftigen. Wie sollen wir uns zu China verhalten? Damit setzen sich die politischen Kräfte hierzulande vermehrt auseinander. Angesichts der wachsenden Bedeutung dieser Macht mit 1,4 Milliarden Menschen fällt auf, dass unsere Kenntnisse von Chinas Politik, Ökonomie und Kultur, seiner Geschichte und seinem «Wesen» zumeist sehr spärlich ausfallen. Da greift die interessierte Leserin, der neugierige Leser doch gerne zu einem Werk, welches die Rätsel Chinas aufzuklären verspricht.

Brüche und Widersprüche

«Psychogramm einer Weltmacht» lautet der Untertitel einer Publikation, die mit dem deutschen Wirtschaftsbuchpreis ausgezeichnet wurde und Ende 2019 als Taschenbuch aktualisiert auf den Markt kam. Der Autor Stefan Baron war einst beim Spiegel tätig und arbeitete später als Chefredakteur der Wirtschaftswoche. Seine Frau Guangyan Yin-Baron ist in China aufgewachsen und lebt seit bald drei Jahrzehnten in Deutschland. Sie erscheint als Co-Autorin auf dem Cover, doch im Text spricht fast ausschließlich der Mann.

Völkerpsychologien sind ein wenig aus der Mode geraten, doch stereotypisierte Bilder scheinen die Orientierung in einer unübersichtlichen Welt leichter zu machen. Die These des Buches lautet, eine «über Jahrtausende ungebrochene gemeinsame Kultur» habe «die kollektive seelisch-geistige Prägung» dieses Volkes geschaffen. Tatsächlich besteht seine Geschichte aus vielen Brüchen und den ebenso vielfachen Versuchen, sie wieder zu heilen. Der Autor scheint dazu zu neigen, die Ursachen dieser Brüche vor allem in äußeren Einflüssen zu suchen. Von der Auseinandersetzung mit den inneren Widersprüchen hält er nicht allzu viel. So ist der Sozialismus eine «fremdländische Lehre» und nach Maos Tod «besinnt sich China wieder auf sich selbst».

Vom Objekt zum Subjekt der Geschichte

Dieses «Selbst», das ist offenbar ein modifizierter Konfuzianismus, der auch von Deng Xiaoping und seinen Nachfolgern genutzt werde und sich durch «Harmonie- und Ordnungsstreben sowie hierarchisches Denken» auszeichne. Es ist wohl die Angst vor dem Chaos, die Chinas Herrschende geschickt nutzen, um ihre Macht zu begründen und zu stärken. Deshalb hat die Kulturrevolution Maos, die das Land zeitweilig an den Rand eines Bürgerkrieges brachte, einen schlechten Ruf, wie ich bei einem China-Besuch in Gesprächen mit chinesischen Intellektuellen feststellen konnte. Mein Versuch, auf mögliche emanzipatorische Elemente dieser Revolution hinzuweisen, stieß bei ihnen auf weitgehendes Unverständnis.

Trotz mancher negativen Erfahrungen mit Maos Politik genießt der «Große Steuermann» auch mehr als 40 Jahre nach seinem Tod immer noch große Sympathien bei vielen Chinesen und Chinesinnen. Das Volk rechne ihm hoch an, dass er «China von einem Objekt wieder zu einem Subjekt der Geschichte gemacht hat», schreiben die Barons. Damit spielen sie auf das Jahrhundert der Erniedrigungen an, die China durch westlichen und japanischen Kolonialismus und Imperialismus erleiden musste. Mao und die Kommunistische Partei Chinas setzten dem ein Ende.

«Mandat des Himmels»

Im Buch werden wesentliche Aspekte des Lebens und Zusammenlebens in China aufgefächert. Das beginnt bei «Erziehung und Sozialisation», geht über «Moral und Gesellschaft» und führt bis zu «Lebenseinstellung und Temperament». Jedes Kapitel wird mit drei Begriffen charakterisiert. So steht beispielsweise bei «Denken und Wahrnehmung»: «Praktisch, ganzheitlich, dialektisch». Dabei bezieht sich Stefan Baron durchaus positiv auf Mao, der eine praktische, eingreifende Vernunft gelehrt hatte, welche die Dialektik im Verhältnis der Dinge und Menschen betont. Er schreibt: «China ist ein Land der Widersprüche, die chinesische Kultur eine hybride Kultur. Vieles ist dort nebeneinander und zugleich möglich, das eine und zugleich sein Gegenteil». Dieses Bild widerspricht unseren gängigen Vorstellungen von China als einem monolithischen Gebilde.

Doch strebt nicht genau der heutige Partei- und Staatschef Xi Jinping eine Gesellschaft an, die ganz unter der Kontrolle eines Zentrums, der Führung der Kommunistischen Partei, steht? Gegenfrage: Selbst wenn dies Xis Plan wäre – lässt sich ein Land so groß wie ein Subkontinent tatsächlich umfassend reglementieren? Das Monopol der Macht könne, so die Barons, nur gesichert werden, wenn die KP das Versprechen einlöse, «für Stabilität, Wohlstand und Fortschritt» zu sorgen. Die Führung müsse durch Leistung und Integrität überzeugen, sonst verliere sie das «Mandat des Himmels». So lautete die politische Formel der Kaiserherrschaft, die auch noch für die Kommunistische Partei gelte.

Die Coronavirus-Epidemie war eine große Herausforderung für die politische Führung Chinas. Nach anfänglichem Verschweigen und Versuchen, Nachrichten über die neue Krankheit zu unterdrücken, haben Partei und Staat gezeigt, über welche Möglichkeiten des groß angelegten Einsatzes von Menschen und Material sie verfügen, um das Virus eindämmen und bekämpfen zu können. Xi Jinping und seine Getreuen wissen, was für sie auf dem Spiel steht.

Stefan Baron, Guangyan Yin-Baron Die Chinesen. Psychogramm einer Weltmacht. Berlin (Ullstein Taschenbuch) 2019, 445 Seiten

19:06 30.03.2020
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Geschrieben von

Seifert

Journalist / Publizist / interessiert an Fragen der sozialen Ökologie
Seifert

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