Kulturkampf und Todesstrafe

Meinung In Uganda stellt ein neues Gesetz Homosexualität unter Strafe. Doch dieser Kulturkampf tobt auch schon in anderen Ländern, meint unser Autor
Ausgabe 23/2023
Öffentlich queer sein kann in Uganda die Todesstrafe bedeuten
Öffentlich queer sein kann in Uganda die Todesstrafe bedeuten

Foto: Luke Dray/Getty Images

In Uganda kann seit Ende Mai einvernehmlicher Sex zwischen Menschen mit dem Tode bestraft werden. Noch mal: Seit ein paar Tagen kann in Uganda auf ’nen netten konsensuellen Arschfick unter Männern (oder jede andere sexuelle Spielart) potenziell die Todesstrafe stehen. Für „Rekrutierung, Förderung und Finanzierung“ queerer „Aktivitäten“ drohen bis zu 20 Jahre Gefängnis, und wer wegen „versuchter schwerer Homosexualität“ verurteilt wird, muss mit einer Haftstrafe von bis zu 14 Jahren rechnen. Das Gesetz wurde im ugandischen Parlament mit einer Mehrheit von 387 zu 2 verabschiedet und von Staatspräsident Yoweri Museveni unterzeichnet. Es ist seitdem rechtskräftig und repräsentiert angeblich den Mehrheitswillen der Menschen in Uganda. Die Konsequenzen für Queers werden desaströs sein.

Bevor jetzt jemand in spätkoloniale Denkmuster verfällt, im Sinne von: „Ach ja, diese unzivilisierten Wilden, die waren halt schon immer so!“ – nein.

Nicht nur ist die Homophobie in Subsahara-Afrika ein unmittelbares Resultat englischer kolonialer Gesetzgebung – die seit gut 20 Jahren rollende Welle queerfeindlicher Gesetzgebungen wird in Uganda direkt von US-amerikanischen evangelikalen Geldgeber*innen vorangetrieben. Trotzdem führt das ostafrikanische Land eine transnationale Entwicklung an, die versucht, Jahrzehnte queerer Befreiungskämpfe zurückzurollen. Eine Erfahrung, die andere progressive Bewegungen, wie der Feminismus oder die Umwelt- und Klimabewegung, auch machen.

Krisenüberforderte Gesellschaften suchen Sündenböcke

Was zum Teufel passiert da also gerade? Warum dieses höchst repressive, dieses unmenschliche Gesetz, ist es doch mit Sicherheit nicht so, dass queerer Sex, dass angebliche „Rekrutierungsversuche“ klandestiner Brigaden in Uganda die zentralen gesellschaftlichen Probleme in einem Land darstellen, in dem 41 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben. Und trotz der extremen Eskalation, die dieses Gesetz darstellt, stellt sich diese Frage ja auch in anderen Ländern: in den USA, einem Land, das vor gigantischen gesellschaftlichen Herausforderungen steht. Wo die völlig lächerlich weite Verbreitung von Schusswaffen und nicht Dragqueens, die Kindern vorlesen, die Haupttodesursache für Kinder sind. Es läuft gerade ein massiver Kulturkampf gegen eben diese Dragqueens, projiziert eine inszenierte „Moralpanik“ eine reaktionäre gesellschaftliche Angst auf Männer, die in Frauenkleidern Kindern Wissen über offene Geschlechtlichkeit und sexuelle Identität vermitteln wollen.

Klar, von Kulturkampf bis zur Todesstrafe ist es immer noch ein weiter Weg, aber der Grund für diese beiden absurden Entwicklungen ist derselbe: krisenüberforderte Gesellschaften suchen sich Sündenböcke, auf die sie all ihre Ängste projizieren können. Es sind nicht immer die Queers und Trans, aber immer häufiger. In Deutschland hasst man queeren „Gendergaga“ und in Russland, Uganda und vielen anderen Ländern Queers ganz allgemein.

Die Antwort darauf kann sich nicht auf symbolische außenpolitische Moves der Bundesregierung beschränken, sondern: queere Bewegungen müssen, erstens, ähnlich transnational agieren wie die Evangelikalen und nicht im beschränkten methodologischen Nationalismus der vergangenen Jahre und Jahrzehnte verharren. Und progressive Bewegungen müssen, zweitens, den gemeinsamen Feind erkennen – den rechten Backlash.

Tadzio Müller ist Queer- und Klimaaktivist. Er schreibt den Newsletter für Klimagerechtigkeit und gegen den Normalwahnsinn: friedlichesabotage.net

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