Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock
RE: Adolf Hitlers gescheiterte Selbstanzeige | 12.01.2016 | 17:33

Noch was gefunden.

Warum Hitlers Selbstanzeige nicht gefruchtet haben dürfte, liegt wahrscheinlich vor allem daran, dass die Auslegung des Straftatbestands der Volksverhetzung, die in der Weimarer Republik noch "Anreizung zum Klassenkampf" hieß, damals noch den praktischen Erfolg der aufreizenden Äußerungen voraussetzten. Also ohne Aufruhr keine strafbare Handlung. Nachzulesen in Von der "Anreizung zum Klassenkampf" zur "Volksverhetzung" (§ 130 StGB) Reformdiskussion und Gesetzgebung seit dem 19. Jahrhundert von Benedikt Rohrßen.

Wie wir wissen, saß Hitler wegen Hochverrats im Gefängnis. Hier reichte die Teilnahme an einer Geheimverbindung. Außerdem fand der Putsch ja dann auch tatsächlich statt. Dass die Justiz auch damals vor allem auf dem linken Auge blind war, zeigt die Verurteilung von Rosa Luxemburg wegen "Anreizung zum Klassenhass". Das war allerdings noch 1906. Der § 130 StGB hat sich seit dem Bestehen des Deutschen Reichs vor allem gegen die Linke gerichtet. Nach 1933 war es Hitler selbst, der den verschärften Paragrafen dann unter dem Namen der "Volksverhetzung" gegen seine politischen Gegner aller Lager einsetzte.

RE: Adolf Hitlers gescheiterte Selbstanzeige | 12.01.2016 | 16:24

@ Joachim Petrick

"Wie das denn? Die Edition erfolgt, trotz Verbots, der Nachdruck wird dann aber, anders als die Edition, die ja in weiten Teilen notwendig ebenfalls ein Nachdruck ist, strafrechtlich sanktioniert?"

So ist es. Auch die junge Juristin aus dem Stück von Rimini Protokoll warnt vor einer Verbreitung des Buches. Wie Bisky in der SZ richtig schreibt, wird man wahrscheinlich bei einer Verbreitung (wie auch immer) von Mein Kampf weiterhin mit einer Klage wegen Volksverhetzung rechnen müssen. Auch der Vortrag bei einer Veranstaltung in einem bestimmten Zusammenhang, die geeignet ist, den "öffentlichen Frieden" zu stören, kann strafrechtlich verfolgt werden. Ein Paradox, aber so ist es eben. Man (wer auch immer das sei) wird sich nun wohl öfter mal wieder auf die Kunstfreiheit berufen, um das Buch öffentlich zu machen. Bin schon sehr gespannt. Aber vermutlich wird es gar kein gesteigertes Interesse an einer unkommentierten Veröffentlichung von Mein Kampf geben. Auch in rechten Kreisen ist man sich sicher der unklaren Rechtslage bewusst. Und wer es unbedingt lesen will, kann das Buch schon länger über entsprechende Links auf ausländische Server kostenlos als PDF herunterladen.

RE: Adolf Hitlers gescheiterte Selbstanzeige | 12.01.2016 | 15:49

Lieber Joachim, vielen dank fürs Verlinken und den Hinweis auf deinen sehr interessanten Beitrag hier. Auch im Recherchestück von Rimini Protokoll gibt es die nackten Zahlen von Auflage und Tantiemen bezogen auf die Jahre 1925 (Erstauflage) bis 1944. Seine Blüte erlebte das Buch tatsächlich erst nach 1933, wurde aber auch schon vorher fleisßig gekauft und trotz Verrissen der bürgerlich liberalen Presse auch gelesen. Insgesamt erreichte das Buch eine auflage von fast 12,5 Mill. Exemplaren bis 1944. Hitler strich sage und schreibe 15 Mill. Reichsmark ein, etwa 8 Mill. davon nach 1933 unversteuert. Steuerschulden von vor 1933 wurden ihm erlassen. Die Höhe der von den Standesämtern verschenkten Hochzeitsausgaben war regional unterschiedlich. Nicht jede Sadt (z.B. auch Berlin) konnte sich das leisten. Auf seine Tantiemen musste Hitler also auch in diesem Fall nicht verzichten. Dazu kamen die Hitlerbriefmarken, da sich Hitler die Rechte an seinem Konterfei gesichert hatte. Was davon übrig blieb hat der Staat Bayern als Rechtsnachfolger eingestrichen und unnachgiebig diese Rechte auch durchgesetzt bis hin zu Klagen im Ausland. Trotzdem gibt es vor allem in Indien, der Türkei, Russland und im arabischen Sprachraum eine Vielzahl von Schwarz-Ausgaben. Vieviel Tantiemen nach 1945 geflossen sind, konnte das Stück allerdings nicht aufklären. Zumindest gab es auch schon eine Übersetzung ins Hebräische für den Studiengebrauch in Israel. Interessanter Weise hat sich der Freistaat Bayern aus der Mitfinanzierung der kommentierten Neuausgabe zurückgezogen.

Ansonsten beschäftigt sich der Theaterabend weniger mit dem Inhalt. Er versucht eher die Haltung der und die Wirkung auf die Deutschen zum Buch bis heute zu untersuchen. Das ist durchaus unterhaltsam, gelingt aber nur bedingt. Mein Kampf gelesen will natürlich kaum jemand haben, und wenn dann nur die Schlagzeilen. Irgendwie hat sich Mein Kampf dennoch zum Mythos entwickelt, den nun die kommentierte Neuausgabe zerstören will.

Der von Aussie42 benannte Verwendungszusammenhang von Mein Kampf im Dritten Reich war ein klar propagandistischer. Das Buch fand sich in vielen Soldatentornistern. Es kann also nicht die Rede davon sein, dass niemand es gelesen und nur als schönen Buchrücken ins Regal gestellt hat. Nicht nur der Führer selbst war Kult, sondern auch sein Pamphlet. Es ist jedenfalls genug von seinen propagandistischen Thesen im deutschen Volk hängen geblieben.

Erste Kritik an der kommentierten Ausgabe des Münchner Instituts für Zeitgeschichte übt übrigens der Historiker Götz Aly in der Berliner Zeitung. Sein Fazit: "Sie ist auch für verständige Laien fast unlesbar und weicht zentralen Fragen aus."

Zitat: "Die Editoren vermeiden die Frage, warum und wie Hitler mit seinem in „Mein Kampf“ dargelegten Programm die Massen gewinnen konnte. Selbstverständlich bedurfte es dazu äußerer Umstände: Versailler Friedensdiktat und Inflation, ausländische Militärinterventionen, bewaffnete Aufstände im Inneren und die Weltwirtschaftskrise ebneten ihm den Weg. Seinen Wählern versprach er bedingungslosen Antiliberalismus und kraftvollen Staatskapitalismus. Den rassisch angeblich Gleichen und erbhygienisch angeblich Gesunden verhieß er das Zeitalter national-sozialer Gerechtigkeit. Er stellte den totalen Staat über das Individuum. Er verkehrte die sozialen, religiösen und regionalen Gegensätze, die innerhalb der deutschen Gesellschaft bestanden, zu äußeren – zu nationalen und rassischen. Mit dieser Mixtur gelang ihm die Entfesselung ungeheuerlich zerstörerischer Energien."

"Sie (Die Editoren) behaupten, sie hätten Mein Kampf dekonstruiert. Das stimmt nicht. In Wahrheit dekonstruieren sie Geschichte. Jeder Historiker stellt seine Fragen aus der Gegenwart, aber mit der anderen Hälfte seines Gehirns muss er sich in die fragliche Zeit versetzen und in diesem Fall erklären, warum so viele Deutsche 1932/33 Hitler wählten und sich noch mehr Deutsche bis zum Beginn des Krieges für seine Politik begeisterten. Der Historiker muss also nicht nur mitteilen, warum heutige Deutsche Hitler als Verbrecher ansehen, sondern auch, warum just deren moralisch und geistig nicht schlechter ausgestatteten Vorfahren ihm so gern folgten, was sie an seiner groben Sprache so reizvoll fanden."

Quelle: Propagandaschrift von Adolf Hitler: Die neue „Mein Kampf“-Edition erstickt im Detail | Kultur - Berliner Zeitung:
http://www.berliner-zeitung.de/kultur/propagandaschrift-von-adolf-hitler-die-neue--mein-kampf--edition-erstickt-im-detail,10809150,33492434.html#plx1606221490

RE: Pop-Kultur 2015 | 01.09.2015 | 14:39

Wie wäre es als selbsternannter "Popkultur-Fanatiker" mit etwas mehr substantieller Kritik am Artikel oder vielleicht auch am beschriebenen Event? Bin gern zu einer Diskussion bereit.

RE: XXI. ROHKUNSTBAU | 06.08.2015 | 10:17

Nee, lag an einem anderen dummen Fehler. Die eingebundene URL muss natürlich auch dauerhaft gefunden werden können. So, jetzt ist der volle Bildgenuss wieder hergestellt. Vielen Dank für den freundlichen Hinweis.

RE: Berlinale 2015 | 17.02.2015 | 15:42

Ich kann hier kein wirkliches Leistungsgefälle erkennen. Es gibt nur verschiedene Stile und Auffassungen Filmen zu machen und auch Filme zu bewerten. Das sagt noch nichts über die Qualität. Letztendlich muss ein Film mit politischer Aussage sein Publikum finden, und da kann so ein großes Festival schon hilfreich sein, auch ohne dass unbedingt ein Preis dabei abfällt.

RE: Die Manouches von New Orleans | 10.10.2014 | 10:32

Lieber Jamal, zur Untermalung deiner schönen Buchrezension hier ein Bild von Dotschy Reinhardt beim ihrem großartigen Konzert 2013 beim TFF in Rudolstadt auf der Heidecksburg.

http://blog.theater-nachtgedanken.de/wp-content/uploads/2014/10/tff13_Dotschy-Reinhardt-e1412929758208.jpg

RE: Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste | 15.08.2014 | 12:55

Liebe Magda, den Film kann man seit gestern in den Kinos sehen. In Berlin z.B. im Eiszeit, den Hackeschen Höfen, in der Kulturbrauerei und dem Sputnik am Südstern. Die verlinkte Kritik von Matthias Dell hatte ich noch gar nicht entdeckt. Sie steht, wie ich gerade festgestellt habe, auch in der Printausgabe des aktuellen Freitag. Da können Sie wohl schon Artikel online sehen, die offiziell erst für zwei Wochen später zur Online-Veröffentlichung vorgesehen sind. So, so. ; - )

RE: Zur Lage der Nation | 11.08.2014 | 15:55

Liebe(r) IDOG,

ich hätte wetten können, dass auf diesen Satz irgendwann jemand anspringt. Sie haben mir den Gefallen getan, vielen Dank.

Zur allgemeinen Protestwelle der Politverdrossenheit zählen sicher die Aktionen der Occupy-Bewegung der letzten Jahre wie in Frankfurt/M., Berlin oder Hamburg. Auch die Demos gegen Stuttgart 21, worauf sich der Film FREILAND in Anlehnung anfänglich ja bezieht.

Ob man das nun "allgemein" oder eher vereinzelt nennen kann, sei mal dahingestellt. Aber Protest hat es in Teilen Deutschlands durchaus gegeben. Im Moment sieht es aber wieder eher "flau" aus. Oder wie würden Sie das sehen? Und Moritz Laubes Film trägt leider auch nicht gerade dazu bei, sich eine wie auch immer geartete Protestwelle oder andere Alternativen zum vorherrschenden Gesellschaftssystem vorzustellen.

Mehr wollte ich damit nicht sagen.

RE: WOLFSFRIEDEN | 29.07.2014 | 15:44

Lieber KalleWirsch, Kunst ist jetzt nicht immer etwas, was sich direkt auf irgendwas beziehen muss. Was nicht heißen soll, dass sie ohne jeglichen Bezug zur realen Welt existieren kann, auch wenn das manche Künstler vielleicht auch anders sehen. Ein Bezug besteht, wie Du schon richtig bemerkst, vor allem auch in den meist prekären Verhältnissen, in denen hier Kunst entsteht. In diesem Fall ist das Anliegen der Performer dann auch eher ein idealistisches, vielleicht auch solidarisches. Es gab ja auch einige Kreativleute von der Cuvry-Brache, die mitgemacht haben. Vor allem soll für Aufmerksamkeit und Akzeptanz geworben werden und für ein friedliches Miteinander. Die Probleme der Brache liegen, wenn man einmal da war, offen auf der Hand. Ich habe es kurz erwähnt. Verschiedene Gruppen und Interessenslagen, Zoff mit den Anwohnern, etc. und die Ungewissheit, wie es weiter gehen kann. Kunst ist immer eine Option und sicher nicht die schlechteste, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Der Inhalt der kleinen Stücke zielt dabei vorrangig auf die Schwierigkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen jeglicher Art, die Probleme kreativer Menschen im Allgemeinen und das Anderssein im Besonderen. Dazu nutzt man geschickt die Location und das vorhandene Potential. Ob es was bringt, vermag ich nicht zu sagen. Die Kunst ist kein Allheilmittel und selbst in ihrer Existenz bedroht. Da befruchten sich die Anliegen der Künstler und Bewohner gegenseitig, und das kann auch auf den Zuschauer überspringen. Liebe Grüße, Stefan