Unterwegs zur Weltmacht

Rezension Chinas Weg ist mit dem Namen Mao Zedong verbunden. Das heutige China scheint nicht mehr sehr viel mit der kommunistischen Utopie zu tun zu haben. Wohin geht die Reise?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Unterwegs zur Weltmacht
Mao Zedong

Bild: STR/AFP/Getty Images

Gegen die «Machthaber, die den kapitalistischen Weg gehen», entfachte Mao Zedong vor bald einem halben Jahrhundert die «Grosse Proletarische Kulturrevolution». Er meinte damit jene Funktionäre, die im Schoss der kommunistischen Partei die alten Herrschaftsverhältnisse erneuern wollten. Mit seiner Warnung lag der chinesische Revolutionär nicht daneben: Tatsächlich führt heute eine nominell kommunistisch gebliebene Partei – der weltweit grösste politische Verband überhaupt – einen in seinen wesentlichen Elementen kapitalistisch organisierten Staat. Rechte, für welche die internationale Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung kämpfte und für die sie sich heute noch einsetzt, wie Rede- und Versammlungsfreiheit, Schutz vor Ausbeutung und Unterdrückung, sind in der Volksrepublik China, wenn überhaupt, nur rudimentär vorhanden.

Die führende Köpfe der Kommunistischen Partei Chinas behaupten, dies sei eben der spezifische Entwicklungspfad ihres Landes: Zuerst müssten sich die kapitalistischen Triebkräfte entfalten können und wirtschaftlichen Reichtum schaffen, bevor sozialistische Verhältnisse möglich würden. Dabei nehmen diese vermeintlichen Kommunisten in Kauf, dass zunächst einmal nur wenige reich oder sogar sehr reich werden – unter ihnen auch zahlreiche Partei- und Staatsfunktionäre. Dass es dann auch einmal für sie reichen werde, bleibt die Hoffnung der aufstrebenden Mittelschichten. Fern von den städtischen Zentren ist aber immer noch etwas vom früheren kommunistischen Geist der Gleichheit zu beobachten, wie der indische Publizist Pankaj Mishra auf verschiedenen China-Reisen mit einiger Verwunderung feststellen konnte: Die «Präsenz der revolutionären Vergangenheit» sei «selbst für jemanden wie mich nicht leicht zu verstehen, der in einem ähnlichen, von postkolonialem und sozialistischem Idealismus geprägten Klima aufgewachsen ist».

Angst vor sozialer Instabilität

Mishra, der 1969 in Nordindien auf die Welt kam, wurde durch sein Buch «Aus den Ruinen des Empires» auch hierzulande bekannt (siehe dazu meine Besprechung in der Buchbeilage vom 9. Oktober 2014). Sein neuestes Werk «Begegnungen mit China und seinen Nachbarn» lenkt den Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen im Riesenreich und deren Wirkungen auf die benachbarten Nationen. China stelle «die grösste Herausforderung für den angloamerikanischen Glauben an die weitere Ausbreitung des Liberalismus» dar, hält der Autor fest, denn es habe «ein spektakuläres Wachstum erzielt, ohne eine auf freien Wahlen basierende Demokratie einzuführen». Dies zeigt möglicherweise, dass der Kapitalismus ganz gut ohne Demokratie auskommen kann. Die Aushöhlung des demokratischen Lebens durch die Profitherrschaft schreitet ja auch im Westen voran.

Die Besonderheit des Kapitalismus chinesischer Prägung besteht darin, dass der Staat weiterhin die Schaltstellen der Wirtschaft kontrolliert und einen beachtlichen Teil des produzierten Mehrwerts abschöpft. Gerade auf diese Stärke des Staates setzen nun manche linke chinesische Intellektuelle ihre Hoffnung. So äussert beispielsweise Cui Zhiyuan, Politikwissenschaftler an der Tsinghua-Universität in Beijing: «Im Westen ist das kapitalistische System festgefahren, in Ländern wie China und Indien sind die Dinge dagegen noch im Fluss. Wir haben die historische Chance, eine bessere und gerechtere Gesellschaft aufzubauen als der Westen.» Mishra meint, das Plädoyer von «Neuen Linken» wie Cui finde zunehmend Anklang bei der chinesischen Führung, denn diese fürchte sich vor sozialer Instabilität.

Wang Hui, ein anderer Linksintellektueller, weist darauf hin, dass die nach Maos Tod durchgeführten wirtschaftlichen Reformen zunächst zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen, insbesondere auf dem Land, geführt hatten. Doch nach der Zerschlagung der studentischen Demokratiebewegung im Juni 1989 stand dem Durchbruch neoliberaler Wirtschaftskonzepte kaum mehr etwas im Weg. Dadurch wurden bestehende soziale Sicherungssysteme, die Teil der Staatsbetriebe waren, zerstört. Die Ungleichheit zwischen Stadt und Land, aber auch innerhalb der Städte und der bäuerlichen Regionen, hat massiv zugenommen. Unzählige, vor allem lokale, Protestaktionen zeugen von der Verunsicherung, die weite Teile der chinesischen Gesellschaft erfasst hat.

Verdienste und schwere Fehler

Heisst die Parole deshalb: Zurück zu Mao? Wohl kaum. Zwar pflegt die Führung weiterhin den Kult um ihren einstigen Führer und bei vielen, vor allem älteren Menschen auf dem Land, ist eine Anhänglichkeit an den «Grossen Steuermann» geblieben. Selbst eine bedeutende Zahl von Angehörigen der neuen Mittelschichten scheint die maoistische Erzählung vom Aufstieg ihres Landes zu akzeptieren: China war einst gross, dann wurde es von den Kolonialmächten niedergedrückt. Schliesslich konnte sich das chinesische Volk dank der kommunistischen Partei selbst befreien und steigt jetzt wieder auf. Doch ein «maoistisches» Programm mit Massenwirksamkeit zeichnet sich kaum ab. Eine Zeitlang lagen die Hoffnungen des linken Parteiflügels auf Bo Xilai, dem einst mächtigen Parteichef der regierungsunmittelbaren Stadt Chongqing. Im Rahmen eines parteiinternen Machtkampfes wurde er jedoch im März 2012 abgesetzt und rund eineinhalb Jahre später wegen Bestechlichkeit, Unterschlagung und Amtsmissbrauch zu lebenslanger Haft verurteilt.

Die Kommunistische Partei Chinas tut sich mit Mao Zedong immer noch schwer. 1981, rund fünf Jahre nach Maos Tod, hatte die Parteiführung erklärt: «Obwohl er in der ‹Kulturrevolution› schwere Fehler beging, überwiegen alles in allem seine Verdienste für die chinesische Revolution.» Während es also für die kulturrevolutionäre Phase von Maos Herrschaft ein offizielles Urteil gibt, bleibt die durch Entscheide von Mao und der übrigen Parteiführung mitverursachte Hungerkatastrophe der Jahre 1958 bis 1962 bislang noch weitgehend im Dunkel. Erst 1980 gab China offiziell zu, dass die Hungersnot während und nach dem von Mao initiierten «Grossen Sprung nach vorn», der das Land wirtschaftlich in die Weltspitze tragen sollte, zahlreiche Menschenleben gefordert hatte. Genannt wurde eine Zahl von 20 Millionen Toten. «Realistischer wäre eine Zahl von 30 und vielleicht sogar 40 Millionen oder noch mehr», schreibt der russische, heute in den USA lehrende China-Forscher Alexander V. Pantsov in seiner umfangreichen Mao-Biographie.

Stalin und Mao

Es gibt zahlreiche Darstellungen des chinesischen Revolutionsführer – vom bewundernden Bericht des US-amerikanischen Journalisten Edgar Snow, der 1937 unter dem Titel «Red Star Over China» erschien (deutsch: «Roter Stern über China», 1973), über Standardwerke, zum Beispiel des US-amerikanischen Sinologen Stuart R. Schram («Mao Tse-tung», 1966, deutsch 1969) bis hin zu vollkommenen Verrissen wie jenem der einstigen Rotgardistin Jung Chang, die 2005 zusammen mit ihrem Ehemann Jon Halliday das Buch «Mao. Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes» veröffentlichte. Der Vorzug der Biographie von Pantsov besteht darin, dass sie sich auf viele, bislang noch kaum genutzte sowjetische Dokumente stützen kann. So versuchen die Autoren, das Verhältnis zwischen der Führung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, insbesondere von Joseph V. Stalin, zu den chinesischen Kommunisten neu auszuleuchten.

Pantsov und Levine kommen zum Ergebnis, dass der Aufbau der 1921 gegründeten Partei ohne die ideologische, personelle und insbesondere finanzielle Hilfe der Sowjetunion nicht möglich gewesen sei. Früh schon hatte Stalin die Führungsqualitäten des aus der südchinesischen Provinz Hunan stammenden Journalisten Mao Zedong erkannt und ihn gefördert. Dieser war auf sowjetische Protektion angewiesen, ging aber doch in vielerlei Hinsicht seinen eigenen Weg, der ihn immer deutlicher von der Vormacht der Kommunistischen Internationale entfremdete. Dabei spielte insbesondere die Bauernfrage eine entscheidende Rolle. Das sowjetische Entwicklungsmodell beruhte auf dem Primat der Schwerindustrie, dem sich alles andere unterzuordnen hatte. China hingegen, eine weitgehend bäuerlich geprägte Nation, sollte eine andere Richtung beschreiten, welche die Bedeutung landwirtschaftlichen Produktion für die Entwicklung des Landes unterstrich.

Konflikt zwischen «Brüdern»

Die Befreiung der kleinen und mittleren Bauern vom Joch der Grundherren sowie das Versprechen an die Landlosen, eigenen Boden bebauen zu können, war die Grundlage für den Sieg der chinesischen Revolution im Jahr 1949. Ein weiteres Fundament für die Festigung der revolutionären Macht war die vor allem gegen den japanischen Expansionismus gerichtete konsequent anti-imperialistische Position der kommunistischen Partei. In einem langwierigen Kampf verstand es der um Mao Zedong versammelte Führungskern, Japan zum Rückzug zu zwingen und schliesslich auch die zeitweise mit den Kommunisten liierte nationalistische Partei der Guomindang unter Chiang Kai-shek zu besiegen. Stalin war allerdings darauf bedacht, dass die chinesischen Kommunisten nicht zu mächtig wurden – und diese Generallinie zog sich bei dessen Nachfolgern weiter.

Der Konflikt zwischen Beijing und Moskau verschärfte sich Mitte der 1950er Jahre, nach den Unruhen in Polen und dem Ungarn-Aufstand. Im Oktober 1956 erklärte Mao in einer Sitzung des obersten Führungsgremiums seiner Partei: «Wenn die Sowjetunion Truppen einsetzt, werden wir Polen unterstützen.» Dem von Nikita S. Khrushchev nach Stalins Tod initiierten «Tauwetter» stand Mao aber sehr skeptisch gegenüber: Er befürchtete eine Verwässerung sozialistischer Prinzipien durch die sowjetische Politik der «friedlichen Koexistenz» mit dem kapitalistischen Staatensystem. Der Ton zwischen den beiden «Bruderparteien» verschärfte sich und mitten in der bislang grössten Krise der Volksrepublik, der bereits erwähnten Hungersnot, zog Moskau die sowjetischen Experten aus China zurück und beendete die Unterstützung wichtiger Industrieprojekte. Es sei «sehr unwahrscheinlich», dass Khrushchev ernsthaft die Folgen seiner Entscheidung bedacht habe, meinen die Autoren. Diese Einschätzung kommt sehr blauäugig daher, denn es ist anzunehmen, dass die sowjetische Führung sehr wohl über das Ausmass der chinesischen Wirtschaftskrise informiert war.

Ein ambivalentes Bild

Das ist nur ein Beleg für die Annahme, dass der Einbezug sowjetischer Quellen möglicherweise noch nicht gründlich genug erfolgt ist. An vielen Stellen im Buch von Alexander V. Pantsov und Steven I. Levine wird auch deutlich, dass ihnen die Einbettung der Fakten in eine Ideengeschichte nicht gelingt. So sind ihnen die Folgen des Denkens und Wirkens von Mao Zedong nur wenige Schlussseiten wert. Dort kommen sie auch zu einem äusserst ambivalenten, sogar höchst gegensätzlichen Bild des chinesischen Revolutionärs. Er habe Wesentliches zur Wiedergeburt der chinesischen Nation geleistet und dafür gesorgt, dass China zu «einem der wichtigsten geopolitischen Zentren der Welt aufsteigen» konnte. Auf der anderen Seite habe Mao «den leidgeprüften Menschen Chinas durch Täuschung und Gewalt einen totalitären Sozialismus» aufgezwungen. Wie passen diese beiden Seiten zusammen? Darüber erhalten wie bei Pantsov und Levine keine befriedigende Antwort.

Das jeweilige Bild von Mao Zedong ist, wie Pankaj Mishra – auch er kein Mao-Freund – vermutet, weniger Ausdruck objektiver Forschungstätigkeit, sondern ein Indikator für Veränderungen in der «gemütsverfassung des chinesischen Volkes» und, so wäre hinzuzufügen, auch der globalen Sicht der Widersprüche in der heutigen Welt.

Alexander V. Pantsov in Zusammenarbeit mit Steven I. Levine: Mao. Die Biographie. Aus dem Englischen übersetzt von Michael Bischoff. Frankfurt/M. (S. Fischer Verlag) 2014, 992 Seiten.

Pankaj Mishra: Begegnungen mit China und seinen Nachbarn. Malaysia – Hongkong – Indonesien – Taiwan – Mongolei – Tibet – Japan – Indien. Aus dem Englischen von Michael Bischoff. Frankfurt/M. (S. Fischer Verlag) 2015, 382 Seiten.

15:30 01.10.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Seifert

Journalist / Publizist / interessiert an Fragen der sozialen Ökologie
Seifert

Kommentare